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REIFENMARKT Düstere Zukunft

Deutschlands Reifenhersteller stehen vor einer ernsten Absatzflaute. Kurzarbeit und Zwangsurlaub wurden beschlossen.
aus DER SPIEGEL 48/1971

In der Vorstandsetage der Continental Gummi-Werke AG Hannover bastelt ein Manager-Team seit Wochen an einem dringenden Notstandsplan. Die Bosse des größten deutschen Reifenherstellers müssen in dieser Woche in Teilen des Werkes Kurzarbeit einführen und erwägen, zwischen Weihnachten und Neujahr die gesamte Belegschaft in Zwangsurlaub zu schicken.

Die Schwierigkeiten des Konzerns (Jahresumsatz 1970: 1,6 Milliarden Mark) wurden offenbar, als der Betriebsrat für die 26 000 Beschäftigten der Werke um ein 13. Monatsgehalt nachsuchte. Bei den Verhandlungen malten die niedersächsischen Reifenbosse ein düsteres Zukunftsbild. Allein im November habe die Produktion um zehn Prozent gedrosselt werden müssen. Schuld daran seien »außergewöhnliche Abschwächungstendenzen« auf dem Reifenmarkt. Besonders der Verkauf von Winterreifen (bedingt durch die neue Spikes-Verordnung) und der Absatz von Pneus für die Landwirtschaft und das Tiefbau-Gewerbe habe in letzter Zeit stark nachgelassen.

Die verschlechterte Geschäftslage bei Conti ist freilich nicht nur auf die nachlassende Konjunktur zurückzuführen. Deutsche Reifenhersteller stehen nämlich schon seit geraumer Zeit unter immer stärkerem Wettbewerbsdruck ausländischer Hersteller, die den deutschen Markt mit Billig-Angeboten überschwemmen.

Versandhändler, Discounter, Cashand-carry-Läden und Tankstellen versorgen ihre Kundschaft fast ausschließlich mit Importreifen. Olympia-Reiter Neckermann zum Beispiel vertreibt die Hausmarken »Mars« und »Everest«, die er von der israelischen Firma Alliance aus Haifa bezieht. Mühelos wird der Versandhändler aus solchen Lieferungen in diesem Jahr über 350 000 Reifen verkaufen. Die ohnehin schon um 20 Prozent unter den Preisen deutscher Markenfabrikate liegenden Reifen bietet Neckermann jetzt sogar mit Abschlägen bis zu zehn Prozent an.

Absatzfavoriten unter den Billig-Marken sind nicht nur Reifen aus der Tschechoslowakei ("Barum"), aus Jugoslawien ("Sava"), aus Japan ("Yokohama"), aus Schweden ("Gislavet") und der DDR ("Pneumant"), sondern vor allem der holländische Reifen »Vredestein«, der neuerdings unter der Regie des US-Reifengiganten »Goodrich« produziert wird.

Auf die aggressive Konkurrenz aus dem Ausland begannen große Reifenhersteller wie Conti, Dunlop, Phoenix, Fulda, Metzeler viel zu spät zu reagieren. Zunächst versuchten sie, dem Importboom durch eine gemeinsame Handelsmarke (vorgesehener Markenname: Union) zu begegnen. Der Billigreifen kam freilich nie in den Handel, da die Dunlop AG in Hanau die Absprache nicht einhielt und im letzten Moment absprang.

Statt dessen versuchten die Konzerne mit eigenen Handelsmarken unter Phantasienamen wie »Concord« (Conti). »Regent« (Dunlop) und »Talisman« (Goodyear) ins Geschäft zu kommen.

Als die Ausländer dennoch immer mehr an Boden gewannen, blieb den deutschen Reifenbossen nichts anderes übrig, als den Handel mit großzügigen Rabatten zu ködern. Conti zum Beispiel gewährt Großabnehmern im Handel auf einen schlauchlosen VW-Reifen heute 30 bis 35 Prozent Abschlag. Auf ihre Zweitmarke »Concord« geben die Hannoveraner sogar Rabatte bis zu 50 Prozent. Neben den ohnehin schon hohen Preisabschlägen müssen die Gummilöwen neuerdings weitere Extrarabatte bis zu zehn Prozent einraumen.

Über den Preiskampf vergaßen die deutschen Hersteller, sich auf eine neue Entwicklung einzustellen: den Trend zum sogenannten Stahlgürtelreifen.

Der mit Stahlcord armierte Pneu wird bei deutschen Autofahrern immer beliebter. Von dem lukrativen Boom profitiert in erster Linie der französische Reifenhersteller Michelin, der für den 1948 entwickelten neuen Reifentyp schon 1958 eine Spezialfabrik in Karlsruhe errichtet hatte. Weitere Produktionsstätten bauten die Franzosen inzwischen in Bad Kreuznach, Bamberg, Trier und Homburg (Saar). Mit einem Umsatz von 386 Millionen Mark nimmt die deutsche Michelin-Niederlassung heute den dritten Platz in der Branchenrangliste ein.

Bei den großen deutschen Reifenherstellern hingegen scheiterte eine rasche Umstellung der Produktion auf Stahlgürtelreifen an dem erforderlichen Know-how. Zudem mußte die Reifenindustrie feststellen, daß es in Deutschland an geeigneten Zulieferanten für Stahlgewebe fehlte. Erst in jüngster Zeit konnten Metzeler, Veith-Pirelli und Continental deutschen Pkw-Fahrern Stahlgürtelreifen aus eigener Produktion präsentieren.

Fachleute sind freilich der Ansicht, daß es den Deutschen in absehbarer Zeit nicht gelingen wird, den Vorsprung von Michelin (jährliche Zuwachsrate: 30 Prozent) aufzuholen. Während sich die deutschen Gummilöwen Gedanken darüber machen, wie sie die Absatzflaute überwinden können, haben die Franzosen am Rhein ganz andere Sorgen. Pressesprecher Dieter Drabe: »Wir wissen gar nicht, wie wir alle Kunden-Wünsche erfüllen können.«

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