Drama um US-Autobauer Letztes Ultimatum für Detroit

Die Regierung Obama zeigt überraschend Härte im Kampf um die maroden US-Autobauer. GM bekommt 60 Tage, um endlich ein glaubwürdiges Zukunftskonzept auszuarbeiten, Chrysler nur 30 Tage - wenn sie scheitern, gehen sie in die Insolvenz.

Von , New York


New York - Sie nennen es Amerikas Auto der Zukunft, das Beste, was die Branche zu bieten hat: Fords neuer 2010 Fusion Hybrid schafft mit einer Tankfüllung fast 1200 Kilometer, kostet 27.270 Dollar (abzüglich 3400 Dollar Steuergutschrift), ist sicher und sieht flott aus. "USA Today" spricht vom "besten Benzin-Elektro-Hybrid bisher", "Fortune" gibt ihm das größte Kompliment, das ein US-Auto bekommen kann: "Man muss sich darin nicht schämen."

Kein Wunder, dass Ford als einziger der drei großen US-Autobauer auf Staatshilfe verzichtet und glaubt, die Krise aus eigener Kraft bewältigen zu können. Für seine zwei maroden Rivalen General Motors (GM) und Chrysler dagegen geht es jetzt ums Ganze.

Wagoner: Von Obama zum Rücktritt gezwungen
AFP

Wagoner: Von Obama zum Rücktritt gezwungen

US-Präsident Barack Obama will ihnen am Montag weitere Hilfsmilliarden in Aussicht stellen - aber nur unter strikten Auflagen. Die Sanierungspläne beider Konzerne hat die Auto-Taskforce des Präsidenten ersten Berichten zufolge abgelehnt, weil sie nicht weit genug gingen, um dauerhaft das Überleben zu sichern. Chrysler soll nun 30 Tage Zeit und Geld bekommen, um sein Konzept zu überarbeiten, der Opel-Mutterkonzern GM 60 Tage. Eine Insolvenz wird nach wie vor nicht ausgeschlossen.

Es ist die letzte Chance für die Autostadt Detroit. Wie dramatisch die Lage ist, zeigte sich am Sonntagabend: Da wurde bekannt, dass GM-Chef Rick Wagoner mit sofortiger Wirkung zurücktreten wird. Als Zugeständnis an die Regierung. Der Abgang des Mannes, der seit 2000 Vorstandschef war, war eine Bedingung des Weißen Hauses für weitere Hilfszusagen. Wagoner hatte als Vorkämpfer der Konzerne im Kampf um mehr Staatshilfen im US-Kongress die schärfste Kritik einstecken müssen.

45 Prozent Absatzeinbruch - nur Ford legt zu

Der Rückzug eines Vorstandschefs unter politischem Druck ist ein drastischer Schritt - zu dem zum Beispiel die US-Banken, die ebenfalls Milliardenhilfen brauchen, bisher nicht bereit waren. Dabei sind die Hilfsgelder für die kränkelnde Autobranche relativ bescheiden im Vergleich zu den immensen Summen, die die USA in die Finanzindustrie stecken. GM hat bisher 13,4 Milliarden Dollar bekommen und benötigt weitere 16,6 Milliarden Dollar, Chrysler fordert insgesamt neun Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Allein die beiden Bankenrettungspakete der vergangenen Wochen addieren sich auf 2,25 Billionen Dollar.

Doch geht es hier ja um viel mehr als den Erhalt einer bedrohten Industrie. Es geht um einen Bestandteil des "American Dream". Matt Bai nannte die Marke GM im "New York Times Magazine" vom Sonntag "genauso ein Symbol für die Aspirationen der Mittelklasse wie das Reihenhaus und der Urlaub in Disneyland".

Bezeichnend: Auch das Reihenhaus ist in der aktuellen Krise bedroht - und Mickys Phantasiereich kämpft gegen Besucherschwund.

GM und Chrysler beschäftigen allein in den USA insgesamt 144.000 Mitarbeiter. Millionen weitere sind über Zulieferer und Händler vom Schicksal der Firmen abhängig - weshalb die US-Regierung die Auto-Giganten nicht einfach in die Insolvenz laufen lassen kann. Doch GM kann sich nach Berechnung von Branchenanalysten nur rund einen weiteren Monat halten, bevor es neue Staatsgelder braucht. Chrysler, das überwiegend der Beteiligungsgesellschaft Cerberus gehört, noch kürzer. Seit den ersten Kongressanhörungen im November ist der kombinierte Auto-Absatz beider Konzerne um 45 Prozent eingebrochen. Ford dagegen verzeichnete einen Anstieg, und zwar vier Monate hintereinander - zum ersten Mal in 14 Jahren.

