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Aufbau Ost »Du mußt ein Schwein sein«

Die einen hatten Boden oder ein bißchen Geld, die andern eine gute Idee oder wenigstens eine harte Rechte: 252 Einkommensmillionäre leben in den neuen Ländern. Sie kämpfen gegen Kapital und Konkurrenz aus dem Westen, aber auch gegen den wachsenden Neid ihrer Landsleute.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Wolfjörg H., 53, sieht dem Mann auf dem Foto kaum noch ähnlich. Das zeigt ihn als rosigstrahlenden Gewinner des Aufbaus Ost: nach der Wende mit nichts angefangen, die Baufirma des Vaters reprivatisiert, siebenstellige Gewinne gemacht und als Präsident des Unternehmerverbandes Sachsen mit dem Bundesverdienstkreuz dekoriert. Roman Herzog schüttelte H.s Hand. Das Foto ist ein Jahr alt.

Heute hängt H. schlapp in der Ledercouch seines Leipziger Büros. Trotz 15-Millionen-Umsatz sind seine Augen so weinrot wie sein zerknittertes Sakko. Die Haare kleben wirr am Schädel. Er redet von den vielen Konkursen um ihn herum; von den kleinen Handwerkern, die ihm die Bilanz versauen, weil sie seine Rechnungen nicht mehr bezahlen können.

Sieht so ein selbstbewußter Wirtschaftswunder-Ossi aus, der angetreten ist, sein Land zu reanimieren und sich selbst gleich mit?

252 Einkommensmillionäre zählte das Statistische Bundesamt kürzlich in den neuen Ländern. Das ist nicht viel, allein in Berlin leben fünfmal mehr. Der Graben des großen Geldes zieht sich entlang der alten Mauer: 1181 Millionäre residieren im Westteil der Hauptstadt, nur 38 im Osten. An der guten Luft im Grunewald allein kann das nicht liegen.

Wo sind sie, die Ärmelhochkrempler und Gewinnmaximierer zwischen Plauen und Rügen? Wo stecken die DDR-gestählten Dagobert Ducks unter all den Donalds? Wie haben sie''s geschafft und weshalb nicht viel mehr von ihnen?

Boxer wie Henry Maske oder Axel Schulz halten für ihren persönlichen Aufschwung Ost seit Jahren das Gesicht hin. Schnellschwimmerin Franzi van Almsick und Eisbombe Kati Witt haben mit Werbeverträgen Millionen verdient. Aber was ist zum Beispiel aus dem Ost-Berliner Betonbauer Hartmut Lehmann geworden, den das Zeit-Magazin 1991 als neuen »Baulöwen« feierte?

»Lassen Sie ihn lieber in Ruhe«, raunt seine Ex-Frau. Lehmanns Büro Unter den Linden: geschlossen. Seine Firma: pleite. Seine Zukunft: Vergangenheit.

»Die Banken ließen uns doch keine Chance«, sagt Klaus George, Chefredakteur des Ost-Berliner Unternehmermagazins Wirtschaft & Markt und schimpft routiniert über »Abzocker und Kriegsgewinnler« aus dem Westen. In Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der Millionäre zwischen 1989 und 1992 von 5364 auf 7255. Im Westen sei eben genügend Kapital vorhanden, schimpft George: »Durch Tüchtigkeit oder gute Ideen allein hat''s hier im Osten noch keiner zu Geld gebracht.«

Wolfgang Bongartz war tüchtig. Er hatte eine gute Idee und vor allem 57 Hektar Land am Rande von Schwerin. Als sein Vater 1980 starb, hätte der studierte Bauer das Erbe fast ausgeschlagen. In der DDR war Boden nur Belastung, bewirtschaftet hat ihn ohnehin die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Aber Bongartz'' Mutter wollte ihren Margaretenhof nicht verlassen.

Nach der Wende ließ er sich nicht beeindrucken von den Typen, die im Mercedes auf seine Felder rumpelten und mit dem Scheckbuch winkten. Er holte sich Anwälte und Steuerberater, Gutachter und Architekten, die ihm seinen Traum auf die grüne Wiese betonieren sollten: ein 130 000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum.

Nach allerlei Runden Tischen, Grundsatzentscheidungen und Bebauungsplänen verkaufte Bongartz jeden Quadratmeter für rund 150 Mark. Zwei Jahre hat es gedauert, bis er sich über die erste siebenstellige Überweisung freuen konnte. Vorher mußte er sich sogar »die paar Tausender« für die GmbH-Gründung von Freunden pumpen.

