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Energie Druck gemacht

In Nordfriesland entsteht Europas größter Windpark. Er soll privaten Geldgebern Gewinn bringen.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Bahnreisende, die vom östlichen Ende des Hindenburgdamms aus nach Süden blicken, sehen nordfriesische Küste pur: nur Wasser, Watt und Weiden mit einem sieben Meter hohen Deich am Festlandsrand.

Schon bald aber wird den Fahrgästen, die nach Sylt unterwegs sind oder von dort kommen, gleich südlich des Bahndamms eine neue einzigartige Küsten-Szenerie geboten: Unmittelbar hinter dem Deich können sie dann 35 schlanke, weiße Stahltürme bewundern, die in unterschiedlichen Abständen auf 8,5 Kilometern aufgestellt werden.

Es sind Windmühlen der modernen Art, die auf umweltfreundliche Weise einen kräftigen Beitrag zur Energieversorgung leisten sollen. Mit einer Nennleistung von insgesamt 8,75 Megawatt, zu der in einem zweiten Bauabschnitt _(* In der Husumer Schiffswerft. ) noch 3,75 Megawatt von 15 weiteren Windrädern kommen sollen, ist der Nordfriesland-Windpark das größte Projekt seiner Art in Europa.

Nach den Plänen des Anlagen-Konstrukteurs, der Husumer Schiffswerft, reicht der Strom aus dem Windpark, um den Bedarf von 6500 Haushalten zu decken. Über eine zentrale Sammelstelle wird er von Ende November an in das Netz des regionalen Elektrizitätsversorgers Schleswag eingespeist.

Das Windprojekt ist nicht nur technisch, sondern auch betriebswirtschaftlich bemerkenswert. Mit ihrer Windkraftwerkskette am Nordseestrand haben die beiden Initiatoren des Bauvorhabens, die Werft in Husum und die Vermögensverwaltungsgesellschaft BVT in München, erstmals den Versuch gestartet, eine solche Anlage in Deutschland ohne Verluste zu betreiben.

Bisher werden kleinere Windparks an der niedersächsischen und schleswig-holsteinischen Küste mehr zu experimentellen Zwecken angelegt. Große Windkraftanlagen galten allgemein als störanfällig und als zu teuer, um mit ihnen gegen Strom aus Kohle- oder Atomkraftwerken konkurrieren zu können.

Eine riesige Einzelanlage namens »Growian«, die 1983 an die holsteinische Nordseeküste gestellt worden war, erwies sich als totaler Reinfall. Nach viereinhalb Pannenjahren wurde das Riesen-Windrad wieder abgebaut.

Doch ohne kräftigen Rückenwind aus Bonn und Kiel würden sich auch im Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog keine Windflügel drehen. Der Bund und das Land Schleswig-Holstein schießen etliche Millionen zu. Zunächst einmal wird der Bau des 28 Millionen Mark teuren Windparks zu knapp einem Viertel mit Geld aus staatlichen Kassen finanziert. Dann zahlt auch noch das Bundesforschungsministerium im Rahmen eines 1989 aufgelegten Förderprogramms »100 Megawatt Wind« zehn Jahre lang einen beträchtlichen Betriebskostenzuschuß.

Die Windpark-Partner Husumer Schiffswerft und BVT sind mit eigenen Mitteln nur zu einem geringen Teil dabei. Für die Finanzierung von knapp 40 Prozent der Gesamtinvestition wurden elf Millionen Mark Bankdarlehen aufgenommen. Den Rest der benötigten Summe sammelt die Münchner Vermögensverwaltungsfirma zur Zeit bei Kapitalanlegern ein. Die privaten Geldgeber sollen als Kommanditisten an künftigen Gewinnen der Windpark-Gesellschaft beteiligt werden.

Von den 9,2 Millionen Mark Kommandit-Kapital, die so zusammenkommen sollen, wurden seit Ende 1989 etwa 6 Millionen Mark gezeichnet. Die restlichen 3,2 Millionen Mark will die BVT bei betuchten Sparern (Mindesteinlage: 30 000 Mark) loseisen.

Die BVT wirbt zum einen mit der Umweltfreundlichkeit von Windkraftanlagen: Bei einer jährlichen Stromproduktion von fast 19 Millionen Kilowattstunden, die die Betreiber erwarten, würde ein Kohlekraftwerk 20 000 Tonnen Kohlendioxid, 1000 Tonnen Asche und Staub, 100 Tonnen Schwefeloxid und 90 Tonnen Stickoxide in die Atmosphäre blasen. Um diese Gift- und Schmutzmengen wird die Umwelt durch das Nordfriesland-Projekt entlastet.

Zum anderen stellt die BVT den Anlegern eine Netto-Rendite von sieben bis acht Prozent in Aussicht. Ob die erreicht oder gar übertroffen wird, hängt vor allem davon ab, welche Vergütung die Windpark-Eigner für ihren Strom erhalten werden.

Zur Zeit zahlt die Schleswag nur 9,3 Pfennig je Kilowattstunde für den Strom, den andere Erzeuger in ihr Netz einspeisen. Doch Schleswig-Holsteins Energieminister Günther Jansen macht Druck, und er hat bereits Erfolg: Er rang dem Unternehmen, das zu 58 Prozent der Veba-Tochter PreussenElektra und zu 42 Prozent dem Land gehört, die Zusage ab, für Strom aus alternativen Quellen einen Bonus von drei Pfennig je Kilowattstunde zu zahlen.

Der Betriebskostenzuschuß, den das Bundesforschungsministerium verteilt, beträgt acht Pfennig je Kilowattstunde. Insgesamt kämen die Windstrom-Erzeuger also auf eine Einnahme von gut 20 Pfennig pro Kilowattstunde.

Nach den Berechnungen der Windpark-Planer stehen den Erlösen Kosten von 15 bis 20 Pfennig gegenüber. Sind diese Kostenschätzungen nicht zu optimistisch, ist der Windpark zumindest kein Verlustgeschäft.

Die privaten Anleger setzen darüber hinaus auf eine politische Entscheidung, die demnächst in Bonn fallen könnte. Dem Bundestag liegt ein Gesetzentwurf vor, nach dem die Erzeuger alternativen Stroms von den Verteilerfirmen eine Vergütung in Höhe von 75 Prozent des Endverbraucherpreises erhalten sollen. Wird das Gesetz verabschiedet, sieht die Rechnung der Wind-Investoren noch freundlicher aus. Die Schleswag müßte fünf Pfennig mehr an die Windstrom-Lieferanten zahlen. Dann gibt es mit Sicherheit Gewinn für die Geldanleger. o

* In der Husumer Schiffswerft.

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