Vorläufiger Verzicht auf Autozölle Trumps erratische Taktik

Der vorläufige Verzicht des US-Präsidenten auf die Verhängung von Autozöllen sollte niemanden beruhigen. Denn dahinter steht keine Einsicht - die Unsicherheit für die Autobauer bleibt.

Sportwagen für den Export bei Porsche (Archivbild)
Krisztian Bocsi/ Bloomberg/ Getty Images

Sportwagen für den Export bei Porsche (Archivbild)

Von , Washington


Der spontanste Freudensprung fand an der Börse statt: Kaum hatte sich am Mittwoch die Nachricht verbreitet, dass Donald Trump auf die Verhängung von Autozöllen erst einmal verzichtet, schossen die Kurse von Daimler und BMW, aber auch die von GM und Ford hoch.

Denn nicht nur bei den erfolgreichen deutschen Autoexporteuren hatte in den vergangenen Monaten die Angst ums Geschäft grassiert, auch in den USA schlug die Sorge vor den Folgen möglicher Importbeschränkungen des US-Präsident hoch. Nun ist die Erleichterung groß.

Da wäre nur noch ein Problem: Die Freude ist verfrüht.

Wirtschaftsvertreter betonen gerne, dass nichts so schädlich für sie ist wie Unsicherheit - die aber ist das Einzige, was Donald Trump ihnen garantiert. Die Entscheidungen dieses US-Präsidenten sind unvorhersehbar, erratisch und absolutistisch. Die Gnadenfrist von offenbar bis zu sechs Monaten bei den Autozöllen verdankt die Welt nicht der gewachsenen Einsicht des selbst ernannten "Zoll-Manns" oder auch nur dem Einfluss moderater Stimmen in der Administration, sondern der Tatsache, dass Trump nach dem Verhandlungsdebakel mit China nicht eine weitere Front aufmachen will. Denn auch in seiner Basis, bei den Farmern Amerikas, die um die Existenz kämpfen, wächst die Unruhe. Trump will seine Wähler deshalb nun mit zusätzlichen Milliarden an Agrarsubventionen befrieden.

Autozölle sind die Nuklearoption

Würde er in dieser Lage den Autokrieg erklären, hätte das seinen Kritikern Auftrieb gegeben. Denn in einem sind sich Industrievertreter, Konjunkturexperten, Verbrauchervertreter und viele Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks so einig wie selten: Autozölle schaden der Wirtschaft. Sie würden die Verbraucher Geld kosten, globale Lieferketten umwerfen und könnten im schlimmsten Fall die wackelige Weltkonjunktur zum Kippen bringen. Kurz: Sie sind die Nuklearoption des vom US-Präsidenten angezettelten Handelskriegs.

Trumps Moratorium ist daher in seinem Kalkül das Gebot der Stunde: Er muss sich dann nicht mit weiteren Protesten im eigenen Lager herumschlagen und behält zugleich das Druckmittel gegen Deutschland und die EU in der Hand. So könnte er die Zolldrohung dazu nutzen, um Europa zu Verhandlungen über eine Öffnung des Agrarsektors zu drängen. Die Autozölle könnten auf diese Weise "zum trojanischen Pferd" werden, sagte David Hauner von Bank of America Merrill Lynch dem Sender CNBC. Denn der Agrarsektor sei es, "wo das große Geschäft für die USA und Europa stattfindet".

Erreicht Trump nichts, kann er die Zollwaffe wieder anlegen. Wie er sich nach dem Ablauf der neuen Frist entscheiden wird, kann niemand vorhersagen. Wenn es ihm in sechs Monaten innenpolitisch opportun erscheint, wird er ungeachtet aller Expertenwarnungen den angedrohten Zoll von 20 oder 25 Prozent auf importierte Autos und Teile aufschlagen. Oder er wird die Frist nach seinem Gusto ein weiteres Mal verlängern. Nur eines ist ziemlich undenkbar: Dass Trump die Zölle irgendwann endgültig absagt. Am besten verhandelt es sich nach seiner Lebenseinstellung schließlich mit der Pistole in der Hand.

