EADS-Krise Forgeard lehnt Rücktritt ab

Der umstrittene Co-Chef des EADS-Konzerns will trotz aller Kritik nicht seinen Hut nehmen. Bei einer Anhörung im französischen Parlament zu den Lieferschwierigkeiten beim A380 gab er sich selbstbewusst - während Großaktionär DaimlerChrysler weiter Druck macht.


Paris - Während einer Anhörung vor dem Finanzausschuss des französischen Parlaments hat der französische Co-Chef des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, Noel Forgeard, seinen Rücktritt abgelehnt. Von der früheren Justizministerin Marylise Lebranchu gefragt, ob er nicht "im Interesse von EADS" zurückzutreten erwäge, sagte Forgeard nach den Angaben von Abgeordneten: "Ich bin kompetent und anständig. Das kommt nicht in Frage." Auf Grund seiner Vergangenheit und der Leistungen, die er in Zukunft erbringen könnte, sehe Forgeard keine Veranlassung abzutreten, erklärte der Vorsitzende des Ausschusses, Pierre Mehaignerie.

Forgeard: "Bin kompetent und anständig"
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Forgeard: "Bin kompetent und anständig"

Forgeard musste heute vor dem Parlament Auskunft zur Lieferverzögerung beim Großraumflieger Airbus A380 geben. Die Befragung des Finanzausschusses fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Forgeard selbst ist wegen der Ausübung von Aktienoptionen ein paar Monate vor Bekanntgabe der Lieferverzögerungen des A380 unter Druck gekommen.

Nicht nur die Parlamentarier nehmen Forgeard ins Visier. Auch EADS-Großaktionär DaimlerChrysler erhöht den Druck: "Es muss Veränderungen geben", sagte DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche im "Wall Street Journal". DaimlerChrysler verhandle zurzeit mit den anderen EADS-Aktionären darüber, wie die Krise am schnellsten beigelegt werden könne. Ob der Autokonzern, der 22,5 Prozent des europäischen Rüstungs- und Luftfahrtkonzerns besitzt, Änderungen im EADS-Management fordert, wollte Zetsche allerdings nicht sagen. DaimlerChrysler wolle einer Einigung keine weiteren Steine in den Weg legen, begründete er seine Zurückhaltung. Sollte es jedoch nicht zu einer Lösung kommen, werde der deutsche Anteilseigner seinen Standpunkt möglicherweise öffentlich machen.

Gerüchten zufolge drängen DaimlerChrysler und der zweite industrielle Großaktionär, der Mischkonzern Lagardere, hinter den Kulissen auf eine Ablösung des EADS-Co-Chefs Noël Forgeard. Der Franzose ist im Rahmen der A380-Krise, die durch erhebliche Lieferverzögerungen bei dem Superflieger ausgelöst wurde, stark unter Druck geraten. Zum einen, weil Forgeard bis letztes Jahr selbst Airbus-Chef war, zum anderen, weil er noch im März EADS-Aktien in großem Maßstab verkauft und dabei rund 2,5 Millionen Euro verdient hatte.

Die französische Börsenaufsicht AMF ermittelt ebenso wie die deutsche Behörde jetzt wegen des Verdachts auf Insiderhandel gegen Forgeard und andere Vorstände. Gestern wurde in diesem Rahmen die Konzernzentrale in Paris untersucht. Ein Szenario für die Zukunft sei es nun, dass der deutsche Co-Chef Thomas Enders den Konzern allein weiterführt mit einem französischen Aufsichtsratschef an seiner Seite, berichteten mehrere Medien.

Die deutsche und die französische Seite sind zu gleichen Teilen an EADS beteiligt: Der Anteil von DaimlerChrysler beläuft sich auf 22,5 Prozent, die französische Seite hält gemeinsam mit dem Anteil von 7,5 Prozent des Mischkonzerns Lagardere ebenfalls 22,5 Prozent an der Airbus-Muttergesellschaft. Anfang April hatten DaimlerChrysler und Lagardère ihren EADS-Anteil um jeweils 7,5 Prozent reduziert. Der Automobilkonzern hatte später erklärt, zum damaligen Zeitpunkt nichts von den Problemen beim A380 gewusst zu haben.

"Die Deutschen wollen, dass Forgeard geht"

Die Worte Zetsches sind die deutlichsten Äußerungen von Seiten des deutschen Anteilseigners, seit EADS am 13. Juni Verzögerungen bei der Auslieferung des Großraumflugzeugs angekündigt und damit einen Kurssturz der Aktie ausgelöst hatte.

