Durchbruch für Deutschlands Wirtschaft "Ein schöner, stabiler, robuster Aufschwung"

Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Deutschen sind im Konsumrausch - und es ist nicht nur ein Zwischenhoch. Das sagt Dirk Schumacher, Deutschland-Chefökonom von Goldman Sachs, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Seine Prognose: Die Entbehrungen der vergangenen Jahre zahlen sich endlich aus.


SPIEGEL ONLINE: "Die Wirtschaft wächst. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Neue Jobs entstehen." So wirbt die Bundesregierung derzeit in großen Anzeigen. Ist plötzlich wirklich alles prima?

Schumacher: Zumindest was die konjunkturelle Dynamik gerade angeht. Die Wirtschaft boomt. Für deutsche Verhältnisse ist das ein ausgewachsener Boom - die Folge von Anpassungsmaßnahmen der Unternehmen in den vergangenen Jahren. Wir ernten jetzt die Früchte dieser Restrukturierung. Die Unternehmen investieren mehr und stellen auch mehr ein.

SPIEGEL ONLINE: Das Tal der Tränen liegt hinter uns?

Schumacher: Ja, wir erleben einen schönen, stabilen und robusten Aufschwung.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Jahr soll die Wirtschaft so stark wachsen wie seit sechs Jahren nicht mehr. Müssen wir der Großen Koalition danken?

Schumacher: Die jetzige Regierung ist am Aufschwung nicht allzu sehr beteiligt. Die Erholung hat schon vorher stattgefunden, die relevanten Sachen sind auf Unternehmensebene passiert. Aber auch die Agenda 2010 hat dazu beigetragen. Die Anstrengungen der letzten Jahre zahlen sich jetzt aus.

SPIEGEL ONLINE: Die Wirtschaft wächst, aber das Einkommen der privaten Haushalte ist in den vergangenen 15 Jahren gesunken. Profitieren nur die Unternehmen vom Aufschwung?

Schumacher: In der Tat ist das so. Die Einkommen für große Teile der Bevölkerung stagnieren - die Gewinne der Unternehmen sind dagegen gestiegen, genauso die Kapitaleinkünfte. Das sind die Gewinner. Aber der Aufschwung entwickelt sich so, dass auch die Beschäftigung wächst. Und die Löhne entwickeln sich moderat nach oben. Damit wird der Aufschwung an Breite gewinnen und alle partizipieren lassen, wenn auch unterschiedlich stark. In Zeiten der Globalisierung sitzt das Kapital am längeren Hebel. Das mag man für unfair halten, aber im Moment ist die Kapitalseite in einer stärkeren Verhandlungsposition. Trotzdem hat der Arbeitsmarkt gedreht. Die Angst, den Job zu verlieren, ist geringer geworden, und auch die Löhne werden anziehen.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Steuereinnahmen sprudeln wieder. Trotzdem: Müssen wir bei 1,5 Billionen Euro Schulden nun nicht noch mehr sparen?

Schumacher: Das glaube ich nicht. Deutschlands größtes Problem ist nicht die Staatsverschuldung, sondern der Arbeitsmarkt mit einem großen Teil von Langzeitarbeitslosen. Die Konsolidierung ist notwendig, aber nicht das allein selig machende Mantra.

SPIEGEL ONLINE: 2,5 oder gar 2,6 Prozent Wirtschaftswachstum sollen es dieses Jahr werden, im kommenden Jahr nur noch 1,8 Prozent - auch wegen der Erhöhung der Mehrwertsteuer. Kommt es zur Vollbremsung?

Schumacher: Ich halte die Erhöhung für ein Risiko. Man hätte sie besser über drei Jahre verteilt, wenn man sie denn unbedingt machen muss. Umfragen zeigen aber, dass Unternehmen keine Angst vor der Mehrwertsteuererhöhung haben. Sie werden keineswegs Investitionen auf Eis legen, und sie wollen weiter einstellen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Verbraucher?

Schumacher: Die haben sicher Angst. Im Januar und Februar werden wir schlimme Einzelhandelsumsätze sehen, große Einbrüche werden sich nicht vermeiden lassen. Es wird aber nicht die Konjunktur zum Entgleisen bringen. Wenn der Export und der Arbeitsmarkt weiter gut laufen, dann kommen wir mit einer Schramme davon.

SPIEGEL ONLINE: Es gab viel Gezeter um die Mehrwertsteuererhöhung. Viele Ökonomen haben behauptet, sie werde eine Katastrophe für den Aufschwung sein. Davon will nun kaum noch jemand was wissen.

Schumacher: Ich halte sie weiter für einen Fehler. Aber als sie beschlossen wurde, war der private Verbrauch das schwächste Glied der Kette. Es war damals nicht klar, wie sich die Volkswirtschaft entwickeln würde - zumal die USA langsamer wachsen und der Euro an Wert zulegt. Das sind drei Schocks gleichzeitig, und das hätte ein ungemütliches Gebräu sein können. Mittlerweile sieht es aber so aus, dass die Binnenkonjunktur robust genug ist, um die höhere Mehrwertsteuer und die Erhöhung des Eurokurses nicht mehr das große Problem sind. Das Niveau, auf dem wir nun wachsen, ist höher. Aber ein Bremsmanöver wird es geben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle wird die deutsche Ökonomie 2007 in der Euro-Zone spielen? Können wir uns unabhängiger von der Weltökonomie machen?

Schumacher: Unser Aufschwung gewinnt an Stabilität. Wir erleben, dass wir unabhängiger werden. Zumal die Weltkonjunktur solide wächst. Insgesamt wächst Asien sehr stark, Europa auch, nur die USA sind schwächer. In Europa haben wir Deutschland plötzlich als Wachstumsmotor - jahrelang hatten wir nur gebremst, dieses Jahr werden wir der größte Wachstumstreiber auf dem Kontinent.

SPIEGEL ONLINE: Und im kommenden Jahr?

Schumacher: Wir werden mit 1,8 Prozent Wachstum solide zulegen. Nicht mehr so stark wie vorher, aber Deutschland wächst, und davon profitieren auch Länder wie Italien und Frankreich. Die können eine Pause einlegen. Die Dämpfung im ersten Quartal werden wir gut verdauen. Wenn das globale Wachstum zwischen 3,5 und vier Prozent liegt, wird Deutschland 2007 und 2008 robust mitwachsen. Der Arbeitsmarkt wird dabei der wichtigste Treiber sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Branchen werden im kommenden Jahr in Deutschland das Rennen machen?

Schumacher: Nach wie vor werden die Investitionen robust sein, das heißt der Maschinenbau. Der Bau steht solide da und sollte sich gut entwickeln, weil die Unternehmen und Kommunen mehr Geld haben und mehr investieren. Aber auch der private Verbrauch wird nach dem Dämpfer durch die Mehrwertsteuererhöhung anziehen.

SPIEGEL ONLINE: So gute Nachrichten ist Deutschland nicht mehr gewohnt...

Schumacher: ...aber der Turnaround der deutschen Wirtschaft ist wirklich Grund zum Jubeln. Am meisten überrascht hat mich die hohe Zahl der neuen sozialversicherungspflichtigen Jobs. Dass Deutschland besser da steht als vor drei Jahren, ist offensichtlich.

Das Interview führte Tim Höfinghoff.



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