Die schlaflosen Jahre sind vorbei. Der mecklenburgische Starrsinn des Wolfgang Bongartz hat sich gelohnt. Als Geschäftsführer der Verwaltungsgesellschaft Margaretenhof regiert er heute eine Stadt in der Stadt: mit Möbeldiscounter und Supermärkten, 50 Läden - vom Sonnenstudio »Holiday Sun« bis zu »Rudis Reste Rampe« -, mit Autohäusern, Büros und kleinem Marktplatz. Im Margaretenhof arbeiten rund 800 Leute, die bald auch hier leben könnten. Bongartz besitzt noch 39 Hektar Acker, Platz genug für 550 Wohnungen. Die Pläne hat er schon fertig.

Privat ist Bongartz Bauer geblieben. Er spielt weder Tennis noch Golf, angelt nur ein bißchen. Er trägt keine Maßanzüge von Kiton, sondern Stangenware von C&A. Er lebt den Luxus nicht, den er sich leisten könnte.

»Ich brauch'' keinen Ferrari«, sagt Bongartz, dem schon der Toyota Lexus als Dienstwagen eine Nummer zu großspurig vorkommt. Den Weg bis zur Wohnung im längst sanierten Familienhof jenseits der 1200 Parkplätze geht er abends zu Fuß. Trotzdem spürt er das Mißtrauen in den benachbarten Plattenbauten, wo er selbst zehn Jahre gewohnt hat: »Viele glauben, daß bei mir die Schublade nicht mehr zugeht vor lauter Millionen.«

»Arm und Reich« seien »schon deutlich« zu erkennen, mäkelte das Neue Deutschland nach vier Jahren Einheit. Den neuen Reichen ist das gar nicht recht, sie wollen vor allem eines - nicht auffallen.

»Man muß ja fast Angst haben, wenn man erklärt: Ich hab''s geschafft«, sagt der gelernte Kfz-Schlosser Hubert Himmelreich. Sein Leipziger Autohaus setzt 25 Millionen Mark um. Für Geschichten vom glücklichen Ossi steht Himmelreich nicht mehr zur Verfügung. Das ist ihm zu gefährlich. Ebenso wie Gunter Heise, Geschäftsführer der Freyburger Rotkäppchen-Kellerei, die mit rund 150 Millionen Mark Umsatz wieder zu den Vorzeigebetrieben zählt, will er das geschäftliche Glück lieber still genießen. Über das Sektgeschäft könne man reden, sagt Heise, aber ansonsten ...

Der Neid lauert überall. Heiko März, Abwehrspieler beim Fußballklub Hansa Rostock und Nebenerwerbsunternehmer, steht gerade ratlos am Eingang seiner Herrenboutique. Feuerwehrleute schnorcheln unter Sauerstoffmasken in den Laden. Irgendwer hat am Abend zuvor Buttersäure hinter die Kleiderstangen gekippt.

Auf dem Rasen muß März die Knochen hinhalten, nach dem Schlußpfiff neuerdings auch den Kopf: »Da zeigen sie mit dem Finger auf dich, wenn du beschissen gespielt hast und dafür einen Haufen Geld kassierst.«

Zwar lebt er noch in der gleichen Stadt wie seine Fans, aber nicht mehr in derselben Welt. Als die Werften dichtmachten, wurden auch seine Eltern und seine Schwester arbeitslos. Hansa kämpfte um den Wiederaufstieg in die erste Liga, Rostock ums Überleben. Über die 10 000 Mark, die März schon damals für sein Profigekicke monatlich kassierte, hätte Lothar Matthäus nur gelächelt. An der Ostsee waren sie ein Vermögen.

März konnte es sich leisten, mit seiner Frau mal eben 4000 Mark für Klamotten in Lübeck auszugeben. Wieder zu Hause in der mecklenburgischen Konsumwüste dämmerte ihm: So ein Laden könnte auch in Rostock eine Chance haben. Mit 25 000 Mark vom Sparbuch zog er sein erstes Sportgeschäft auf.

Die Hansa-Bosse sahen argwöhnisch auf soviel Selbständigkeit. Der damalige Präsident Gerd Kische verbot März sogar, sein eigenes Geschäft drei Tage vor jedem Spiel zu betreten.

Der Verein ist längst wieder erstklassig und März nicht nur in der Stammelf erfolgreich: Rund 300 000 Mark verdient der 31jährige auf dem Platz, über 3 Millionen Mark setzen seine vier Sportgeschäfte und Herrenboutiquen um. Die Existenz ist gesichert. Jetzt kommt das Privatleben dran.

März wohnt mit Frau und zwei Kindern noch immer in der gleichen »Drei-Raum-Wohnung«, in die er vor neun Jahren für 80 Mark Miete eingezogen ist. »Aber im nächsten Jahr, soviel ist sicher, werd'' ich da raus sein.« Er hat nur noch kein passendes Haus gefunden.

