Marktstart von umstrittener E-Zigarette Die Suchtmaschine

Neuartige E-Zigaretten erobern Amerikas Schulhöfe und machen Hunderttausende Jugendliche nikotinsüchtig. Die US-Gesundheitsbehörde spricht von einer Epidemie. Nun expandiert Marktführer Juul nach Deutschland.

E-Zigarette Juul
Bloomberg via Getty Images

E-Zigarette Juul

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In wenigen Wochen kommt Juul nach Deutschland. Die E-Zigarette, an der schon so viele US-Jugendliche hängen, dass die staatliche Gesundheitsbehörde von einer Epidemie spricht. "Ich werde nicht zulassen, dass eine Generation von Kindern durch E-Zigaretten nikotinsüchtig wird", sagt Scott Gottlieb. Gerade hat der Chef der Food and Drug Administration (FDA) umfassende Verkaufsbeschränkungen für die Verdampfer angekündigt.

"Juuling" nennen es die Highschool-Kids, wenn sie an der Juul ziehen und deren besonders nikotinhaltigen Dampf einatmen. Das Wort ist in die US-Teenie-Sprache eingezogen - so rapide hat sich das Gerät landesweit verbreitet. Juuling-Fans nennen es das "iPhone der E-Zigarette".

Der Siegeszug von Juul sorgt nicht nur Gesundheitswächter und Eltern, sondern auch die internationalen Tabakmultis. Denen hat das kalifornische Start-up Juul Labs den Rang abgelaufen am milliardenschweren Wachstumsgeschäft mit E-Zigaretten. Innerhalb von zwei Jahren ist Juuls Marktanteil in den USA nach Berechnungen des Marktforschungsinstituts Nielsen von zwei Prozent auf zuletzt mehr als 70 Prozent hochgeschossen.

Im Sommer sammelte Juul Labs bei einer Finanzierungsrunde 1,2 Milliarden Dollar ein; die Investoren bewerteten das komplette Unternehmen dabei mit 15 Milliarden Dollar. Die beiden Gründer, die früheren Stanford-Studenten James Monsees und Adam Bowen, sind reiche Männer geworden. Nun wollen sie den deutschen Markt erobern.

Mehr Nikotin, mehr Kick

Ihre Schöpfung sieht aus wie ein schlanker, längerer USB-Stick. Und wie der Stick lässt sich die Juul am Laptop aufladen. Zieht man an ihr, verdampft Flüssigkeit. In Geschmacksrichtungen wie "Fruit Medley", "Cucumber" oder "Creme Brulee", wie Juul seine Produkte nennt.

Doch die User inhalieren nicht bloß Aromastoffe in ihre Lungen. In den Liquids steckt hochkonzentriertes Nikotin - bei Juul bis zu fünf Prozent. Zum Vergleich: Die EU erlaubt maximal zwei Prozent. Damit verbirgt sich in einer einzigen kleinen Juul-Kartusche ähnlich viel suchterzeugendes Nikotin wie in einer ganzen Zwanziger-Schachtel Tabakzigaretten.

Dazu liefert die Flüssigkeit den Dampfern laut Hersteller auch noch einen schnelleren, härteren "Hit" als konventionelle E-Zigaretten. Laut Präsentationen, die Juul Labs potenziellen Investoren vorführte, ähnelt die Nikotinaufnahme beim Inhalieren von Juul stark derjenigen einer "echten" Tabakzigarette. Womöglich ist das der größte Wettbewerbsvorteil von Juul: mehr Nikotin, mehr Kick.

Hierzu passt eine neue Studie kalifornischer Forscher. Sie legt nahe, dass Schüler, die Juul probieren, eher bei dieser Marke bleiben, als diejenigen, die andere E-Fluppen versuchen.

E-Zigaretten
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E-Zigaretten

E-Zigaretten stehen bei US-Jugendlichen hoch im Kurs. Laut einer am Donnerstag veröffentlichten Studie der FDA dampfen schon mehr als 3,6 Millionen Schüler - und damit 1,5 Millionen Menschen mehr als vor einem Jahr. An den Middle Schools, die 11- bis 14-jährige Jugendliche besuchen, stieg die Zahl der Dampfer um 48 Prozent. An den Highschools für 14- bis 18-Jährige schoss sie sogar um 78 Prozent nach oben; hier dampfte im vergangenen Monat jeder Fünfte. Gefragt sind vor allem aromatisierte Liquids. Und: Mit dem E-Boom stieg auch erstmals seit Jahren wieder die Zahl der minderjährigen Zigarettenraucher.

"Nikotin ist eine süchtig machende Chemikalie"

Kritiker warnen seit Langem davor, dass Jugendliche mit E-Zigaretten mit Bonbon- oder Fruchtgeschmack in den Nikotinkonsum einsteigen - und später bei den weitaus gefährlicheren Tabakzigaretten landen. Andererseits haben E-Zigaretten vielen langjährigen Rauchern geholfen, von Marlboro, Camel & Co. wegzukommen. Und ihr Dampf ist bei Weitem nicht so krebserregend wie Tabakqualm.

Die Ergebnisse der Studie seien aber "alarmierend", sagt FDA-Chef Gottlieb. Er wolle Erwachsenen die Tür offenlassen, mithilfe von E-Zigaretten das Rauchen aufzugeben, sagte er CNN. Aber der Preis dafür dürfe nicht sein, dass eine Generation von Kindern nikotinabhängig werde.

