Pipeline-Alternative Dutzende Schiffe mit LNG stauen sich vor Spaniens Küste

Weil Russland Gaslieferungen gestoppt hat, ist verflüssigtes Erdgas heiß begehrt. Doch mehr als 30 LNG-Frachter harren an Europas Südküste aus – und könnten wieder abdrehen.
Gasriese: LNG-Transporter wie dieser (nahe der Küste von Havanna) werden derzeit ihre Ladung schwer los

Gasriese: LNG-Transporter wie dieser (nahe der Küste von Havanna) werden derzeit ihre Ladung schwer los

Foto: Desmond Boylan/ REUTERS

Immer mehr Schiffe, die verflüssigtes Erdgas (LNG) geladen haben, stauen sich an Spaniens Küste. Der Grund: Sie finden keine Stelle zum Entladen. Wenn der Rückstau nicht bald beseitigt wird, könnten sich diese Schiffe nach alternativen Häfen außerhalb Europas umsehen, um ihre Ladung loszuwerden, warnen Experten.

Derzeit seien es mehr als 35 LNG-Schiffe, wie Händler, Analysten und mit der Situation vertraute Mitarbeiter von LNG-Terminals der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Spanien bietet in dieser Woche aber nur sechs der begehrten Slots, also Gelegenheiten zur Entladung an seinen Terminals, an, sagte ein Insider. Das Land verfügt über insgesamt sechs Terminals.

In einer am späten Montagabend veröffentlichten Erklärung mit dem Titel »Erklärung einer außergewöhnlichen Betriebssituation« betonte der spanische Gasnetzbetreiber Enagas, dass er aufgrund von Überkapazitäten möglicherweise LNG-Ladungen zurückweisen müsse. Die starke Auslastung werde voraussichtlich mindestens bis zur ersten Novemberwoche anhalten.

An den Anlagen kann das flüssige Gas aus den Transportschiffen abgepumpt und durch Erwärmung wieder gasförmig gemacht werden. So wird das Gas dann ins Gasnetz eingespeist.

Noch mehr Schiffe vor Anker

Außerdem liegen LNG-Schiffe in der Nähe anderer europäischer Länder vor Anker. Das könnte darauf hindeuten, dass noch Dutzende weiterer Schiffe warten, sagte ein Insider. »Wir sehen eine große Anzahl von Ladungen, die vor der Küste Südspaniens warten oder im Mittelmeer kreisen«, sagt Alex Froley, LNG-Analyst beim Datenanalyseunternehmen ICIS. »Auch harren einige Ladungen vor dem Vereinigten Königreich aus.«

Möglicherweise liege das auch daran, dass einige Schiffe vor Beginn der Heizperiode darauf warten, ihre Ladungen zu einem höheren Preis zu verkaufen. »Diese Strategie funktioniert zum Teil, weil einige Unternehmen aufgrund von Ausfällen wie der Schließung der US-Anlage Freeport über Flexibilität in ihrem Verschiffungsportfolio verfügen«, sagt Froley. Er meint damit den zweitgrößten US-Exporteur von LNG, der im Juni nach einer Explosion und einem Brand seinen Betrieb einstellte.

Spanien verfügt über die größten Wiederverdampfungskapazitäten in der Europäischen Union, ist also die größte Anlaufstelle, um LNG wieder in Gas umzuwandeln. Die Kapazitäten des Landes machen ein Drittel des gesamten LNG und 44 Prozent der LNG-Speicherkapazität in der Union aus.

Deutschland verfügt aktuell über keine eigenen LNG-Terminals. Im kommenden Winter sollen zwei schwimmende LNG-Anlagen in Wilhelmshaven und Brunsbüttel einsatzbereit sein, um Importe von Flüssiggas ins deutsche Gasnetz einzuspeisen. Zusammen haben sie eine Kapazität von jährlich bis zu 12,5 Milliarden Kubikmeter. In Stade und Lubmin könnten zwei weitere dieser Anlagen zum Einsatz kommen. Alle vier Anlagen könnten später durch feste LNG-Terminals ersetzt werden.

mamk/Reuters
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