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Drang nach Sibirien

Japaner und Russen wollen gemeinsam sibirische Rohstoff-Vorkommen erschließen. Auf ein konkretes Projekt konnten sie sich jedoch bisher nicht einigen.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Es wird nie mehr das alte Japan sein«, klagte ein amerikanischer Japan-Experte, und ein europäischer Diplomat wußte auch, warum: »Bald schließen Japaner und Russen einen Pakt.«

Die professionellen Japan-Beobachter glauben, Ansätze für eine außenpolitische Neuorientierung der Nixon-geschockten Japaner in Richtung Moskau zu erkennen. Als Wegbereiter einer künftigen rot-gelben Allianz sei, so erwarten sie, von Tokio einmal mehr der Handel ausersehen.

Japans exporthungrige Industrie liefert Bahnanlagen und Kräne für die sowjetischen Häfen Nachodka und Wrangel am Japanischen Meer, Elektronen-Mikroskope und Computer für Moskaus wissenschaftliche Institute sowie Kühlelemente und Elektromotoren für eine Kühlschrankfabrik im Baltikum. Sie produzieren Sattelschlepper für sowjetische Holztransporte, synthetische Fasern sowie Webstühle für Textilbetriebe in Iwanowo und Bekleidung für sibirische Waldarbeiter am Amur. Mit einem Warenaustausch von 821 Millionen Dollar war Japan im letzten Jahr Rußlands wichtigster Handelspartner außerhalb der osteuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft Comecon.

Nach der Einführung der US-Importbarrieren könnte Japans Drang auf den Sowjet-Markt noch stärker werden. Denn auch Moskau ist an einer engeren ökonomischen Zusammenarbeit mit der fernöstlichen Wirtschafts-Großmacht interessiert. So empfahl die »Prawda« im vergangenen Monat den Japanern, die wirtschaftlichen Kontakte mit der Sowjet-Union zu verstärken.

Allerdings können die Russen wegen ihres Devisenmangels den japanischen Großkonzernen nur einen recht bescheidenen Ersatzmarkt für die vom US-Markt ausgesperrten Waren bieten. Darum offerieren die Kreml-Ökonomen den auf Rohstoff-Nachschub erpichten Japanern, gemeinsam die riesigen Rohstoff-Vorkommen unter Sibiriens Frostboden auszubeuten -- so beispielsweise

* das wahrscheinlich größte unerschlossene Kupfervorkommen der Welt in Udonk.

* ein auf 20 Milliarden Tonnen geschätztes Kohlelager in der Region um Jakutsk,

* Öl- und Erdgasvorkommen von bislang noch unbestimmter Größe im Kontinentalschelf des Ochotskischen Meeres, auf der Halbinsel Kamtschatka, auf der Sachalin-Insel und um Jakutsk.

Die Russen benötigen ausländisches Kapital und Know-how, um diese Bodenschätze möglichst rasch zu heben. Die Japaner können nur durch stark steigende Rohstoff- Importe ihr weiteres Wirtschafts-Wachstum sichern.

Die gemeinsame Erschließung Sibiriens sei daher, so erklärte Shigeo Nagano, Chef des japanischen Stahlgiganten Nippon Steel, »für Japan die größte Aufgabe der siebziger Jahre«.

Experten des Industrieministeriums in Tokio schätzen, daß 1980 rund 31 Prozent aller Weltrohstoff-Einfuhren nach Japan gehen. Schon heute muß Japan Kohle aus Kanada. Öl aus Nigeria und Erz aus Brasilien importieren.

Trotz dieser gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen aber scheiterte eine engere Kooperation der beiden Länder bisher vor allem an politischen Gegensätzen. Denn die Japaner haben bis heute nicht den Bruch des Neutralitätspaktes durch Moskau und die sowjetische Besetzung der Mandschurei, Sachalins und der südlichen Kurilen im Jahr 1945 vergessen.

Vor allem durch den Streit um die vier südlichsten Kurilen-Inseln ist das japanisch-sowjetische Verhältnis belastet. Japans Premier Sato sieht die Rückgabe der ehemals japanischen Inseln als Voraussetzung verbesserter Beziehungen zu Moskau an. Der Kreml dagegen beschied Tokio, die Kurilen-Frage sei »für alle Zeiten gelöst«.

Da die Japaner in den Verhandlungen mit Moskau -- im Gegensatz zu ihrer Taktik im Verkehr mit Peking -- Wirtschaft und Politik bisher nicht trennen mochten. kam nach mehreren Anläufen erst im September ein Handelsabkommen für 1971 bis 1975 zustande. Sein Volumen für die gesamte Laufzeit beträgt nur knapp 5,2 Milliarden Dollar -- weniger als die Hälfte des japanischamerikanischen Warenaustausches im letzten Jahr (11.5 Milliarden Dollar).

Die Mammut-Delegationen, die seit 1966 miteinander verhandelt hatten. konnten sich nur auf zwei relativ bescheidene Gemeinschafts-Aufgaben in Sibirien einigen:

ein forstwirtschaftliches Projekt am Amur zur Papier- und Zellstoffproduktion und

* einen gemeinsamen Ausbau des neuen Handelshafens von Wrangel oberhalb Nachodka.

Welche sibirischen Rohstoff-Lager zuerst abgebaut werden sollten, ist hingegen weiterhin umstritten. So hatten die Russen zunächst die Erdgasfelder auf Sachalin vorgeschlagen. Dann offenbarten sie den Japanern kurz vor Beginn offizieller Verhandlungen jedoch, sie hätten sich über die Größe des Erdgas-Vorrats getäuscht,

Die Japaner baten, ein Expertenteam nach Sachalin schicken zu dürfen. Doch die Sowjets lehnten ohne Begründung ab. Statt dessen boten sie die gemeinsame Ausbeutung der Erdgasvorkommen in Jakutien an. An Erdgas aus dem fernen Jakutien aber sind die Japaner nicht sonderlich interessiert. Denn die ungünstige Lage würde die Förderung sehr verteuern.

Auch über die Konditionen für Kredite und Rohstoff-Lieferungen sind die Unterhändler der beiden Länder zerstritten. Für die Erschließung der sibirischen Lagerstätten verlangen die Russen Vorzugskredite der staatlichen japanischen Export-Import-Bank.

Die Regierung in Tokio lehnte jedoch bisher mit dem Hinweis ab, solche Kredite könnten nur Entwicklungsländern gewährt werden. Zum Ausbau des Hafens von Wrangel stellte die Export-Import-Bank allerdings dann doch einen Vorzugskredit bereit.

Die Russen möchten Kredite durch Rohstofflieferungen tilgen. Auf den Preis für diese Rohstoffe aber können sich die Verhandlungspartner ebenfalls nicht einigen.

»Wenn die uns etwas verkaufen wollen«, forderte ein Vertreter des Keidanren, des Dachverbandes der japanischen Industrie, »dann müssen sie unter Weltmarktpreis liefern.«

»Wir schenken denen doch nicht unsere Rohstoffe«, konterte ein russischer Wirtschaftsfachmann, »wir können noch vierzig Jahre warten.«

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