Die Gesundheitsbehörde will jetzt den Verkauf eindämmen, besonders den von aromatisierten Liquids.

  • Die Flüssigkeiten sollen nur noch in solchen Läden verkauft werden, in die Jugendliche unter 18 Jahren entweder keinen Zutritt haben - oder in denen es Bereiche gibt, wo sie sich nicht aufhalten dürfen.
  • Im Internethandel will die FDA strengere Altersüberprüfungen durchsetzen. Von den Einschränkungen ausgenommen werden sollen typische Erwachsenen-Geschmacksrichtungen wie Tabak, Menthol und Minze.
  • Zugleich strebt die FDA an, Verbrennungszigaretten mit Mentholgeschmack komplett zu verbieten. Berichte über solche Pläne ließen schon vor Wochen die Aktienkurse einiger Tabakmultis in den Keller rauschen.

Juul Labs hatte schon am Dienstag erklärt, als sich die Gerüchte über die FDA-Pläne verdichteten, den Verkauf von sich einzuschränken. "Unsere Absicht war es nie, dass Jugendliche Juul-Produkte benutzen", behauptete CEO Kevin Burns. "Aber die Absicht reicht nicht, und die Zahlen verraten, dass der Konsum von E-Zigaretten bei Minderjährigen ein Problem ist. Wir müssen es lösen."

Man werde stationäre Händler nur noch mit Kartuschen in den Geschmacksrichtungen Tabak, Minze und Menthol beliefern, erklärte das Unternehmen. Sorten wie Mango oder Creme soll es nur noch im Internet für mindestens 21-Jährige und unter strengen Alterskontrollen geben. Zudem macht Juul seine Social-Media-Accounts bei Facebook und Instagram dicht. "Nikotin ist eine süchtig machende Chemikalie" steht jetzt ganz oben auf der Website.

Nach Deutschland will Juul trotz der Probleme daheim expandieren - oder vielleicht gerade deswegen. Am 12. Dezember wollen die Gründer Monsees und Bowen ihre Pläne in Hamburg vorstellen, wo auch die Deutschland-Zentrale sein soll. Bald darauf sollen die ersten Produkte auf den hiesigen Markt gebracht werden, verlautet aus Unternehmenskreisen.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ist bereits alarmiert. "Der Fall Juul zeigt, dass man den E-Zigarettenmarkt nicht sich selbst überlassen kann", sagte Marlene Mortler (CSU) dem SPIEGEL. "Wir müssen uns genau anschauen, ob die aktuelle Obergrenze beim Nikotin so in Ordnung ist."

Klar ist schon jetzt: Die deutschen Juul-Liquids werden deutlich weniger Nikotin als in den USA enthalten. Die Gesetze in der EU erlauben ja nur zwei Prozent. "Ich kann Ihnen bestätigen", sagte Deutschland-Chef Markus Kramer dem SPIEGEL, "dass wir uns in Deutschland selbstverständlich an alle EU-Vorgaben inklusive des Nikotingehalts von 20 Milligramm pro Milliliter halten werden." Wie ernst es Juul Labs wirklich meint mit dem Jugendschutz, wird sich hierzulande bald zeigen: bei der ersten großen Werbekampagne.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes wurde Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, als CDU-Politikerin bezeichnet. Sie ist tatsächlich Mitglied der Schwesterpartei CSU.



insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
Jor_El 19.11.2018
1. Wie ist es mit Passiv-dampfen?
Ich sehe mich schon in einer Gruppe von Extrem Dampfern. Welche Folgen hat das für mich? Wird es schlimmere Folgen haben als das passive Einatmen von Zigaretten Rauch?
markeg 19.11.2018
2. Sonst muss man in die Apotheke- Da macht Nikotin nix
Ich Zitiere mal aus der online Verlautbarung der Marke Nicorette: Der Wirkstoff Nikotin ist weder krebsauslösend noch verursacht er Herz-Kreislauferkrankungen. Gesundheitsschädlich sind die zahlreichen anderen Inhaltsstoffe vom Tabakrauch. Bei der Nikotinersatztherapie wird das Nikotin aus der Zigarette durch therapeutisches Nikotin ersetzt und die zahlreichen schädlichen Inhaltsstoffe der Zigarette bleiben aus. https://www.nicorette.de/service-faq/faq#tausche-ich-bei-der-nikotinersatztherapie-nicht-nur-ein-nikotin-gegen-ein-anderes Die Suchtpolitik und Berichterstattung in Deutschland und den USA scheint mir sehr Widersprüchlich und wenig glaubhaft.
ctwalt 19.11.2018
3. Wie bitte
11-14 jährige dürfen diesen Dreck benutzen?
swerd 19.11.2018
4. Sollte sofort gesetzlich
verboten werden, auch in Zusammenhang mit den angedrohten Zoellen auf Automobile.
oldman2016 19.11.2018
5. Und nun?
Dass Nikotin süchtig macht ist schon lange bekannt und bewiesen. Bei der Verbrennung herkömmlicher Tabakwaren werden viele krebserregende Stoffe freigesetzt und inhaliert. Dass die Gesundheitsindustrie nun gegen die - laut Aussage im Artikel - weniger krebserregende Juul Sturm läuft, ist verständlich. Geht dieser den Pseudo-Zeigefinger hochhebenden Branche doch womöglich ein Milliardengeschäft verloren.
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