Drohende Energieausfälle Frankreich bibbert sich ins Stromloch

Heizung runterdrehen, Waschen erst nach 20 Uhr: Der Wintereinbruch überfordert Frankreichs Energieindustrie, dem Land droht angesichts eisiger Temperaturen der Strom auszugehen. Um nicht im Dunkeln zu sitzen, muss Europas Atom-Nation Nummer eins nun Nachbarländer um Hilfe bitten.
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Stromloch: Frankreich unter Hochspannung

Foto: ERIC PIERMONT/ AFP

Viel ist es nicht, was in der Nacht zum Donnerstag in Paris heruntergekommen ist - doch es hat Folgen: Der erste Schnee des Winters hat in der französischen Hauptstadt den Autobahnring um Paris verstopft, die Vorortzüge kommen wenn überhaupt mit Verspätung. Schon jetzt nehmen sich zahlreiche Franzosen freie Tage, um dem Durcheinander aus dem Weg zu gehen.

Dabei ist das erst der Anfang. Dem Land droht mehr Schnee - und damit noch mehr Chaos.

Denn während sich die Vertreter Frankreichs in Kopenhagen und auf internationalen Umweltforen selbstbewusst auf die stolzgeschwellte Brust klopfen, sieht die akute Lage der Grand Nation düster aus: Zwar hat das Land bei den CO2-Emissionen innerhalb Europas einen vorbildlichen Schnitt erreicht, weit unter den Werten der Deutschen. Allerdings spielt Paris die Musterrolle nur deshalb, weil das Land beinahe ausschließlich auf Atomkraft setzt: 85 Prozent der Stromerzeugung werden von 58 Meilern des Elektroproduzenten EDF produziert - Frankreich ist eine durch und durch nukleare Nation.

Die Schaltzentralen gehen in die Knie

Und genau das wird ihr jetzt zum Verhängnis: Denn nicht nur die politische, sondern ausgerechnet die meteorologische Großwetterlage könnte zum Versorgungs-GAU führen. Seit in Frankreich die Temperaturen um fünf, sechs Grad unter das saisonale Mittel gerutscht sind, kann die EDF nicht mehr rund um die Uhr die Versorgung des Landes sicherstellen. Gerade in den Abendstunden nach 19 Uhr, wenn Fernsehen, E-Herde und Elektroöfen angestellt werden, befürchten die Ingenieure in den Schaltzentralen, dass die Netze schwächeln. Die Manager der rund 100.000 Kilometer langen Überlandleitungen befürchten gar einen "Black-out".

Die große Atomnation braucht deshalb fremden Strom, die AKW-Betreiber müssen bei den deutschen Kohlekraftwerken um Zulieferungen bitten. Anfang der Woche mussten die Netzbetreiber RTE - ein Tochterunternehmen der EDF - erstmals von jenseits des Rheins Strom importieren: Am Montag waren 4400 Megawattstunden nötig - was laut "Le Monde" der Stärke von vier Atomreaktoren entspricht. Am Dienstag waren sogar 5100 Megawattstunden fällig - was immerhin noch unter der Grenze der Einspeisungshöchstmenge liegt. Insgesamt kann das französische Netz nicht mehr als 9000 Megawattstunden aus dem Ausland aufnehmen, vorausgesetzt die Stromzulieferungen kommen geografisch gleichmäßig verteilt, über Deutschland, Belgien und Italien.

Damit ist klar: Die Versorgungspanne ist gefährlich nahe - zumal jedes zusätzliche Minusgrad sich in einer weiteren Nachfrage von 2100 Megawatt niederschlägt. Und das entspricht zweimal dem Durchschnittsverbrauch der Stadt Marseille. Besonders betroffen von dem möglichen Ausfällen sind - wie könnte es in Frankreich anders sein - die Randregionen des Landes wie Provence-Alpen-Côte d'Azur (PACA) oder auch die Bretagne, die selbst nur acht Prozent des eignen Strombedarfs produziert. In Rennes, Hauptstadt der Küstenregion und der Bevölkerung nach zehntgrößte Stadt Frankreichs, wurde vorsorglich schon mal die städtische Weihnachtsbeleuchtung ausgeknipst.

Waschen erst nach 20 Uhr

Doch auch landesweit ist Frankreich für Nachfragespitzen schlecht gerüstet: So heizen immer noch sieben Millionen Haushalte mit Elektroradiatoren, zudem ist der "Nuklearpark" des Landes derzeit nicht voll im Einsatz: Ein knappes Dutzend AKWs sind derzeit wegen Wartungsarbeiten nicht am Netz, mehrere "kleine Störfälle", zuletzt im südlichen Departement Ardèche, sorgten für Ausfälle. Obendrein haben Streiks einige der Atommeiler lahmgelegt. Als Folge sind von den 63.260 Megawatt Kapazität nur rund 53.000 verfügbar.

Nicht genug, seit sich die Eiseskälte über das Land gelegt hat.

Mittlerweile ist das technische Problem auch zu einem politischen Problem geworden: Am Mittwoch mussten die Konzernchefs der EDF und des Netzbetreibers RTE vor Abgeordneten und Senatoren Rede und Antwort stehen, selbst Premier Francois Fillon sprach von einer "anormalen" Situation. Vorläufig reden sich die Verantwortlichen noch heraus, Netzbetreiber RTE macht ernsthaft die harsche Kaltluftfront für die "gespannte Lage" verantwortlich - und bittet die Verbraucher deshalb um Hilfestellung: Die Waschmaschinen sollten sich tunlichst erst nach 20 Uhr drehen, bat ein Sprecher, und die Temperaturen in den Wohnungen um ein, zwei Grad abgesenkt werden.

Doch ob das hilft, bleibt abzuwarten. Zum Wochenende sollen die Temperaturen weiter sinken, mit weiteren Schneefällen wird gerechnet. Dann könnte der Stromabsatz den Rekordverbrauch von mehr als 92.400 Megawatt überschreiten, der im Januar dieses Jahres erreicht wurde. Die nukleare Nation ist dann ein weiteres Mal auf die Solidarität der "schmutzigen" Stromhersteller angewiesen - was das Selbstbewusstsein ein wenig dämpfen könnte.

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