E.ons Übernahmepläne Bernotats energische Expansion

Analysten bejubeln das Übernahmeangebot des Energieriesen E.on für den spanischen Konkurrenten Endesa als großen Coup - Verbraucherschützer sind entsetzt und fürchten steigende Energiepreise. Endesa wies die Offerte als zu niedrig zurück, und auch die spanische Regierung könnte sich querstellen.


Hamburg - Wenn es klappt, wird es einer der größten Deals des Jahres: Für 29,1 Milliarden Euro will der Energieriese E.on den spanischen Markführer Endesa aufkaufen. "Das Unternehmen wäre nach der Fusion groß genug, um die Strom- und Gasversorgung für ganz Deutschland zu übernehmen", empört sich Holger Krawinkel, Fachbereichsleiter des Bundesverbands der Verbraucherschützer, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Auf die Wettbewerbssituation auf dem Energiemarkt würde sich das verheerend auswirken, glaubt der Branchen-Fachmann. "Das ist wie eine Spirale. Durch die Übernahme nimmt die Konzentration im europäischen Energiesektor zu, dadurch können die Preise weiter hoch gehalten werden. Dadurch fließt wieder mehr Geld in die Kassen, mit dem können wiederum neue Übernahmen gestemmt werden."

Wulf Bernotat: Der E.on-Chef fühlt sich im Einklang mit den EU-Wettbewerbshütern
AP

Wulf Bernotat: Der E.on-Chef fühlt sich im Einklang mit den EU-Wettbewerbshütern

Ähnlich sieht das die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert: "Zusammenschlüsse und Marktkonzentration werden eher zu höheren Preisen führen", sagte sie der Nachrichtenagentur AFP.

Auch E.on-Chef Wulf Bernotat macht aus seinen ehrgeizigen Expansionsplänen keinen Hehl. Er wolle mit der Übernahme zum globalen Branchenführer aufsteigen, erklärte er heute zufrieden. Die Daten nehmen sich dementsprechend beeindruckend aus: Zusammengerechnet haben E.on und Endesa im vergangenen Jahr 608 Milliarden Kilowattstunden Strom und 945 Milliarden Kilowattstunden Gas verkauft. Durch die Fusion entstünde ein Stromgigant mit 107.000 Mitarbeitern und 50 Millionen Kunden in über 30 Ländern.

Grauenhafte Aussichten, findet Verbraucherschützer Krawinkel. "Es wird Zeit für eine europäische Energiepolitik, die solche Übernahmen reguliert und strukturell für mehr Wettbewerb auf dem Energiemarkt sorgt", erklärt er. "Am dringendsten ist dabei die Trennung der Netze von Handel und Erzeugung: Auf dem Strom- und Gasmarkt fehlen starke Handelsketten wie bei den Lebensmitteln, die über die notwendige Marktmacht verfügen, um auch im Interesse der Kunden die Erzeugerpreise niedrig zu halten."

Anleger freuen sich über die Fusionspläne

Bei E.on will man von solchen Vorwürfen naturgemäß nichts hören. "Diese Transaktion hat mit den Energiepreisen in Deutschland überhaupt nichts zu tun", erklärt Bernotat mit scharfem Unterton in der Stimme bei einer Telefonkonferenz auf die Frage nach den Folgen für den Markt. Und in punkto Marktkonzentration glaubt er sich gar "genau in der Zielrichtung" der Europäischen Kommission. Die hatte in der vergangenen Woche den mangelnden Wettbewerb auf dem Markt angeprangert und mit mehreren Kartellverfahren gedroht; was jedoch keineswegs gegen seine Übernahmepläne spreche, findet Bernotat. Immerhin würde E.on dabei helfen, "perspektivisch einen zusammenwachsenden Markt in Europa" zu schaffen.

Auch aus Anlegersicht sind E.ons Fusionspläne vor allem Quell der Freude. Denn Größe - darin sind sich die Experten mit dem E.on-Chef einig - ist auf dem weltweiten Energiemarkt der entscheidende Faktor, um im Wettbewerb bestehen zu können. Doch die Suche nach fusionswilligen Konkurrenten ist nicht leicht: Erst vor kurzem war E.on mit seinem Gebot von rund 16 Milliarden Euro für den schottischen Versorger Scottish Power gescheitert - auf der Insel wollte man mehr Geld haben. Mit Endesa winken nun die lukrativen Märkte in Spanien und Lateinamerika, wo die Wachstumsraten weit über denen in Deutschland liegen.

Aus Börsenperspektive sei die Ankündigung deshalb durchaus ein Anlass zu Optimismus, sagen Analysten. "So kann E.on ein stabiles Gegengewicht zum französischen Energiekonzern EDF aufbauen", sagt etwa Marc Koebernick von der WestLB. Und Theo Kitz von der Privatbank Merck & Fink jubelt: "Wenn das gelingt, ist das ein echter Coup. Da finden zwei kerngesunde Unternehmen zusammen, die sich geografisch gut ergänzen." Der Frankfurter Aktienmarkt quittierte die Nachricht mit entsprechenden Kurssteigerungen. Zwischenzeitlich erreichten die E.on-Papiere den höchsten Wert seit der Fusion von Veba und Viag im Jahr 2000, aus der der Konzern entstand.

