Neuer E-Zigaretten-Hype Juul Cool, stark - und gefährlich

"Juuling" ist der Trend an US-Highschools. Hunderttausende Kids greifen zu einer neuen E-Zigarette. Die gilt als extrem angesagt - und macht extrem schnell süchtig.
E-Zigaretten-Konsumenten in den USA

E-Zigaretten-Konsumenten in den USA

Foto: Eduardo Munoz/ REUTERS

Das Gadget, das den Eltern von US-Teenagern und den Bossen der globalen Zigarettenmultis Angst macht, sieht von außen aus wie ein längerer USB-Stick. Es lässt sich am Laptop aufladen, reimt sich auf "cool" - und macht seine jungen User süchtig. Nikotinsüchtig.

"Juuling" heißt der neue Hype an US-Highschools. Juuling, das heißt inhalieren. An Juul, dem "iPhone der E-Zigaretten", wie die Jugendlichen die neuartige elektronische Zigarette nennen. Juul geht gerade viral: in den sozialen Medien und an Amerikas Schulen. Binnen weniger Monate hat sie ihren Marktanteil am hart umkämpften, rund zwei Millliarden Dollar schweren amerikanischen E-Zigarettenmarkt von fünf Prozent auf mehr als 50 Prozent gesteigert. Und vor allem bei Jugendlichen ist diese extrem nikotinhaltige E-Fluppe extrem angesagt.

E-Zigaretten-Konsumenten inhalieren den Dampf einer Flüssigkeit - anders als Raucher, die verbrannten Tabak einatmen. Das soll gesünder sein - doch bei Juul ist dieser Vorteil zumindest fragwürdig.

Die "Epidemie", so nennen Medien wie CNN oder das "Wall Street Journal" den neuen Trend, alarmiert Eltern, Lehrer, Anti-Tabak-Aktivisten - und nun auch die nationale Gesundheitsbehörde. Die FDA startete in den vergangenen Wochen Testkäufe von E-Zigaretten. Heraus kam: Shell- und BP-Tankstellen, 7-Eleven-Shops, Läden der Kette Cumberland Farms und weitere Geschäfte verkauften die Nikotinprodukte an Minderjährige - obwohl die Abgabe an Jugendliche und Kinder streng verboten ist.

Tabakzigaretten sind out an den meisten US-Schulen - Juul knallt besser

Die FDA mahnt nun 40 Handelsunternehmen ab; Ebay hat bereits von sich aus den Verkauf eingestellt. Und die Aufseher nehmen die Erzeuger ins Visier. Das Start-up Juul Labs aus Kalifornien und zwei weitere Hersteller hipper E-Zigaretten müssen der Behörde gegenüber Rechenschaft ablegen: über Inhaltsstoffe, Wirkung und die Vermarktung ihrer Verdampfer. "Die traurige Wahrheit ist, dass elektronische Nikotinliefersysteme wie E-Zigaretten enorm populär bei Kids geworden sind", erklärt FDA-Chef Scott Gottlieb. "Wir verstehen noch nicht, warum. Aber es ist geboten, dass wir es herauskriegen, und zwar schnell. Diese Dokumente könnten uns helfen."

Juul Labs erklärte zur FDA-Untersuchung, Verkäufe an Minderjährige seien "inakzeptabel". Nach Unternehmensangaben ist der Niko-Stick ausschließlich für erwachsene Raucher gedacht - um diese von der noch weitaus giftigeren Tabakzigarette abzubringen. So beteuert es die E-Zigarettenindustrie seit Jahren unisono. Angesichts des derzeitigen Hypes stellt sich aber dringend die Frage, ob die Hersteller nicht in Wahrheit doch Jugendliche zu Nikotinsüchtigen machen wollen. Geschmacksrichtungen wie "Cool Cucumber", "Crème Brulée", "Stoned Smurf" oder "Fruity Fun Cereal" dürften 50-jährige Camel-Raucher jedenfalls kaum ködern.