Wo eine Villa ist, ist noch lange kein Weg. In Rostock oder Chemnitz gibt es noch keine Reichenghettos mit breiten Alleen und Edelboutiquen, blasierten Feinkosthändlerinnen, Rotary-Club und Tennishalle, die in Grünwald bei München gar nicht mehr wahrgenommen werden.

Sieben Jahre nach der Wende haben die Ostmillionäre noch genug damit zu tun, Geld zu verdienen, anstatt es auszugeben. Entwicklungshelfer wie Karl Jobig kennen das Problem. Der Veranstaltungsmanager wollte »ein Zeichen setzen« und lud im September zur sächsischen »Lifestyle«-Messe nach Dresden. »Sie genieren sich, ihren Erfolg zu zeigen«, mußte er enttäuscht feststellen.

Nur 1078 Besucher wagten sich aufs örtliche Mercedes-Areal, um teure Teppiche zu bestaunen, Dresdner Porzellan oder eine mit 76 Rubinen besetzte Schweizer Uhr für 440 000 Mark.

Selbst die Neureichen seien »für Lifestyle schwer zu begeistern«, sagt Jobig. »40 Jahre in einem System ohne Geschmack hinterlassen ihre Spuren« - auch bei seinen eigenen Mitarbeitern. Wie oft hat er ihnen gesagt, daß beigefarbene Gesundheitslatschen nicht zur dunklen Hose passen? Oder daß man die Kragenknöpfe an Button-down-Hemden auch benutzen muß?

Als ob das wichtig wäre! Josef Bugovics schaut verständnislos aus seinem Rollkragenpullover. Der 24jährige war einer der wenigen Aufsteiger, die der Osten nach der Wende zu bieten hatte: als Siebtkläßler den ersten Roboter gebastelt, mit 19 Jahren den »Jugend forscht«-Preis gewonnen. Allein der Verkauf seines Computervirenschutzes »Ex Vira« soll ihm zwölf Millionen Mark gebracht haben.

Bugovics träumt von Milliardenumsätzen im Chipgeschäft, und die Medien träumen mit: Das ostdeutsche Zentralorgan Super Illu lobt das »Junggenie Ost«. Bugovics war vier Jahre alt, als seine Eltern von Ungarn in den deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat zogen.

Als DDR-Bürger hat er sich nie gefühlt. »Das war vielleicht auch meine Stärke«, sagt er und spricht vorsichtig über »Mentalitätsprobleme. Viele hier nehmen ihr Schicksal hin. Sie sind nicht gewohnt, ein Problem bis zum Ende strukturiert durchzudenken«.

Bugovics weiß, daß er die nächsten Jahre für seine Computerfirma in Dölzig bei Leipzig leben wird, daß die keinen Raum läßt für Urlaub, Freunde oder gar Familie. Marktwirtschaft bedeute Kampf. »Es ist wie im Krieg. Mir wird eine Waffe in die Hand gedrückt, und während ich noch die Gebrauchsanweisung lese, schießen die anderen schon.«

Der Chemnitzer Autohändler Wolfgang Hess hat sich neulich die »Kunst des Krieges« gekauft. Die 2500 Jahre alten Weisheiten des chinesischen Philosophen Sun-tzu kamen ihm gerade recht. Hess kämpft an vorderster Front.

»Wenn Ihnen in einer Nacht 15 Autos komplett zerkratzt werden, dann ist das Krieg«, sagt der 43jährige. Und wenn ihm Konkurrenten ins Gesicht geifern: »Dich mach'' ich tot!«, dann sei das ja wohl auch Krieg.

In sechs Jahren wandelte sich Hess vom jovialen Angestellten zum Soldaten in eigener Sache. Vor der Wende arbeitete er als Waldarbeiter, Forstingenieur und Hauptbuchhalter. Abends studierte er Volkswirtschaft, nachts und an den Wochenenden fuhr er mit der rollenden Disko »Select« auf dem Anhänger seines Wartburg Tourist durch die vergnügungsfreie Zone.

Als die Mauer bröckelte, saß Hess zu Hause und überlegte, was zu tun sei. Für Immobilien hatte er zuwenig Geld, vom Tourismus kaum Ahnung. Ans Hi-Fi-Geschäft glaubte er nicht, und der Möbelmarkt würde bald von westdeutschen Ketten überrollt werden. »Autohandel war das einfachste - wegen der hohen Umschlagsgeschwindigkeit des Kapitals.«

Der Krieger Hess stand »Gewehr bei Fuß«, als am 1. Juli 1990 die D-Mark kam. Einen Großteil seiner Ersparnisse hatte er in die Werbung für den angeblich »größten Automarkt Sachsens« investiert, der damals noch eine hastig angemietete, leergefegte Kohlenhalde war.

