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WARENTEST Dritte Kraft

»Dreiviertelgötter im grauen Flanell« nannte die Kamerafirma Olympus die Berliner Warentester. Die Prüfstempel des Test-Instituts entscheiden über Erfolg oder Mißerfolg ganzer Unternehmen.
aus DER SPIEGEL 52/1979

Anfang November, noch ehe der erste Schnee gefallen war, sank für eine Reihe von Sportartikel-Herstellern die Hoffnung auf ein gutes Wintergeschäft gegen Null. »Die Branche«, kennzeichnete das Fachblatt »Sportartikel Zeitung« die Lage, »steht kopf.« In einem umfangreichen Prüfverfahren hatte die Stiftung Warentest 29 Ski-Schuh-Modelle von elf Anbietern begutachtet. Fünf Stiefel wurden als »mangelhaft« beurteilt, drei sogar als »sehr mangelhaft« eingestuft.

Das vernichtende Verdikt der Warentester traf die Sportartikel-Branche zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Die Lager vieler Händler waren im Herbst noch prall gefüllt mit Wintersport-Ausrüstungen der vorigen Saison. Kräftige Preisabschläge hatten die Sporthändler daher schon zu Beginn der Saison einkalkuliert.

Aber nun, nach dem offiziösen Ski-Stiefel-Urteil, befürchten die Ski-Verkäufer, daß einige Modelle überhaupt nicht mehr loszuschlagen sind.

Im Test durchgefallene Produkte, das haben Handel und Industrie inzwischen erfahren, sind so gut wie unverkäuflich. »So ein Test«, klagt Fabrikant Hermann Kastinger, dessen Ski-Schuhe gleich zweimal miserabel benotet wurden, »kann einen Hersteller in den Ruin treiben.«

Andere Testopfer schimpften ziemlich ungehemmt drauf los. Timm Ackermann (Marke »Garmont") versprach, »gegen diesen Blödsinn« vorzugehen. Herbert Trattner, Chef einer Sportartikel-Großhandlung in Martinsried, regte an zu überlegen, »ob die Industrie nicht einmal einen Boykott der betreffenden Zeitschriften durchführen sollte«. Und der Hamburger Fachhändler Werner Borowski befand, der Ski-Stiefel-Test grenze »schon an manipuliertes Wirtschaftsverbrechen«.

An solch starke Worte von Herstellern und Händlern haben sich die Berliner Verbraucherschützer gewöhnt. Rechtfertigungen und Beschimpfungen sind häufig die ersten Reaktionen auf die Arbeit der Stiftung, die seit nunmehr 15 Jahren die »Öffentlichkeit über objektivierbare Merkmale des Nutz- und Gebrauchswertes von Waren und Leistungen« (Stiftungssatzung) unterrichtet.

Doch meist belassen es die Betroffenen bei lauten Tönen. Richtige Kräche oder gar juristische Streitereien zwischen dem gemeinnützigen Institut und der Industrie sind selten. Stiftungsvorstand Roland Hüttenrauch: »Die Industrie liebt unsere Arbeit nicht, aber sie akzeptiert uns.«

Vor allem die großen Versandhäuser Quelle, Neckermann und Otto, deren breites Warenangebot in zahlreichen Tests vertreten ist, haben sich mit den Warentestern arrangiert und wissen die Werbekraft positiver Testurteile zu nutzen.

Ebenso wie die großen Haushaltsgeräte-Hersteller AEG, Philips, Siemens und Bosch halten auch die Versender regen Kontakt zur Warentest-Zentrale am Berliner Lützowplatz.

Das lohnt sich meist. Denn vor jedem Warentest beruft die Stiftung einen Fachbeirat, der sich aus neutralen Sachverständigen, Verbrauchern, Fabrikanten und Händlern zusammensetzt und der das anstehende Prüfprogramm diskutiert. Wer im Beirat sitzt, hat mithin auch Einfluß auf die Testprogramme.