Forgeard musste heute vor dem französischen Parlament Auskunft zu den Problemen bei der Lieferung des A380 geben. Bei seiner Ankunft lehnte der Manager jegliche Äußerungen gegenüber Journalisten ab. Die Befragung des Finanzausschusses fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Eine der in Frankreich regierenden UMP nahe stehende Person sagte jedoch: "Die Deutschen wollen, dass er so schnell wie möglich geht. Das erscheint nicht unwahrscheinlich."

Ein gestern von der französischen Zeitung "Le Monde" in Auszügen veröffentlichtes Protokoll einer EADS-Board-Sitzung im Mai brachte ans Licht, wie groß die Schwierigkeiten mit dem A380 sind. Demnach beginnt der Verkauf des Riesenfliegers mit einem unerwartet großen Verlustgeschäft. Bereits der Verkauf der ersten beiden Flieger für Singapore Airlines war ein Defizitgeschäft. Möglicherweise müsse man auch bei den nächsten drei Maschinen mit Verlusten rechnen, erklärte Airbus-Chef Gustav Humbert auf der Sitzung im Mai. Anfang Mai hatte EADS-Chef Forgeard als Gewinnschwelle rund 270 verkaufte Flieger genannt, zuletzt hatten 16 Kunden rund 159 Flugzeuge geordert.

tim/ase/ddp/reuters/dpa



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Joachim Baum 27.04.2005
1.
---Zitat von sysop--- Die Heckflosse so hoch wie das Brandenburger Tor, ein Elefant wirkt winzig dagegen: Mit dem Airbus 380 beginnt eine neue Dimension der Gigantomanie in der Luftfahrt. Zu erwartende lange Boardingzeiten und heikle Sicherheitsszenarien für den Riesenflieger dämpfen bei manchen die Vorfreude. Möchten Sie mit dem neuen A 380 fliegen? Fasziniert Sie die Technik oder schreckt sie eher ab? ---Zitatende--- Ich warte erst mal ab, ob er heute wieder heil runterkommt ...
Dominik Menakker, 27.04.2005
2. Fahr doch Fahrrad!
Ach, sind wir wieder soweit? Alles neue ist per se Wahnsinn. Was wir nicht kennen macht uns Angst? Die Franzosen sind stolz wie Oskar, wenn ihr Riesenbaby heute abhebt. Die Deutschen prozessieren gegen eine Startbahn. Es ist mal wieder soooooooo typisch. Ach ja, und zur Hauptfrage. Natürlich freue ich mich auf den Vogel. Jeder der viel und gerne fliegt wird das tun.
DJ Doena 27.04.2005
3.
Ich habs in meinem Leben bisher nur in verschiedene Boings geschafft, noch nie in einen Airbus, aber wenn es um den Wettstreit Europa vs. USA geht, dann steh ich natürlich voll und ganz auf dem Boden des "alten Europas". Was ich bedauerlich am neuen 380 finde, ist, dass die Fensterchen wieder verdammt klein zu sein scheinen. Herrje, es muss doch möglich sein, ein Flugzeug zu konstruieren, dass mehr als nur diese Bullaugen zum rausgucken hat...
Peter Jelinski, 27.04.2005
4.
---Zitat von DJ Doena--- Ich habs in meinem Leben bisher nur in verschiedene Boings geschafft, noch nie in einen Airbus, aber wenn es um den Wettstreit Europa vs. USA geht, dann steh ich natürlich voll und ganz auf dem Boden des "alten Europas" ---Zitatende--- Mir geht es genauso. Ich brauche noch den 747 um alle Boeing Modelle zu kennen, und hoffe bald in einem Airbus zu sitzen.
webwiese, 27.04.2005
5.
---Zitat von Dominik Menakker--- Die Franzosen sind stolz wie Oskar, wenn ihr Riesenbaby heute abhebt. Die Deutschen prozessieren gegen eine Startbahn. Es ist mal wieder soooooooo typisch. ---Zitatende--- Kann Ihnen nur 100%ig zustimmen. Wann hören wir endlich auf, ständig das Miese zu suchen? Wir preisen den Technologiestandort und stellen gleichzeitig seine Ergebnisse in Frage! Thema: Einen vor und zwei zurück! Zur Sache: Der A380 ist die konsequente Fortführung der Flugzeugtechnologie. Mit steigendem Flugverkehr werden auch größere und rationalere Flugzeuge gebraucht. Waren es nicht die Saudis, die schon vor dem Jungfernflug nach noch größeren Fliegern gerufen haben? Ich wünsche Airbus viel Erfolg, auch - und gerade - um im Wirtschaftswettkampf mit unseren "Freunden" aus den USA nachwievor wettbewerbsfähig bleiben zu können. Gruß Christian Wiese
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