Drama um Freddie-Mac-Finanzchef Tod des Schattenmanns

Er galt als Bankexperte, als Strippenzieher hinter den Kulissen: David Kellermann, Finanzchef des taumelnden US-Hypothekengiganten Freddie Mac, wurde tot aufgefunden. Die Polizei geht von Selbstmord aus. Ist er ein Opfer der Kreditkrise und der Manager-Hatz in den USA?

Von , Miami


Miami - Die Kellermanns führten - zumindest nach außen hin - ein idyllisches Leben. Seit 1999 wohnten sie in einer Backsteinvilla in Hunter Mill Estates, einer feinen Siedlung im Washingtoner Vorort Vienna. Sie waren aktive, beliebte Nachbarn, spendeten für wohltätige Zwecke, dekorierten ihr Haus zu Weihnachten und zu Halloween. Ihre fünfjährige Tochter Grace spielte oft auf dem Klettergerüst im Garten. Sie waren eine typisch amerikanische Familie.

Finanzmanager Kellermann: "Nie auf dem Radarschirm aufgetaucht"
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Finanzmanager Kellermann: "Nie auf dem Radarschirm aufgetaucht"

Das Idyll endete am Mittwoch. Um kurz vor 5 Uhr früh ging bei der Polizei im nahen Fairfax ein Notruf ein. Kurz darauf trafen Streifenwagen vor der Villa der Kellermanns ein. Wie Polizeisprecherin Lucy Caldwell bestätigte, fanden die Beamten den 41-jährigen David Kellermann nur noch tot auf: "Allem Anschein nach Selbstmord." US-Medien ergänzten ebenso schnell wie übereinstimmend, dass seine Frau Donna ihn entdeckt habe. Er habe sich im Keller erhängt.

Selbstmorde sind nicht nur tragisch, sondern meist auch unbegreiflich, für die Familien und für Außenstehende erst recht. Selbst wenn es einen Abschiedsbrief gibt - keine Erklärung der Welt kann vollends ausleuchten, was wirklich in einem Menschen vorgeht, der den Freitod wählt.

Im Fall Kellermann jedoch machten die Spekulationen sofort noch aus anderem Grund die Runde - womit die zutiefst private Trauer zur öffentlichen Causa avancierte: Kellermann war der amtierende Finanzchef des einst so mächtigen US-Hypothekengiganten Freddie Mac, der in der Kreditkrise fast kollabiert wäre. Seit September 2008 steht Freddie Mac unter staatlicher Kontrolle - und gilt als Symbol der Finanzmisere.

Freddie Mac in der Krise

Der Konzern, der die Immobiliendarlehen von Millionen Amerikanern finanziert, bekam eine Geldspritze von 14 Milliarden Dollar, um zu überleben. Und bat, nach Verlusten von mehr als 50 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr, kürzlich um weitere 31 Milliarden Dollar Stütze. Parallel beschäftigen sich die Justiz und die US-Börsenaufsicht SEC mit dem Geschäftsgebaren des Unternehmens.

Nichts davon muss mit Kellermanns Suizid zu tun haben, dessen Hintergründe bis zum Mittwochabend in den USA ungeklärt blieben. Doch die Umstände - Kellermann war zuletzt mit dem nächsten Quartalsbericht befasst, der Ende Mai fällig wird - machten die Tragödie schnell zur Eilmeldung. Und zwar sowohl bei den lauten Kabelsendern wie auch bei den betulicheren Medien.

Das "Wall Street Journal" meldete Kellermanns Selbstmord als schnellen "News Alert", noch bevor dessen sterbliche Überreste aus der Villa getragen und zum Gerichtsmediziner gebracht wurden. Da warteten bereits ein halbes Dutzend TV-Teams vor dem Haus und viermal so viele Reporter.

Dramen in der Finanzkrise

Was auch am Ende herauskommt: Kellermanns Geschichte offenbart schon jetzt, dass sich hinter den Umwälzungen in der US-Finanzwelt zutiefst persönliche Dramen abspielen. Nicht nur bei den ganz offensichtlich Betroffenen - den abgezockten Kunden, den gefeuerten Mittel-Managern, den zahllosen Betroffenen, die ihr Geld verloren haben, wenn nicht sogar ihre komplette Existenz. Sondern eben auch bei denen, die schnell, manchmal vorschnell als Übeltäter gebrandmarkt werden.

Kellermann war der buchstäbliche Insider. Er war seit mehr als 16 Jahren bei "Freddie" beschäftigt, wie der Hypotheken-Moloch im Volksmund heißt. Er begann als Finanzanalyst, arbeitete sich schließlich zum Chefbuchhalter hoch. Als die US-Regierung Freddie unter ihre Kontrolle brachte, wurde er zum amtierenden Chief Financial Officer befördert, um mitzuhelfen, die komplexen Transaktionen des Konzerns zu entwirren, der seinen Niedergang nicht zuletzt seiner Verstrickung in das berüchtigte Subprime-Kreditgeschäft verdankte.

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