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»Dringend umdenken«

Der japanische Wirtschaftswissenschaftler Eisuke Sakakibara über die weltweite Deflationsgefahr
aus DER SPIEGEL 49/2002

SPIEGEL: Japan leidet unter akuter Deflation: Die Wirtschaft schrumpft, weil die Verbraucher mit weiter fallenden Preisen rechnen und Käufe zurückstellen. Droht Europa und Amerika eine ähnliche Entwicklung?

Sakakibara: Deflation ist nicht nur ein japanisches Phänomen. Weltweit müssen sich die Industrieländer für eine Ära der strukturellen Deflation wappnen: China, Mexiko oder Osteuropa stellen ihre Waren zu gleicher Qualität viel billiger her. In Japan, Deutschland und den USA sind die Löhne einfach zu hoch. Was Japan derzeit erleidet, wird ähnlich auch Europa und den USA widerfahren. Ich kann nur raten, aus Japans Fehlern zu lernen.

SPIEGEL: Was sollte Deutschland denn besser machen?

Sakakibara: Deutschland muss seine Wirtschaft strukturell umbauen. Vor allem der rigide Arbeitsmarkt muss reformiert werden. Für alle Länder gilt: Nur mit Geld- und Fiskalpolitik lassen sich die Probleme nicht länger in den Griff bekommen. In der Nachkriegszeit verließ sich das westliche System vor allem auf die Zentralbanken, die sich in erster Linie als Inflationsbekämpfer sahen. Doch jetzt zwingt uns die Deflation einen globalen Paradigmenwechsel auf.

SPIEGEL: Die Finanzmärkte vertrauen vor allem auf einen Notenbankchef, den Amerikaner Alan Greenspan. Wird der große »Magier« die Krise abwenden können?

Sakakibara: Im Zeitalter der strukturellen Deflation stößt Geldpolitik an ihre Grenzen. Das sieht man zum Beispiel an der Bank von Japan ...

SPIEGEL: ... die ihre Zinsen auf fast null Prozent gesenkt hat und die Krise trotzdem nicht zu stoppen vermag.

Sakakibara: Ähnlich dürfte auch Greenspans Magie allmählich verblassen.

SPIEGEL: Viele Analysten wecken noch Hoffnungen auf einen Aufschwung.

Sakakibara: Diese Leute sollten dringend umdenken. Die Lage der Weltwirtschaft ist ziemlich ernst. Als Vize-Finanzminister habe ich die globalen Finanzkrisen von 1997 und 1998 mit bekämpft: Damals hießen die Krisenherde Asien, Russland, Brasilien. Heute ist die Lage viel bedrohlicher. Jetzt heißen die Zentren der Krise Japan, USA, Deutschland. Hinzu kommt die extrem brisante Lage in Lateinamerika.

SPIEGEL: Droht eine Weltwirtschaftskrise?

Sakakibara: Diese Gefahr besteht durchaus. Weltweit haben die Börsen ihre Talsohle noch längst nicht erreicht. Bei den US-Banken wächst die Zahl der faulen Kredite derzeit in rasantem Tempo, wenn auch nicht so dramatisch wie in Japan oder Deutschland. Wenn ein Boom platzt, entstehen automatisch faule Kredite. Was mich beunruhigt: Die Globalisierung schreitet zwar voran, aber uns fehlen globale Finanzinstitutionen. Deshalb wäre es heute äußerst schwierig, eine weltweite Finanzkrise zu kontrollieren. INTERVIEW: WIELAND WAGNER

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