Analysten sehen selbst in Kapitalerhöhung kein Problem

Dabei wird die Fusion E.on teuer zu stehen kommen. Auf 29,1 Milliarden Euro beläuft sich das derzeitige Angebot von E.on. Verbindlichkeiten, Rückstellungen und Minderheitsbeteiligungen der Spanier eingerechnet würde das Geschäft den Konzern nach eigenen Angaben sogar 55,2 Milliarden Euro kosten. Und noch ist nicht klar, ob der spanische Energieversorger Gas Natural, der bisher als wahrscheinlicher Käufer für Endesa galt, seine bisherige Offerte von 22,5 Milliarden Euro noch mal erhöhen und damit einen Bieterwettkampf einläuten wird.

Doch E.on ist finanziell bestens aufgestellt für das Riesengeschäft. 16 Milliarden Euro an Cash-Reserven konnte der Konzern im September 2005 vorweisen. Der Gewinn sei 2005 insgesamt um 70 Prozent auf 7,4 Milliarden Euro in die Höhe geschnellt, teilte der Konzern heute mit. Das bisherige Angebot für Endesa könnte man allein durch Finanzreserven und Kredite stemmen, erklärte Vorstandsmitglied Erhard Schipporeit bei der Telefonkonferenz am Mittag .

Für Verbraucherschützer Krawinkel ist klar, wie die randvolle Kassen des Konzerns zu erklären sind: "Damit wird deutlich, was aus den überhöhten Margen aus dem Energiesektor wird", erklärt er. Analysten dagegen verweisen vor allem auf die zahlreichen Unternehmen, die E.on in den vergangenen Jahren abgestoßen hat, weil sich Konzernchef Bernotat ganz aufs Kerngeschäft konzentrieren wollte. Zahlreiche Telekommunikationsbeteiligungen wurden veräußert, für den atemberaubenden Gewinnsprung im letzten Jahr ist vor allem der Verkauf der Immobilientochter Viterra verantwortlich, der rund sieben Milliarden Euro brachte. Der Messtechnikhersteller Ruhrgas Industries sorgte 2005 für weitere 1,5 Milliarden Euro.

Doch selbst wenn E.on gezwungen sein sollte, die Endesa-Übernahme mit Hilfe einer Kapitalerhöhung zu stemmen - die Aktionäre hätten dafür Verständnis, da ist sich zumindest Merck & Fink-Analyst Kitz sicher. "Die würden denen die Papiere aus der Hand reißen", glaubt er. 

Spanische Regierung äußert Vorbehalte

Noch allerdings ist die Übernahme längst nicht sicher. Der Endesa-Vorstand erklärte am Dienstagabend, das Angebot über 29,1 Milliarden Euro spiegele den tatsächlichen Wert des Unternehmens nicht angemessen wider. Positiv sei jedoch, dass E.on in bar bezahlen und keine Endesa-Aktiva veräußern wolle. 

Endesa hat laut eigenen Angaben auch mit anderen Interessenten Gespräche geführt. Übereinkünfte habe es aber nicht gegeben. Der spanische Gasversorger Gas Natural will an seiner als feindlich eingestuften Offerte für Endesa über rund 22,5 Milliarden Euro festhalten, wie er am Abend mitteilte.

Ob der Deal gelingt, hängt maßgeblich außerdem an der spanischen Regierung. Denn sie verfügt bei Endesa über eine "goldene Aktie" - eine symbolische Kapitalbeteiligung, die ihr bei wichtigen Entscheidungen ein Veto einräumt.

Wie wichtig in Madrid der Energiesektor genommen wird, zeigte sich, als kürzlich die von Gas Natural geplante Fusion mit Endesa trotz des Einspruchs der Wettbewerbsbehörden per Regierungserlaubnis möglich gemacht wurde. Und in seiner Selbstsicherheit bezüglich des Gelingens seines Coups könnte Bernotat die Madrilenen unbeabsichtigt in Rage gebracht haben: Er informierte die Staatsspitze erst kurz vor der offiziellen Offerte über sein Vorhaben - Gerüchten zufolge nur per Telefon.

Am Dienstagabend machte der spanische Ministerpräsidenten José Luis Rodriguez Zapatero Bernotat in einem gut einstündigen Gesprächs denn auch die Vorbehalte seiner Regierung gegen die Übernahme deutlich. Der Ministerpräsident habe die Position vertreten, dass strategisch wichtige Wirtschaftzweige wie der Energiesektor unter spanischer Kontrolle bleiben sollten, hieß es.



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