E.on-Chef über Gas aus Russland »Wir müssen zu jedem Zeitpunkt mit einem Lieferstopp rechnen«

Droht nach Polen und Bulgarien bald auch Deutschland ein russischer Gaslieferstopp? E.on-Chef Leonhard Birnbaum hält das jederzeit für möglich – und verlangt Vorbereitungen in der EU.
E.on-Chef Birnbaum: »Die europäische Solidarität wäre dahin«

E.on-Chef Birnbaum: »Die europäische Solidarität wäre dahin«

Foto: Roland Weihrauch / picture alliance/dpa

E.on Chef Leonhard Birnbaum hält einen Lieferstopp von russischem Gas jederzeit für möglich. Das sagte er der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (»FAZ«).  Niemand in Deutschland könne seriös die Frage beantworten, wie lange noch russisches Gas nach Deutschland ströme, sagte Birnbaum. Die Situation sei aber ernst: »Wir müssen uns entsprechend vorbereiten«, sagte Birnbaum. »Wir müssen zu jedem Zeitpunkt mit einem Lieferstopp rechnen.«

Dabei sei es »fast egal«, ob der Lieferstopp im Mai oder im Herbst erfolge. Für den Ernstfall forderte er ein koordiniertes Vorgehen in Europa. Die bestehenden Notfallpläne müssten an die aktuelle Situation angepasst werden, so der Manager. »Dazu brauchen wir unbedingt auch eine bessere europäische Abstimmung.«

Jüngste Ereignisse scheinen Birnbaums Sorgen zu bestätigen. In der vergangenen Woche hatte Russland Gaslieferungen erst nach Polen, kurz darauf auch nach Bulgarien eingestellt – wohl im Streit um die geforderte Bezahlung der Gaslieferungen in Rubel. Nach Angaben der polnischen Umweltministerin Anna Moskwa habe sich das Land aber rechtzeitig auf den Lieferstopp vorbereitet: Polens Gasspeicher seien zu fast 80 Prozent gefüllt, im Herbst rechne sie mit 100 Prozent. Außerdem beziehen beide Länder nun Gas aus Nachbarländern.

In Deutschland sieht die Lage jedoch bisher anders aus: Die Bundesrepublik ist ungleich stärker auf russisches Gas angewiesen, zudem sind die Füllstände der Gasspeicher deutlich leerer. In der Wirtschaft ist die Sorge deshalb groß, dass Russland auch die Lieferungen nach Deutschland einstellen könnte.

E.on-Chef Birnbaum fordert im Notfall ein solidarisches Vorgehen in Europa. »Wir sollten tunlichst vermeiden, dass dasselbe passiert wie bei den Coronamasken und jedes Land nur an seine eigenen Interessen denkt«, sagte er der »FAZ«. Denn dann schone jeder seine eigenen Speicher, schaue zum Nachbarn und sehe, dass der auch nichts abgebe. »Also würden die Türen zugemacht werden, und dann hätten wir plötzlich keinen europäischen Gasmarkt mehr – und die europäische Solidarität wäre dahin.«

jlk/Reuters