Donnersmarcks Davos-Premiere "Eine lebendig gewordene New York Times"

In Davos tummeln sich nicht nur das Big Business und die große Politik: Auch "Oscar"-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck ist dabei. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt der Neuling beim Weltwirtschaftsforum von erhellenden Momenten - und der seltsamen Hierarchie unter den Reichen der Welt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Henckel von Donnersmarck, das Weltwirtschaftsforum will dem Motto zufolge "den Zustand der Welt verbessern". Wie ist Ihr Eindruck: Gelingt das? Oder geht es hier vor allem um Networking und um gute Geschäfte - und um die Kreditkrise?

Henckel von Donnersmarck: So kann man das nicht sagen. Es sind schon viele Menschen hier, die Stiftungen mit wirklich guten Konzepten repräsentieren - ob es um Gesundheit geht oder darum, Kindern in Entwicklungsländern unternehmerisches Können beizubringen. Oder die als "Social Entrepreneurs" bezeichneten Manager, die eine Firma mit sozialem Hintergrund betreiben. Das finde ich ganz ermutigend, damit wird dem Anspruch von Davos auch eine gewisse Glaubwürdigkeit verliehen. Aber ich habe auch viel Absurdes erlebt.

"Oscar"-Gewinner Henckel von Donnersmarck: In Davos berichtete er auf einer Veranstaltung über die langwierige Arbeit zum Film "Das Leben der Anderen"
REUTERS

"Oscar"-Gewinner Henckel von Donnersmarck: In Davos berichtete er auf einer Veranstaltung über die langwierige Arbeit zum Film "Das Leben der Anderen"

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Henckel von Donnersmarck: Unternehmer zum Beispiel, die "nur" fünf Milliarden Dollar Umsatz machen und sich damit gerade mal für das Forum qualifizieren, werden weniger respektvoll behandelt, als solche die sieben oder neun Milliarden machen. Da gibt es schon eine gewisse Hierarchie unter den Teilnehmern, obwohl das doch eigentlich virtuelle Vermögensunterschiede sind.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist Ihnen das besonders aufgefallen?

Henckel von Donnersmarck: Ich war beispielsweise auf einer Veranstaltung, auf der die Eigentümer und Chefs von wirklich riesigen Firmen vertreten waren. Dann kam Lakshmi Mittal - der Stahlmagnat. Und alle anderen waren abgemeldet. Alles stürzte quasi auf Mittal zu. Es macht schon einen Unterschied, ob man die Nummer eins oder nur die Nummer zwei ist, selbst wenn es sich in diesen unglaublichen Vermögenssphären abspielt.

SPIEGEL ONLINE: In Davos sind die Reichen und Mächtigen der Welt deutlich in der Mehrheit. Ist das nicht eine abstruse Situation, wenn es um Armut, Umweltprobleme und politische Krisen geht?

Henckel von Donnersmarck: Manchmal bemerkt man vielleicht eine leichte Entrücktheit der Potentaten. Beispielsweise war ich auf einer Veranstaltung, auf der es um die USA ging. Dort wurde ein Teilnehmer zum Image Amerikas befragt. Und er antwortete sinngemäß: Amerika hat natürlich überhaupt kein Image-Problem. Auf die Frage, was er dem nächsten Präsidenten raten würde, sagte er in etwa: noch selbstbewusster aufzutreten. Das war seine Empfehlung für das gegenwärtige Amerika, das fand ich schon sehr erstaunlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben Ihm da nicht Recht?

Henckel von Donnersmarck: (lacht) Das ist ja gar keine Frage. Ich glaube, 99 Prozent der Menschen geben ihm da nicht Recht. Der Chefredakteur einer Zeitung sagte nach der Veranstaltung zu mir, sowas kann nur in Davos passieren. Wobei ich auch dankbar bin, wenn jemand hier nicht nur die bekannten Phrasen drischt, sondern aus einer Sicherheit der Macht heraus auch provoziert.

SPIEGEL ONLINE: Werden zu viele Phrasen gedroschen?

Henckel von Donnersmarck: Ja, natürlich. Schon weil die Presse dabei ist, wird zumindest in den offenen großen Veranstaltungen nicht ganz offen gesprochen. Sachlich lernt man oft nicht allzu viel - oder erfährt zumindest nichts, was man danach nicht in der Zeitung lesen würde. Aber es ist trotzdem interessant, die Veranstaltung ist so ein Art lebendig gewordene "New York Times".

SPIEGEL ONLINE: Traditionell wird extrem wenig geschlafen in Davos, wie viele Stunden hatten Sie diese Woche?

Henckel von Donnersmarck: Heute Nacht zumindest nicht viele. Es gibt ja viele Veranstaltungen und lustige Partys, die bis in die frohen Morgenstunden gehen. Und heute ist der letzte Tag, den will ich noch ausnutzen. Nicht umsonst heißt es hier immer, man kann schlafen, wenn man zu Hause ist. Wobei das meinen drei Kindern auch schwer zu vermitteln sein wird. Aber ich habe gerade den Prinzen von Belgien getroffen, der auch immer um 6 Uhr aufstehen muss, weil er ebenfalls drei Kinder hat. Das tröstet mich. Und als Filmemacher ist man auch gewohnt, nicht viel zu schlafen.

Das Interview führte Anne Seith.



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