Nach Abschluß eines Tests werden die wichtigsten Meßergebnisse den Herstellern mitgeteilt. Wenn ein Resultat kraß von den eigenen Untersuchungen der Produzenten abweicht, sind die Tester auch »bereit, mal darüber zu reden« (Stiftungssprecher Friedrich Draeger).

Hin und wieder beschweren sich Testgeschädigte beim Bonner Wirtschaftsministerium über die Arbeit der Berliner. Doch das bringt nichts: »Aus unseren Tests«, weiß Stiftungsredakteur Gerd Hartung, »hält sich Bonn raus.« Der Bund als Stifter des Instituts beschränkt sich darauf, die Buchführung der Berliner zu prüfen.

Dank solcher Freiräume hat die Stiftung inzwischen eine Machtposition gewonnen, die vor einigen Jahren undenkbar war.

Noch Mitte der fünfziger Jahre lehnte der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard ein Verbraucher-Institut kategorisch ab, denn, so Erhard damals: »Der deutsche Markt braucht keine Zensoren.«

Als nach der ersten Begeisterung über das Wirtschaftswunder immer mehr Kunden über Pfuschprodukte klagten und das 1961 vom Journalisten Waldemar Schweitzer gegründete Verbrauchermagazin »DM« auf Anhieb erfolgreich war, änderte der inzwischen zum Bundeskanzler avancierte Erhard seine Meinung. 1964 beschloß der Bundestag einstimmig die Gründung der Stiftung Warentest.

Rund 15 Millionen Mark wollte der Bund für die ersten fünf Jahre bereitstellen -- dann sollten die Einnahmen aus dem Verkauf der Stiftungszeitschrift »test« die Ausgaben des Instituts decken.

Heute hat die locker und attraktiv gemachte Testzeitschrift, die keine Anzeigen aufnimmt, eine verkaufte Auflage von über 600 000 Exemplaren im Monat. 72 Prozent des Stiftungsetats werden aus eigenen Mitteln finanziert.

Rund 30 Millionen Mark können die Warentester gegenwärtig im Jahr ausgeben, im Vergleich zu den Propaganda-Mitteln der Industrie absurd wenig. Allein der Unilever-Konzern läßt sich die Werbung im Jahr 160 Millionen Mark kosten.

Bei so magerer Finanzausstattung sahen die Techniker und Kaufleute der Industrie lange Zeit keine Veranlassung, die Warentester sonderlich ernst zu nehmen.

Erst Mitte der siebziger Jahre, als die Zahl der »test«-Abonnenten allmählich wuchs und Zeitungen und Zeitschriften die Qualitätsurteile millionenfach nachdruckten, wurden die Reaktionen der Manager heftiger. Sie erkannten, so Oetker-Direktor Walter Kraak, »daß sich zur Hersteller- und Nachfragemacht des Handels eine dritte Kraft gesellt hat: der Marktfaktor Warentest«.

Kampflos gab die Industrie das Terrain nicht frei. So

* versuchten einige Ölmultis mit einstweiigen Verfügungen einen Testbericht über Unterbodenschutzmittel für Autos noch vor der Veröffentlichung zu unterdrücken; > ließ der Zigarettenkonzern BAT die Verbreitung eines Nikotin- und Teertests gerichtlich untersagen; > bemühte sich der Ski-Bindungs-Hersteller Marker gar, in einem sechsjährigen Musterprozeß bis zum Bundesgerichtshof die Aktivitäten der Stiftung grundsätzlich einzuengen.

Doch nachdem das Bundesgericht im Dezember 1975 den Fall Marker zugunsten der Stiftung entschieden hatte (Hüttenrauch: »Das hat uns sehr geholfen"), wagten immer weniger Unternehmen den Gang zum Kadi. Im vergangenen Jahr waren es nur noch drei. »Das bringt nichts ein«, resigniert ein Funktionär des Zentralverbands der Elektrotechnischen Industrie.