Tabakzigaretten sind out an den meisten US-Schulen: Werbeverbote und strenger Jugendschutz zahlen sich aus. Das "Vaping" (Dampfen) indes gilt vielerorts als hip. In einer Umfrage von 2017 outeten sich 19 Prozent der US-Zwölftklässler und 16 Prozent der Zehntklässler als Dampfer. Und das war, bevor der Juul-Hype losging.

So viel Nikotin wie in einer Schachtel Zigaretten

Zahllose "juuling"-Videos finden sich heute im Internet, auf vielen führen offensichtlich Minderjährige ihr Vaping-Können vor. Das Gerät könne eine ganz neue Generation von Kindern in die Nikotinabhängigkeit treiben, werfen elf US-Senatoren dem Hersteller in einem offenen Brief vor. Schließlich ist die in Kalifornien entwickelte E-Zigarette nicht nur erfolgreicher als die Konkurrenzprodukte. Sie macht wahrscheinlich auch schneller abhängig. Beides hat denselben Grund: Juul knallt besser.

"Die Nikotinkonzentration in der Flüssigkeit ist mit fünf Prozent ausgesprochen hoch", sagt ein Münchner Tabakforscher, der sich nicht öffentlich zu Juul äußern will. "Zum Vergleich: in Deutschland sind maximal zwei Prozent erlaubt". Damit verbirgt sich in einer einzigen kleinen Juul-Kartusche so viel suchterzeugendes Nikotin wie in einer ganzen 20er-Schachtel Tabakzigaretten. Und dazu liefert die Flüssigkeit den Dampfern nach Herstellerangaben auch noch einen schnelleren, härteren Kick als konventionelle E-Zigaretten. Auf Präsentationen, die Juul Labs potenziellen Investoren vorführte, ähnelt die Nikotinaufnahme beim Inhalieren von Juul stark derjenigen der echten Zigarette.

Ob das wirklich stimmt oder bloß Eigen-PR ist, muss die FDA herausfinden. Fest steht aber: die Kundschaft glaubt es. Der Juul-Absatz hat sich 2017 verachtfacht. Und dabei macht das Start-up mit seiner USB-Kippe offenbar auch den Zigarettenmultis die Raucher abspenstig. "Der US-Tabakmarkt beginnt, von Juul erschüttert zu werden", schreiben die Analysten der Großbank Citigroup. Dies könne die etablierten Konzerne in ihrem Kerngeschäft bedrohen.

Ob Philip Morris ("Marlboro"), BAT ("Lucky Strike"), Imperial Tobacco ("West") oder JTI ("Camel") - sie alle haben sich in den vergangenen Jahren im E-Zigarettengeschäft breitgemacht. Sie investieren Milliarden in neuartige Tabakverdampfer, teils verzeichnen sie beachtliche Verkaufserfolge. Aber den "Heiligen Gral", wie Insider die Nikotinverabreichungsmaschine der Zukunft nennen, hat noch keiner der Multis gefunden: eine hippe, coole E-Zigarette, die einerseits so wenige Menschen wie möglich umbringt - und andererseits das sinnliche Erlebnis und den Nikotinkick des "Real Thing" so gut wie möglich imitiert.

Den Erfindern von Juul könnte zumindest Letzteres gelungen sein. "Wenn du auf das Klo gehst", zitiert die "New York Times" den Sprecher einer Highschool-Abschlussklasse aus Connecticut, "ist die Wahrscheinlichkeit null, dass einer Zigarette raucht". Aber: "es gibt eine 50-Prozent-Chance, dass fünf Typen juulen."

Bei den Produzenten neuartiger Vaping-Detektoren stapeln sich gerade die Anfragen von Schuldirektoren und besorgten Eltern. Sie wollen rausfinden, wo ihre Schüler und Kinder heimlich dampfen. Mit Nikotin ließen sich eben schon immer grandiose Geschäfte machen.

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