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03. März 2007, 14:50 Uhr

EADS-Plan

Airbus-Chef erwägt Verkauf von Werk in Nordenham

Für die Airbus-Mitarbeiter kommt es noch härter als gedacht. Bisher war nur von zwei Werken die Rede, die das Unternehmen in Deutschland verkaufen wollte. Aber auch ein drittes steht nach Angaben von Konzernchef Gallois zur Disposition.

Frankfurt am Main – Konkret im Blick hat der Manager dabei den Standort Nordenham in Niedersachsen. Eigentlich sucht der Airbus-Mutterkonzern EADS für dieses Werk nur einen "industriellen Partner". Für diesen Partner ist EADS aber offensichtlich bereit, sich komplett aus Nordenham zurückzuziehen.

Airbus-Chef Gallois: "Warum nicht zu 100 Prozent?"
REUTERS

Airbus-Chef Gallois: "Warum nicht zu 100 Prozent?"

"Ich mache einen Unterschied zwischen Verkauf und Partnerschaft. Aber der Partner kann auch den Standort ganz übernehmen. Warum nicht zu 100 Prozent?", sagte Airbus-Chef Louis Gallois der "Süddeutschen Zeitung". Neben Nordenham sind auch die Standorte Méaulte (Frankreich) und Filton (Großbritannien) von dieser neuen Interpretation des Wortes "Partnerschaft" betroffen.

Airbus brauche die Hilfe von Investoren, um Nordenham, Méaulte und Filton von der Metallverarbeitung auf Faserverbundwerkstoffe umzustellen. Mit ihnen wolle Airbus langfristig eng zusammenarbeiten, "weil sie wichtige und komplexe Flugzeugteile herstellen", sagte Gallois, der neben dem Deutschen Tom Enders Co-Chef vom Mutterkonzern EADS ist.

Einen Komplettverkauf hatte Airbus in Deutschland bisher nur für die Werke Varel (Niedersachsen) und Laupheim (Baden-Württemberg) angekündigt. Außerdem will Airbus das Werk im französischen Saint-Nazaire verkaufen.

Gallois sagte, Airbus habe bereits mit zwei Partnern über den Kauf von Werken gesprochen, "aber das war informell". Er deutete an, dass auch die italienische Alenia ein Produktionspartner sein könnte. "Warum nicht? Wir haben sehr gute Beziehungen zu Alenia." Die Bremer OHB Technology signalisierte bereits ihr Interesse, während der Nürnberger Rüstungskonzern Diehl sich reserviert zeigt und auf ein Angebot von Airbus warten will.

Beim Verkauf der Werke gehe es nicht um die Einnahmen, machte Gallois klar. "Wenn der Preis zu hoch ist, dann werden wir eines Tages dafür auch als Käufer der Produkte bezahlen müssen."

Airbus hatte am Mittwoch ein milliardenschweres Programm zum grundlegenden Umbau des Flugzeugherstellers vorgestellt, im Zuge dessen 10.000 Arbeitsplätze wegfallen sollen. Außerdem soll die Produktion der Flugzeuge neu organisiert werden.

Die Einigung war zunächst von einem Streit unter den EADS-Anteilseignern aus Deutschland und Frankreich blockiert worden. Der Flugzeug- und Rüstungskonzern wird im Verwaltungsrat wie im Management von einer Doppelspitze mit je einem Franzosen und einem Deutschen geführt. Gallois sprach sich nun dafür aus, diese Struktur aufzugeben. Sie verlangsame die Entscheidungsprozesse. Der 63-jährige Gallois sagte, er hoffe, dass das Problem gelöst werde, bevor er in den Ruhestand geht.

Ähnlich äußerte sich Gallois' deutscher Kollege Tom Enders: "Ich verteidige unsere Doppelspitze nicht. Sowohl Louis Gallois als auch ich wären jeweils lieber der alleinige Chef im Ring", sagte er "Focus".

"Es gab gravierende Managementfehler"

Angesichts der angekündigten Proteste der Arbeitnehmer warnte Enders die Gewerkschaften eindringlich vor einem Streik. Bei vollen Auftragsbüchern und festgelegten Lieferterminen dürfe es zu keinen Produktionsausfällen kommen: "Längere Streiks würden uns empfindlich treffen und noch weiter zurückwerfen. Das kann nicht im Sinne der Beschäftigten sein", sagte Enders "Focus".

Gleichzeitig versuchte er, die Sorgen der Mitarbeiter zu zerstreuen. "Wir machen keine Standorte platt, wir entlassen niemanden, wir steuern nur um." Für die betroffenen Werke könne es eine Chance sein, wenn sie nicht mehr im Airbus-Verbund sind: "Sie können dann auch für andere Auftraggeber arbeiten, etwa für Boeing. Es muss in diesen Werken niemand Angst haben."

Enders widersprach dem Deutschland-Chef von Airbus, Gerhard Puttfarcken, der eine Mitverantwortung des Managements an der aktuellen Krise zurückgewiesen hatte. "Fakt ist: Es sind in den vergangenen Jahren gravierende Managementfehler gemacht worden", sagte Enders. Das gelte vor allem für den Großraumflieger A380, der verspätet ausgeliefert werden muss, sowie für die Integration der nationalen Standorte zu einem europäischen Unternehmen. "Da sind viele Hausaufgaben nicht gemacht worden."

Gallois zufolge ist das Grundproblem aber die Einmischung der Politik bei Airbus. Alle Länder mit Anteilen hätten versucht, sich das beste Stück vom Kuchen zu sichern, sagte Gallois der "Financial Times". Solche Konflikte seien Gift für das Unternehmen.

wal/Reuters/AP/dpa

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