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VW-KONZERN Durchgewirbelt

Mit neuen Managern und Modellen will VW-Chef Leiding den Wolfsburger Auto-Konzern bis 1975 auf 600 Millionen Mark Gewinn steuern.
aus DER SPIEGEL 11/1973

Die ersten Strahlen der wiederaufgehenden Sonne«. schwärmte VW-Finanzchef Friedrich Thomée über künftige Konzern-Gewinne, »sind schon zu sehen.«

Der Chef-Rechner des größten deutschen Industrie-Unternehmens (Jahresumsatz 1972: 16,5 Milliarden Mark) hatte 1971 nahezu einen Null-Abschluß unterschreiben müssen: Innerbetriebliche Geldverschwendung und festgefahrene Modellpolitik hatten das Unternehmen an den Rand der roten Zahlen gebracht.

Vertan war auch die 1968 von VW-Veteran Heinrich Nordhoff hinterlassene Kriegskasse von 1.1 Milliarden Mark, die Nachfolger Lotz für kostspielige Feldzüge zur Abrundung des VW-Konzerns eingesetzt hatte. Rund 650 Millionen Mark, so Insider. hat allein die Eroberung der schwäbischen Auto-Manufaktur NSU gekostet. Finanzchef Thomée: »Davon will ich überhaupt nichts mehr hören.«

Als Lotz-Nachfolger Leiding im Herbst 1971 an den Start ging, stimmte nirgends mehr das Geld. Sämtliche Modelle, vor allem die von Lotz eingeführten VW 411 und K 70 sowie die NSU-Typen Ro 80, 1000 und 1200. fuhren Verluste ein. Gewinne gab es nur beim VW-Transporter und im Ersatzteilgeschäft.

Vom Sommer dieses Jahres an soll das alles anders werden. Nach den Werksferien wollen die Wolfsburger einen neuen Mittelklasse- VW- 400 mit Frontantrieb, Wasserkühlung und Heckklappe auf den Markt rollen. Der Neue ist dann freilich schon ein Jahr in großer Serie auf den Straßen ausprobiert worden: in Gestalt des Audi 80, dessen einziger Unterschied zum VW 400 sein Stufenheck ist.

1974 will VW einen 1,1-Liter-Kleinwagen. 1975 ein Zweiliter-Fahrzeug anbieten. Ein großer Audi soll -- gleichfalls 1975 -- wahlweise mit Otto- und mit Wankel-Motor ausgestattet werden. Die heute gängigen Mittelklassewagen von VW müssen dann vom Band.

Neben den Verlustbringern vom Fließband will VW-Chef Leiding auch die schwachen Konzerntöchter abservieren. Auf der Verkaufsliste steht gegenwärtig Deutschlands größtes Mietwagenunternehmen, die VW-Tochter SU Interrent.

Das Auto-Leih-Unternehmen war aufgefallen, weil es konkurrenzlosen Service bot: Kenner konnten die SU Autos umsonst fahren, denn der Computer meldete Zahlungsrückstände nicht. Im vergangenen Monat teilten Bilanzfilzer des hamburgischen Unternehmens dem für Beteiligungen zuständigen VW-Vorstand Gerhard Prinz mit, es habe sich ein Berg von 14 Millionen Mark Außenständen hochgeschoben, von denen vier Millionen wohl verloren seien.

Leidings Prinz, der die Affäre geheimhielt, weiß indessen noch nicht, wie er den Verlustbringer loswerden soll. Die internationalen Marktführer der Leihwagenbranche, Hertz und Avis. wollen das 6000 Autos starke Konkurrenzunternehmen nicht haben.

Sorgen bereiten den VW-Managern auch die Auslandstöchter. Die VW of America. früher ein Großverdiener, macht heute zwar viel Umsatz, aber kaum Gewinn. Jetzt wollen die Wolfsburger Manager, die schon im vergangenen Monat den VW-Preis in Amerika um 7.3 Prozent erhöhten, noch einmal mehr als vier Prozent draufschlagen. Gegen Währungsverluste hatte sich der Käfer-Konzern schon vorher durch Kurssicherungskäufe an den Devisenbörsen geschützt: Etwa 100 000 US-Volkswagen werden von Dollar-Ab- und D-Mark-Aufwertung nicht betroffen --

Bei der produktionsstarken Wolfsburger Auslandstochter. der VW do Brasil (Marktanteil: 58 Prozent), will Chef Leiding aufkommende Behäbigkeit durch ein zügelfestes Management überwinden. Um den Chefsessel in Säo Bernardo neu besetzen zu können, drehte der VW-General Anfang des Jahres ein Management-Karussell an.

Neuer Chef von VW do Brasil soll der bisherige Bosch-Generalbevollmächtigte für Lateinamerika, Wolfgang Sauer, 42, werden, der gute Beziehungen zum Medici-Regime in Brasilien unterhält. Den gegenwärtigen VW-Chef in Brasilien, Werner Paul Schmidt, will Leiding auf den Führungssessel der Ingolstädter Tochter Audi NSU setzen. Dort sitzt schon in Personalunion VW-Beteiligungschef Prinz, den das Manager-Roulett nun nach Wolfsburg zurückwirbelt.

Mit dem Ende der Prinz-Doppelfunktion -- Audi-NSU-Chef und VW-Vorstand -- aber darf aus Gründen des Gleichgewichts auch kein zweiter in Wolfsburg mehr Doppelressorts leiten. Deshalb soll Einkaufschef Horst Münzner, der seit dem Ausscheiden von Verkaufschef Carl Hahn auch dessen Ressort verwaltet, nach dem Willen des VW-Aufsichtsrats künftig nur noch als Chefverkäufer wirken. Neuer Einkaufschef wird Gottlieb Strobl, bisher Chefeinkäufer von Audi NSU.

Mit neuem Management und neuen Modellen peilt der VW-Konzern neue Ufer an. 5,4 Milliarden Mark will er bis 1975 im Inland investieren, aber nur für Modellpolitik und Rationalisierung. Rund eine Milliarde soll ins Ausland fließen, wo künftig der Schwerpunkt der Expansion liegen wird. Sogar in den USA erwägt VW jetzt Fertigungsstätten.

Bis 1975 will Konzern-Tatmensch Leiding drei Prozent Netto-Umsatzrendite (1973: etwa ein Prozent) schaffen. »Wir wollen«, so Finanzchef Thomée. »600 Millionen Mark Gewinn erzielen.« Und: »Das bedeutet natürlich über 20 Prozent Dividende.« Gegenwärtige VW-Ausschüttung: neun Prozent.

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