"Schlanker, schärfer und wettbewerbsfähiger"

Im Februar hatten GM und Chrysler ihre Sanierungspläne vorgelegt, die nun von der Auto-Sonderkommission des Weißen Hauses unter Leitung der Finanzinvestoren Steven Rattner und Ronald Bloom geprüft wurden. Eigentlich sollte dieser Dienstag die letzte Deadline für eine Entscheidung über die Konzepte und ihre Umsetzung sein - doch weil der Regierungs-Taskforce die Pläne zu schlecht waren, bekommen Chrysler und GM nun jene letzte Gnadenfrist von 30 respektive 60 Tagen.

Was in dieser Zeit passieren soll, hat Obama selbst deutlichgemacht. In der CBS-Talksendung "Face the Nation" knüpfte er am Sonntag jede weitere Staatshilfe an "eine Reihe von Opfern aller Beteiligten - Management, Arbeiter, Aktionäre, Gläubiger, Zulieferer, Händler". Später, als die Eilmeldung von Wagoners Rücktritt über die Ticker lief, wurde klar, dass er das so hart meinte, wie er es sagte. Die Branche müsse "jetzt ernsthafte Umstrukturierungsschritte ergreifen, um eine aussichtsreiche Zukunft zu bewahren". Die Sanierungspläne von GM und Chrysler würden zu kurz greifen. Die Industrie könne zwar erhalten werden - aber nur als "eine, die realistisch darauf zugeschnitten ist, diesen Sturm zu überstehen".

Im Klartext: "Schlanker, schärfer und wettbewerbsfähiger, als sie bisher ist."

Die Sanierungspläne müssen nach den Worten von Obamas Sprecher Robert Gibbs sowohl die kurzfristigen Probleme berücksichtigen als auch weit über die momentane Krise hinausblicken. Die Kernfrage sei: "Wie finden wir, wenn wir aus der Rezession in den Aufschwung finden, einen nachhaltigen Weg, der nicht nur für ein Jahr gute Geschäftsentscheidungen bringt, sondern auf viele Jahre hinaus?"

Was passiert, wenn die Konzerne an einer Antwort auf diese Frage scheitern, haben Regierungsinsider an diesem Wochenende ebenfalls klargemacht. Wenn sie nicht überzeugen, hieß es, würden sie staatlich überwachten Insolvenzverfahren zugeführt. GM und Chrysler würden dabei getrennt behandelt - notfalls könnte also nur einer von ihnen überleben.

Merkel macht ihre Hilfen von Obama abhängig

Obama geht es bei dieser Drohung auch darum, die Gläubiger unter Druck zu setzen. Allein GM, das in den vergangenen zwei Jahren fast 70 Milliarden Dollar Verluste gemacht hat, ächzt unter 28 Milliarden Dollar Schulden und soll diese um zwei Drittel reduzieren.

GM und Chrysler sind weiter in intensiven Verhandlungen mit der Autogewerkschaft UAW. Sie wollen die Arbeitnehmer überzeugen, noch härtere Sparmaßnahmen zu akzeptieren: Stellenkürzungen, niedrigere Löhne und eine Straffung der teuren Pensionärsleistungen. GM hat angekündigt, bis Ende 2009 weltweit 46.000 Stellen abzubauen, um existenzfähig zu bleiben - der Schritt sollte die US-Regierung von der Ernsthaftigkeit der Sanierungspläne überzeugen.

Seinen 62.000 in der UAW organisierten Angestellten bot GM "Buyout"-Pakete an, die 20.000 Dollar Barabfindung und einen Auto-Gutschein über 25.000 Dollar enthalten. "Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass wir bereit sind, unser Sanierungskonzept durchzuführen", sagte GM-Vizepräsident Gary Cowger. Die Frist, dieses Angebot anzunehmen, läuft ebenfalls am Dienstag ab - was dann auch der letzte Arbeitstag der Betroffenen wäre. Nur rund 7500 Arbeiter haben das Angebot bisher angenommen. Weit weniger als erhofft.

