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ASBEST Durch Allahs Güte

aus DER SPIEGEL 7/1950

Karl-Adolf Oesterheld kletterte in Hamburg-Fuhlsbüttel aus dem Flugzeug und ließ sich zufrieden in die Polster seines Mercedes fallen. In seiner Brieftasche knisterten Verträge, die ihm auf Jahre hinaus die Schürfrechte mehrerer Asbestgruben in der Türkei sichern. Der Gruben, die Oesterheld selbst auf wochenlangem Kamel-Karawanen-Treck entdeckt und ausgebaut hat.

Oesterhelds Fulgurit-Werke in Wunstorf können ohne Asbest nicht existieren. Der 500-Mann-Betrieb stellt u. a. Asbest-Zement - Bedachungen, Wandbekleidungen, Asbestrohre und Kühlschränke her. Asbest ist knapp und teuer auf dem Weltmarkt. Besonders für Deutsche.

Die ausländischen Lieferanten ließen es die deutschen Abnehmer nach 1945 oft genug fühlen: »Vor Euch kommen erst mal andere«. Was dann, meist aus zweiter Hand, für die asbestverarbeitende Industrie Westdeutschlands übrigblieb, war oft sündhaft überteuert und schlechte Qualität. Der Preis für eine Tonne Kanada-Asbest stieg gegenüber der Vorkriegszeit auf das Fünf- bis Sechsfache.

Mit den Wunstorfern ärgerten sich neun andere Asbest-Zement-Fabriken. Aber da war nichts zu machen. Amerika und Afrika hatten Monopolstellungen. Brauchbarer Asbest wird sonst - außer in Rußland - nirgendwo auf der Welt in größeren Mengen gewonnen. Dachte man allgemein und zahlte.

Fulgurit-Unternehmer Oesterheld studierte unterdessen seinen Atlas. Aus der Türkei hatte er versuchsweise bereits vor dem Kriege minderwertigen Hornblende-Asbest bezogen. »Warum soll denn da unten nicht auch guter Serpentin-Asbest zu finden sein«, fragte er sich.

Auf den Landkarten stand nichts darüber. Seine geologisch versierten Freunde zuckten die Schultern. Sie zweifelten noch, als Oesferheld bereits für sich und seinen Ingenieur Erich Schröter das Einreisevisum in die Türkei erhielt. Osterhelds Bremer Geschäftsfreund Heinz Bauer gab ihm die Adressen seiner türkischen Importfreunde, die ihm weiterhelfen sollten.

Auf der September-Industriemesse in Smyrna wunderte sich der Leiter der Bergbauabteilung über einen Besucher, der sich eingehend für seine Gesteinsproben interessierte. Der »Effendim Oesterheld« orientierte sich gründlich. Auch in Ankara und Istanbul beriet er sich mit türkischen Geologen über Gesteine, die meist in Verbindung mit Serpentin-Asbest auftreten. In seinem Hotelzimmer fügte er abends ein Kreuz nach dem anderen auf seine Landkarte.

Am 25. September 1949, morgens, startete eine Kamelkarawane in die Berge. Wenn Oesterheld nicht auf einem Kamel ritt ("die Viecher beißen auch"), jagte er mit einem zerbeulten Opel vorneweg durch die Gesteinswüste.

Der Opel hat einmal dem deutschen Botschafter in der Türkei Franz von Papen gehört. Der einheimische Fahrer ließ ihn jetzt mit Vollgas über die abschüssigen Bergwege holpern. Dabei hielt er sich mit einer Hand an der Decke fest. Das Steuerrad wurde nur durch dünnen Draht und Allahs Güte zusammengehalten.

Die Einheimischen in den Bergdörfern gaben nicht gern Auskünfte. Es reisen heute zu viele erzsuchende Ausländer in der Türkei herum, Oesterheld bohrt, gräbt und sprengt an vielen Stellen vergeblich. Dann stößt er in einer Felsspalte auf das erste Serpentin-Gestein. Zwei Stunden später hält Oesterheld andächtig die ersten silbergrauen Fasern in der Hand.

In Goldgräber-Stimmung spendiert er eine Flasche echten Whisky, den er in Ankara von einem südamerikanischen Konsul gekauft hat ("der handelt dort gelegentlich mit so was"). Oesterheld läßt seine Karawane ruhen und aus Laub und Zweigen Hütten bauen. Die Abbauarbeiten beginnen. Kamele transportieren die ersten Gesteinsproben und Asbestfasern zur Eisenbahn. (Ein Kamel trägt 12 bis 14 Zentner.) Oesterheld läßt einen Arbeitstrupp zurück und schwingt sich wieder aufs Kamel.

700 Kilometer weiter, in der Nähe des Arche-Noah-Berges Arrarat, wird die zweite Mine gefunden. Ergebnis: Wieder erstklassiger, langfaseriger Serpentin-Asbest. Oesterheld verpflichtet Arbeiter und bricht die Reise ab. Er fährt nach Deutschland zurück, um Ingenieure und Maschinen anzufordern. In seinem Reisegepäck liegen neben einem Smyrnateppich Gesteinsproben und Asbestfasern.

