Dosenpfand Trittin und der schleichende Boykott

Bundesumweltminister Jürgen Trittin wertet die Einführung des Dosenpfands als Erfolg und will den Verbrauchern dennoch entgegenkommen. Die Verkäufer beklagen dagegen Umsatzrückgänge und wollen Dosenautomaten künftig nicht mehr bestücken.


AP

Berlin – "Das Dosenpfand markiert eine Wende auf dem Getränkemarkt", sagte Trittin am Mittwoch in Berlin nach der Sitzung des Kabinetts. "Die Einführung der Pfandpflicht auf Einweg- Getränkeverpackungen stabilisiert Mehrweg und stoppt den Trend zu immer mehr Wegwerfverpackungen." Das von manchen heraufbeschworene Chaos bei der Einführung des Dosenpfands sei ausgeblieben, so die Ansicht des Bundesumweltministers.

Anders sieht das die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Sie befürchtet für 2003 Umsatzrückgänge und kündigte einen weiteren Stellenabbau in den eigenen Reihen an. Neben der lahmenden Konjunktur nannte der BVE auch das Dosenpfand als wichtigsten Grund für die befürchteten Absatzverluste.

Der größte europäische Automatenbetreiber Selecta geht noch einen Schritt weiter. Von Ende Januar an sollen die eigenen Dosenautomaten nicht mehr befüllt werden. "Wenn die 2002 hergestellten Produkte, die noch unbepfandet veräußert werden dürfen, verkauft sind, dann bleiben die Schächte leer", sagte Geschäftsführer Uwe Linden der "Sächsischen Zeitung". Für Mitte März habe der Handel aber die Einführung einer automatentauglichen 0,5-Liter PET-Mehrwegflasche zugesagt, die man dann verwenden werde. Die Selecta-Gruppe betreibt rund 70.000 Verkaufspunkte.

Trittin will bei den derzeitigen Regeln noch nachbessern. Der Bundesumweltminister sagte in einem WDR-Interview, es sei nicht einzusehen, dass etwa auf Dosen mit Bier-Mischgetränken wie Radler Pfand erhoben werde, während solche mit Spirituosen-Mischgetränken pfandfrei blieben. Nach seinen Vorstellungen soll künftig auf alle ökologisch nachteiligen Einweg- Getränkeverpackungen Pfand fällig werden. Nicht betroffen wären dabei Tetra-Paks. Milch soll in allen Einweg-Verpackungen pfandfrei bleiben. Gleiches soll für Einwegflaschen mit Wein, Sekt und Spirituosen gelten.

Entsprechende Eckpunkte hatte Trittin bereits am vergangenen Wochenende mit Landesumweltministern von Union, SPD und Grünen beraten. Bis Mitte Februar wollen die Minister prüfen, ob auf Grundlage der Eckpunkte ein Kompromiss zwischen Bundesregierung, Bundestag und den Bundesländern möglich ist. Dann soll es ein weiteres Spitzengespräch geben.



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