Bald darauf startete er mit neuen Nissan aus Holland den eigenen Graumarktimport. Am 1. Mai eröffnete er seinen sechs Millionen Mark teuren Auto-Supermarkt im »Chemnitz Park«, mit TÜV-Zweigstelle und Werkstatt, Versicherungsbüro und Kreditbank. Der Glaspalast gleicht einer abgeschnittenen Pyramide, für Hess ist er eine Festung.

Mittlerweile hat er 10 000 Autos verkauft und rechnet in seinen drei Filialen allein in diesem Jahr mit über 45 Millionen Mark Umsatz. Er könnte glücklich sein, aber mit fast pastoraler Bitterkeit bilanziert er: »Moral und Ethik blieben auf der Strecke.«

»Du mußt ein Schwein sein«, heißt ein Lied der Prinzen, das sich die konkursbedrohten Sket-Maschinenbauer kürzlich zu eigen gemacht haben. Der bitterironische Text paßte prima zu ihrer Wirwerden-doch-nur-beschissen-Stimmung. Der Betriebsrat wollte »Öffentlichkeit schaffen«, und öffentlicher als die Prinzen ging es kaum. Also luden die Sket-Männer das Leipziger A-capella-Quintett nach Magdeburg ein.

Die Prinzen wußten erst nicht so recht: »Wenn du irgendwas Benefizmäßiges machst, hörst du gleich den Vorwurf: ''Ihr wollt ja nur Werbung für eure neue Platte machen.''« Dann standen sie doch mit ihren bunten Hemdchen und Haaren vor mehreren hundert schlabbrigen Blaumännern. Das Echo ihrer Megaphonstimmen krächzte durch die Werkhalle. Pop traf Proletariat.

Die Prinzen sagten »Haltet durch!« und »Laßt euch nicht verarschen!« Wer wen wie verarscht, wußten sie vorher auch nicht so genau; nur daß da »eine Riesensauerei abläuft«. Dann mußten sie ihr Lied singen: »Du mußt ein Schwein sein in dieser Welt, Schwein sein. Du mußt gemein sein in dieser Welt, gemein sein.«

Danach waren die Maschinenbauer immer noch hoffnungslos und die Prinzen immer noch Millionäre. Aber für einen kurzen Moment fühlten sich beide Seiten rätselhaft verbunden.

Endlich einmal mußten sich die Prinzen, die 4,5 Millionen Platten verkauft haben, nicht für ihr Geld rechtfertigen. »Die Amis gehen mit Reichtum entspannter um«, sagt Prinz Sebastian Krumbiegel, 30. Jeder Rapper hänge sich dort zur Freude der Fans die schweren Goldketten um den Hals.

»Wenn wir Bock hätten, uns ''nen Porsche zu kaufen, würden wir''s auch tun«, sagt er trotzig. Sebastian und die andern vier haben aber keinen Bock.

Die Prinzen wohnen weiter in Leipzig. Sie haben sich Wohnungen gekauft und Häuser. Sie sind eine Spaß-Gesellschaft mit begrenzter Bodenhaftung geworden. Sie produzieren Hits, eine richtige Firma sind sie noch nicht. Prinz Wolfgang Lenk grübelt: »Wir investieren ja nix.« Das sei irgendwie, na ja, er weiß auch nicht.

Wolfjörg H. hat alle Gewinne wieder in seine Leipziger Baufirma gesteckt. »Klar bin ich Millionär«, sagt er. und lächelt: »Gehört nur alles der Bank.«

»Erfolg haben ist Pflicht«, mahnt er seine 90 Angestellten auf Schildern, die er überall im Betrieb aufhängen ließ. H. glaubt selbst nicht mehr so recht dran. Er redet über die Bürokratie, die ihn aussaugt und den Argwohn seiner Landsleute, der ihn lähmt: »Hier im Osten gilt der Unternehmer als Ausbeuter.«

Wenn er heute noch mal anfangen könnte, H. würde sich irgendwo einen ruhigen Job besorgen. Er sucht gerade nach einem jungen Partner, der ihm wenigstens ein bißchen Arbeit abnimmt. »Wenn ich keinen finde«, sagt er, »muß ich eben arbeiten, bis ich umfalle.«

Thomas Tuma

* Bei Dreharbeiten zu einem Opel-Spot in Miami.* In seiner Herrenboutique.

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