Doping-Fall Sinkewitz Sponsoren drohen mit Rückzug aus dem Radsport

Das Doping-Debakel bei der Tour de France hat wirtschaftliche Konsequenzen: Nach Adidas erwägen auch andere Sponsoren, aus dem Radsport auszusteigen. Audi, Gerolsteiner, Skoda, Milram - sie alle wollen einen Werbe-Stopp nicht ausschließen. Den Teams würden Millionen entgehen.

Hamburg - Den Anfang machte gestern Adidas. "Wir befassen uns sehr ernsthaft mit dem Gedanken an einen Ausstieg aus unseren Sponsoring-Aktivitäten", sagte ein Unternehmenssprecher. "Es stehen noch Gespräche aus, aber die Zeichen stehen eher auf Ausstieg."

Heute Morgen zog dann Audi nach. Der Autohersteller stellt bei der Tour de France etwa zwei Dutzend kostenlose Begleitfahrzeuge für das T-Mobile-Team. Im Herbst, sagte eine Audi-Sprecherin, werde man dieses Engagement "angesichts der jüngsten Vorfälle kritisch überprüfen". Einen Rückzug schloss sie nicht aus.

Mindestens drei weitere Unternehmen machen sich ebenfalls ernsthafte Gedanken. Ihre Befürchtung: Der Doping-Verdacht gegen T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz könnte den Radsport endgültig in Verruf bringen - und das Image der Sponsoren in Mitleidenschaft ziehen. Egal, ob die Unternehmen mit dem Team T-Mobile in Verbindung stehen oder nicht: In der öffentlichen Wahrnehmung, so die Sorge, könnte das PR-Desaster auf die gesamte Branche abfärben.

Besonders düster sieht man das bei Gerolsteiner. Der Mineralwasserhersteller unterstützt das gleichnamige Team, der Vertrag läuft bis Ende 2008. Noch in diesem August will das Unternehmen entscheiden, ob es den Vertrag verlängert - oder aussteigt.

"Wir wollen Mineralwasserkonsumenten erreichen", sagt ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. "Wenn die Brücke zum Konsumenten nicht mehr funktioniert, dann steht unser Engagement ernsthaft in Frage."

Dabei trifft das Team Gerolsteiner selbst keine Schuld. Der mutmaßliche Dopingsünder Sinkewitz fuhr schließlich für die Konkurrenz. Was das Unternehmen jedoch beunruhigt, ist der Ausstieg von ARD und ZDF aus der Tourberichterstattung.

"Wie wir uns entscheiden, hängt maßgeblich von den Zuschauerzahlen ab", sagt der Gerolsteiner-Sprecher. "So gesehen war die Entwicklung der letzten Tage ein herber Rückschlag." Möglicherweise würden sich Zuschauer enttäuscht vom Radsport abwenden.

Nachdem Sat.1 die Live-Übertragung übernommen hat, müsse man abwarten, wie sich die Einschaltquoten entwickeln. "Das steht jetzt wirklich auf dem Prüfstand."

Immerhin: Einen Imageschaden für sein Mineralwasser erwartet Gerolsteiner nicht. Eine Marktforschungsstudie im Auftrag des Unternehmens registriert zwar einen sinkenden Rückhalt in der Bevölkerung für den Radsport insgesamt. Das Team Gerolsteiner hingegen werde als unbescholten wahrgenommen. "Es gibt keinen negativen Einfluss auf die Marke Gerolsteiner", sagt der Sprecher.

In der Zwickmühle steckt auch der Autohersteller Skoda. Vor 110 Jahren wurde das Unternehmen von einem Fahrradproduzenten gegründet, seitdem fühlt es sich dem Radsport traditionell verbunden. Die aktuelle Entwicklung allerdings sieht man bei Skoda gar nicht gerne. "Natürlich stellen wir uns die Frage, ob unser eigenes Image Schaden nimmt", sagt ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. Zumindest bestehe die Gefahr, dass der Fall Sinkewitz die Sportart so sehr in Verruf bringt, "dass das Fass überläuft".

Noch hat man bei Skoda aber Hoffnung. Das Unternehmen stellt unter anderem Fahrzeuge für das Team Gerolsteiner zur Verfügung. "Das scheint eines der wenigen Teams zu sein, die es kapiert haben", sagt der Skoda-Sprecher. "Es wäre ein Fehler, jetzt alle unter Generalverdacht zu stellen." Eine kurzfristige Entscheidung über ein Ende des Sponsorings stehe deshalb nicht an. "Wir hauen nicht in Hektik ab."

Wenn ein Gerolsteiner-Fahrer jedoch des Dopings überführt würde, "dann ändert das die Sache sofort", sagt der Skoda-Sprecher. "Wenn dort die gleiche Sauerei passiert, sind wir weg." Noch setze man aber darauf, dass der Radsport die Wende zum Guten schaffe. "Da wollen wir mit dabei sein."

Kritische Stimmen sind auch bei Nordmilch, dem Geldgeber des Teams Milram, zu hören. Der Vertrag läuft zwar noch bis Ende 2009. Doch Marketing-Vorstand Martin Mischel betont im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass es eine Ausstiegsstrategie gebe. "Wenn wir eine Schädigung unserer Markenwerte feststellen würden, reagieren wir." Im Vordergrund stehe dabei nicht die Meinung der Medien, sondern die des Verbrauchers.

Allerdings: Nicht alle Unternehmen sehen im jüngsten Doping-Fall eine Gefahr für das eigene Image. So will der Lebensmittelkonzern Dr. Oetker dem Radsport in jedem Fall treu bleiben. Das Unternehmen hat kein eigenes Team, lässt aber Fahrzeuge in der Werbekaravane mitfahren - beworben wird zum Beispiel die aus dem Hause Oetker stammende Pizza Ristorante.

"Es gibt keine Überlegungen, sich zurückzuziehen", sagt ein Sprecher. Die Kampagne werde von Dr. Oetker in Frankreich organisiert und ziele auf den französischen Markt ab. "Dort wird die Tour ganz anders wahrgenommen als in Deutschland", sagt der Sprecher. "Die Stimmung der Franzosen ist ausgezeichnet." Und dieses Millionenpublikum will das Unternehmen erreichen - Doping hin oder her.

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