In der Wunstorfer Fabrik wird das Material aufbereitet. Proben, an Sachverständige in Frankfurt eingeschickt, finden volle Anerkennung. Noch vor Weihnachten reist Oesterheld wieder nach der Türkei. Seine Frau fährt diesmal mit.

Auf der Station Uschak hat der Smyrna-Expreß planmäßig nur fünf Minuten Aufenthalt. Der Schaffner hat erfahren, daß Deutsche im Zuge sind. Er rennt zum Stationsvorsteher und berichtet. Der knüpft seinen Uniformrock zu und läßt Oesterheld zu einem »kleinen Empfang« bitten.

An der Spitze seiner Stationsbeamten hält der Vorsteher eine schwungvolle Rede über die deutsch-türkische Freundschaft. Es ist ihm »eine ehrliche Freude, nach Jahren wieder den ersten deutschen Reisenden auf seiner Station begrüßen zu dürfen«. Als Oesterheld vorsichtig darauf hinweist, daß der Expreß doch weiterfahren muß, erklärt der Stationsvorsteher: »Der kann warten.«

Zu den Minen geht es diesmal im Eseltreck. »Effendim, das ist unmöglich«, hatten die Treiber zuerst erklärt. Es sind 25 Grad Kälte. Oesterheld muß aus seiner knappen Devisenkasse ein Bakschisch nach dem anderen austeilen. Er hat seinen Tropenhelm mit einer Pelzkappe vertauscht. Wegen der Wölfe werden Gewehre ausgegeben.

Die deutsche Gruppe findet die Minen trotz der Witterung bei der Arbeit. Es sind inzwischen Wege gebaut, die auch von Lastwagen benutzt werden können. Zwei größere Gruben und drei andere Fundstellen werden erfolgreich abgebaut.

In Ankara macht Oesterheld Verträge mit den Grundbesitzern. Die Regierungsstellen sind hellwach, als ihnen der Mann aus Alemania vorrechnet, wie viele harte Dollar die Türkei mit dem hochwertigen Asbest verdienen kann. Auch die Grubensteuern werden gern akzeptiert. Nach zwei Wochen sind die Verträge perfekt.

Ueberall wird der deutsche Kaufmann und Ingenieur freundlich aufgenommen. Die Türkei, als nicht besetzt gewesenes Land, hat auch das deutsche Eigentum wohlwollender behandelt als andere Länder. Vor den Konsulatsgebäuden und den deutschen Klubs stehen türkische Polizisten. Die Räume und das Mobiliar sind meist unversehrt. »Das bleibt alles so stehen, bis Ihr wiederkommt«, wird den Deutschen erklärt.

Für den Geschäftsmann Oesterheld hat sich das türkische Wagnis gelohnt. Als er im Januar 1950 wieder nach Deutschland zurückkehrt, läuft in Wunstorf schon ein Teil der Produktion mit den Asbest-Rohstoffen aus der Türkei.

Die festen Fasern werden aufgelockert und gereinigt, mit flüssigem Zement zu einem zähen Brei verrührt. Daraus entstehen auf Spezialmaschinen widerstandsfähige Wellplatten, Rohre, Flachplatten, Bewetterungsanlagen für den Bergbau und andere Artikel.

Die Platten (Standardmaß 2,50 X 0,95 m) können auf der Baustelle zu jedem gewünschten Format zersägt und dann aufgenagelt werden. Dabei sind sie leichter als Ziegel. Ein Quadratmeter Ziegelfläche wiegt 70 bis 80 Kilo, ein Quadratmeter Asbest-Zement-Bedachung 12 bis 16 Kilo. Die Serpentin-Asbest-Platten sind etwas teurer als Ziegel. Sie können aber von einer leichteren, billigeren Dachkonstruktion getragen werden.

Im Ausland sind die Asbest-Zement-Platten weit populärer als in Deutschland. Besonders industrielle Bauten und Werkhallen sind mit den wasserdichten Wellplatten überdacht, die wie Hartholz bearbeitet werden können. Für Wohnhäuser werden Asbest-Zement-Schiefer angefertigt. Sie passen allerdings nicht in jede Umgebung.

Als tropenfester und termitensicherer Baustoff wurde das gegen Witterungseinflüsse praktisch unempfindliche Material vor dem Kriege von der deutschen Industrie im großen Umfange exportiert.

Karl Adolf Oesterheld bezieht seinen türkischen Asbest heute fast zu Vorkriegspreisen. Damit läßt sich kalkulieren. Obgleich die Einfuhren erst langsam anlaufen, konnte er bereits mit seinen Verkaufspreisen heruntergehen. Die Fulguritwerke hoffen, durch ihre günstigen Rohstoffeinkäufe auch wieder auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen. Vor 1939 wurden bis zu 60 Prozent ihrer Produktion exportiert.

»Das Ausland ist nicht so konservativ wie die Deutschen«, kommentiert Ernst Allnoch, Geschäftsführer vom Wirtschaftsverband Asbest-Zement, die größere Verbreitung seines Baustoffes im Ausland. »Hier in Deutschland wollen die Leute nicht so recht ran an den Stoff, obwohl er eine deutsche Entdeckung ist«.

Allnoch plant einen großzügigen Aufklärungsfeldzug. Bis hinunter zu den Kreisbauämtern will er die Behörden brieflich fragen: »Was habt Ihr eigentlich gegen den Asbest-Zement?«

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