Kritiker halten sich zurück

Zwar gibt es selbst in den Reihen der Republikaner Widerstand gegen die Handelspolitik des Präsidenten, die die Wirtschaft zur Geisel seiner Wiederwahl-Bestrebungen nimmt. Wie zaghaft die vermeintlichen Revoluzzer aber im Ernstfall auftreten, konnte man gerade beim Stopp der Handelsgespräche mit China beobachten. Die Kritik am Scheitern des größten Dealmakers aller Zeiten blieb verhalten. Selbst die Demokraten fürchten, von den Wählern als zu chinafreundlich wahrgenommen zu werden, und hielten sich zurück. Trump hat freie Hand. Man sei nun "genau da, wo wir sein wollen", trompetete der Mann im Weißen Haus nach dem erfolglosen Treffen der Unterhändler der USA und Chinas. Das Schlimmste: Er glaubt das womöglich wirklich.

Die Europäer haben nur eine Möglichkeit, um Trumps Drohung den Schrecken zu nehmen. Sie müssen sich darauf einstellen, dass die Autozölle kommen. Die spontane Freude der Börsianer wird vermutlich nicht allzu lange währen.



insgesamt 62 Beiträge
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chrismuc2011 16.05.2019
1.
Dann drohen den Europäern auf lange Sicht Chlorhühnchen, genmanipulierte Lebensmittel und Fracking Gas zu erhöhten Preisen. Denn eines ist für mich jetzt schon sicher. Deutschland wird einknicken.
steveleader 16.05.2019
2. Ignorieren aber vorbereiten
Herr Trump muss man dort packen wo es Ihm am meisten weh tut. Er will und braucht Aufmerksamkeit. Inzwischen weiß jeder wie er funktioniert. Reden funktioniert nicht. Die USA sollte,bis zum Ende der Amtszeit von Herr Trump, erstmal in den "Kühlschrank" gestellt werden. Genau beobachten und vorbereitet sein, aber ignorieren was verlangt wird. Ihm keine Bühne mehr bieten. Herrn Trump muss man aussitzen.
Alm Öhi 16.05.2019
3. 7,5% gdp
Lieber SPON jeden Tag wird hier beschrieben dass die große Krise auf uns zukommt, aber die Autoindustrie inklusive der Zulieferer tragen nur zur 7,5% zu unserem deutschen Bruttosozialprodukt bei. Die restlichen 92.5% sind von der Automobilindustrie nicht betroffen. Ergo wir haben keine Krise! Das Problem ist dass die Automobilindustrie felsenfest denkt Sie wäre der wichtigste Industriezweig, aber leider ist das nicht der Fall. Im Gegenteil seit Jahren ist klar das wir Überkapazitäten von 40% haben, die abgebaut werden müssen. Leider wird durch das Kurzarbeitmodell diese Schweinerei von Steuerzahler subventioniert.
s.l.bln 16.05.2019
4. Das kann bereits...
...nach der Europawahl vorbei sein, wenn Trumps rechte Fürsprecher eine stärkere Position in der EU haben sollten. Evtl. war die Verschiebung Teil des Gespräches mit Orban, in der Hoffnung, daß genau das passiert. Andererseits könnte die Zeit tatsächlich für Europa arbeiten. Sollten die Chinesen sich weiter unnachgiebig zeigen und die US Konjunktur sackt im Wahljahr ab, kann die EU ganz anders auftreten, weil dann klar ist, daß er sich einen weiteren Mißerfolg im Handelskonflikt nicht mehr leisten kann. Trump ist zuzutrauen, daß er das Thema komplett "vergißt" sobald er merkt, daß es ihm schadet. Haben wir zuletzt beim Moslembann und beim Mauerbau erlebt. Der ist auf der Suche nach Opfern, nicht nach Gegnern. Oder es kommt ganz anders. Der weiß morgens noch nicht, was er mittags twittern wird.
isi-dor 16.05.2019
5.
Mir hat noch kein Mensch erklären können, warum Trump in Autoimporten rechtmäßig eine Gefahr für die Nationale Sicherheit sehen darf und damit ohne Parlament eine diktatorische Entscheidung treffen darf. Das ist doch der Gipfel der Absurdität. Haben die USA überhaupt noch ein Parlament, oder regiert der "geliebte Führer" inzwischen komplett absolutistisch dort?
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