Seit dem Marker-Urteil haben sich auch die Argumente der Wirtschaft geändert. Statt mit juristischen Aktionen versuchen Unternehmer nun die Stiftung mit dem vermeintlichen Gemeinwohl unter Druck zu setzen. Warentest-Sprecher Draeger: »Die Firmen werfen uns immer häufiger vor, wir gefährdeten mit negativen Qualitätsurteilen die Arbeitsplätze.«

Daß die Stiftung mit ihrer monopolartigen Stellung mittlerweile ein »marktgestaltender Faktor ersten Ranges« (Alfred Lisson, Leiter der Quelle-Warenprüfung) geworden ist, belegt schließlich der jüngste Trend bei den Unternehmer-Beschwerden. Die Produzenten werten es als geschäftsschädigend, wenn ihre Produkte bei einem vergleichenden Test nicht berücksichtigt werden.

Denn was Testurteile bewirken, können etliche Unternehmer inzwischen auch an schwarzen Zahlen in ihrer Gewinn- und Verlustrechnung nachzählen:

So war ein preiswertes Fernrohr aus dem Neckermann-Katalog« das die Warentester mit »sehr gut« benotet hatten, innerhalb weniger Tage ausverkauft. Discounthändler Aldi gewann mit seinem »gut« benoteten Billigwaschmittel »Tandil« erhebliche Marktanteile auf Kosten der teureren Markenartikel. Und die Handelsgruppe Rewe machte einen ansehnlichen Umsatzsprung mit ihrem als »sehr gut« qualifizierten Sekt »Freiherr von Schoenaich«.

Schlecht ergeht es hingegen jenen, die bei den Berliner Testern durchgefallen sind. Als beispielsweise das Fahrrad »Mars Junior« des Cloppenburger Fahrradherstellers Kalkhoff von den Warentestern als »weniger zufriedenstellend« beurteilt worden war, stoppte der Großabnehmer Quelle sofort die Lieferungen des beanstandeten Produkts und strich Kalkhoff später aus der Liste seiner Fahrradlieferanten.

»Die Warentester sorgen dafür«, erkennt Quelle-Direktor Lisson, »daß Produkte mit Schießbudenqualität seltener werden.« Und Cheftester Hüttenrauch ist sogar überzeugt, daß die Stiftung »Schaden von den Verbrauchern abwendet«. Immerhin wurden 1978 bei über 100 Produkten Sicherheitsmängel festgestellt.

Zuweilen leiden allerdings auch die Testurteile unter Qualitätsmängeln. So wurde ein Rasenmäher des Quakenbrücker Fabrikanten Otto Kynast als »weniger zufriedenstellend« bewertet, weil die Tester aus Versehen einen falschen Grasfangkorb an den Kynast-Mäher montiert haften. »Die Warentester«, kommentierte Fabrikant Kynast trocken, »können eben nicht auf allen Gebieten Fachleute sein.«

Als die Berliner im Oktober Tonbandgeräte checkten, ergaben sich, so das Fachblatt »HiFi-Stereo"« »befremdliche Diskrepanzen« zu den Meßergebnissen der Fachjournalisten. Den Experten von »HiFi-Stereo« schienen Zweifel angebracht, »ob die diesem Bericht zugrunde liegenden Untersuchungen mit der erforderlichen Sachkenntnis durchgeführt« worden seien.

Daß auch Tester nicht unfehlbar sind, wird durch die Tatsache bestätigt, daß ausländische Institute zuweilen ganz andere Urteile fällen als die Berliner.

So erfuhr die japanische Firma Sony aus »test«, daß die Bildqualität ihres Videorekorders SL-8000 E »mangelhaft« sei. Das englische Verbrauchermagazin »Which?« hatte die Bildqualität des gleichen Geräts als »gut« eingestuft.

Offensichtliche Fehler korrigieren die Testredakteure häufig schon im nächsten Heft. Doch die bisweilen schlimmen geschäftlichen Folgen trägt allein der Hersteller.

Verständlich, daß die Kamerafirma Olympus, als sie sich von den Berlinern verschaukelt fühlte, mit einer ganzseitigen Anzeige an die Öffentlichkeit ging und forderte: »Sollen doch die Dreiviertelgötter im grauen Flanell besser auf ihre Gehilfen aufpassen.«

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