Die deutsche Regierung und die GM-Tochter Opel warten gespannt auf die Auto-Entscheidung in den USA. Kanzlerin Angela Merkel und Obama hatten Ende vergangener Woche per Videokonferenz vereinbart, das weitere Vorgehen miteinander abzustimmen. Von der US-Haltung macht Berlin seine Unterstützung für Opel abhängig. Der deutsche Autobauer hat in ganz Europa Staatshilfen über 3,3 Milliarden Euro gefordert. Parallel ist er auf der Suche nach einem Investor - der die Ketten zum Mutterkonzern GM kappen könnte.



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Seite 1
Benjamin1965 30.03.2009
1. Grosse Frage
Zitat von sysopFührungswechsel bei GM, großer Druck der US-Regierung, umstrittene Sanierungspläne - die Auto-Giganten von Detroit sind in ihrer schwersten Krise. Was muss passieren, damit sie überleben können?
Sollen sie ueberleben? Ist das im Interesse des deutschen Volkes? Ist das Interesse der Amerikaner? Eines ist absolut sicher: Obama (und jeder andere US President) werden US Interessen vor jegliche andere Interessen der Welt stellen. Leider kann man das von einer deutschen Regierung nicht behaupten.
Laotse, 30.03.2009
2. Verpuppung
Zitat von sysopFührungswechsel bei GM, großer Druck der US-Regierung, umstrittene Sanierungspläne - die Auto-Giganten von Detroit sind in ihrer schwersten Krise. Was muss passieren, damit sie überleben können?
Da müssen aus den fetten Raupen leichte Schmetterlinge werden und das wird nur im Kokon von US-Insolvenzverfahren möglich sein. Abwehr- oder Verzögerungsstrategien werden - so verständlich sie politisch und menschlich auch sind - nur zusätzliche verpulverte Kosten bedeuten. Dazu gehören auch die jetzt beschlossenen weiteren Nachfristen der US-Regierung.
Beutz 30.03.2009
3. Versager
Zitat von sysopFührungswechsel bei GM, großer Druck der US-Regierung, umstrittene Sanierungspläne - die Auto-Giganten von Detroit sind in ihrer schwersten Krise. Was muss passieren, damit sie überleben können?
Es passiert -im Gegensatz zu D- endlich das, was passieren muss. Liebe Grüße.
Tom_63, 30.03.2009
4. Neue Produkte
Zitat von sysopFührungswechsel bei GM, großer Druck der US-Regierung, umstrittene Sanierungspläne - die Auto-Giganten von Detroit sind in ihrer schwersten Krise. Was muss passieren, damit sie überleben können?
Hätten die Taugenichtse von Manager schon früher nach alternativen Antrieben gesucht wäre es nicht soweit gekommen. Bush war da sicher auch ein Bremser und als Präsident ein Versager. Bei den Deutschen Autobauern gilt das Gleiche. Wenn sie weiter so schlafen dann ist es auch um sie geschehen. Auf keinen Fall dürften die Autobauer durch staatliche Hilfe gestützt werden. Dies gilt auch für die Banken.
kleinrentner 30.03.2009
5. nur wer für den Markt sprich Nachfrage produziert
Zitat von LaotseDa müssen aus den fetten Raupen leichte Schmetterlinge werden und das wird nur im Kokon von US-Insolvenzverfahren möglich sein. Abwehr- oder Verzögerungsstrategien werden - so verständlich sie politisch und menschlich auch sind - nur zusätzliche verpulverte Kosten bedeuten. Dazu gehören auch die jetzt beschlossenen weiteren Nachfristen der US-Regierung.
hat es verdient gerettet zu werden. So gesehen ist eine Anpassung über ein geordnetes Insolvenzverfahren zu befürworten. Entspricht ja auch den Marktregeln!!! Für De sei noch zu sagen, dass ich es unerträglich finde, wie die asozialen Opelbetriebsräte, denen das Schicksal und vor allem die Arbeitsbedingungen ihrer Leih-und Zeitarbeiter jahrelang nicht im Geringsten interessierte, jetzt die deutsche Politik mitleidsheischend versuchen in eine Staatsbeteiligung zu quatschen. Schlage vor, die Herren Betriebsräte fahren nach Detroit und jammern da, bei ihrem Herrn und Brötchengeber. Opel ist schliesslich seit 80 Jahren kein deutsches Unternehmen mehr, und als Steuerzahler ein Totalverweigerer.
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