Ecclestone-Prozess Gribkowskys Widersprüche

Mit Spannung war im Ecclestone-Prozess der Auftritt des Ex-Bankers Gribkowsky erwartet worden - nach stundenlanger Vernehmung sorgte der Belastungszeuge für einen Eklat.
Ecclestone-Prozess: Gribkowskys Widersprüche

Ecclestone-Prozess: Gribkowskys Widersprüche

Foto: Joerg Koch/ Getty Images

Kaut Bernie Ecclestone wirklich an seinen Fingernägeln, als sein Blick am Freitag im Saal A101 des Münchner Landgerichts I immer wieder zu dem Mann wandert, der auf dem Zeugenstuhl Platz genommen hat? Wenn Ecclestone sich während der Aussagen von Gerhard Gribkowsky keine Notizen macht, hört der Brite aufmerksam einer der beiden Dolmetscherinnen zu, vor seinem Mund die halb geschlossene rechte Hand - und dann sieht man, wie sich seine Gesichtsmuskulatur in Bewegung setzt, langsam und beharrlich.

Ist das nur eine Marotte oder doch so etwas wie Anspannung oder gar Nervosität? Grund dafür hätte der Mann, der mit seiner Körpergröße von 1,58 Metern neben seinem Anwalt Sven Thomas, der starke Präsenz ausstrahlt, wie eine Miniaturausgabe wirkt. Es wäre nicht ohne eine gewisse Ironie: Der milliardenschwere 83-Jährige, mächtiger Chef der schillernden Formel 1, zu Hause in der Welt des Jetsets, ruiniert sich in diesem schmucklosen Raum seine sonst sicher tadellos gepflegten Hände.

Es geht hier jetzt für ihn um alles, und Gribkowsky ist dabei als Hauptbelastungszeuge der Staatsanwaltschaft so etwas wie die größte Gefahr. Im Fall einer Verurteilung wegen Bestechung drohen Ecclestone bis zu zehn Jahre Haft.

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Ecclestone-Prozess: Der Banker im Formel-1-Zirkus

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Gribkowsky und Ecclestone haben sich hier vor rund zweieinhalb Jahren schon einmal gegenübergesessen - nur mit umgekehrten Rollen: Gribkowsky war der Angeklagte, Ecclestone der Zeuge. Am Ende wurde der frühere Risikovorstand der BayernLB zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Gribkowsky hatte gestanden, von Ecclestone nach dem Verkauf der Landesbank-Anteile an der Formel 1 an einen Ecclestone genehmen Investor (CVC Capital) 44 Millionen Dollar Schmiergeld angenommen und diese nicht versteuert zu haben.

"Ich erwarte, dass du in mein Büro kommst"

Auch Ecclestone hatte die Geldzahlung eingeräumt. Allerdings behauptete der Formel-1-Chef, von Gribkowsky damals erpresst worden zu sein: Der Deutsche habe damit gedroht, ihn bei den britischen Steuerbehörden anzuschwärzen.

Zum Auftakt des neuen Prozesses vor wenigen Tagen hatte Ecclestones Verteidigung versucht, die Zahlung an Gribkowsky als eine Art Schweigegeld darzustellen - nicht als Schmiergeld. Das war schon im Prozess gegen Gribkowsky die Linie Ecclestones. Richter Peter Noll hielt das damals nicht für glaubwürdig, der Brite habe Gribkowsky "ins Verbrechen geführt", sagte der Richter, der jetzt auch den Prozess gegen Ecclestone leitet, damals.

War Gribkowsky jetzt also gekommen, um mit Ecclestone abzurechnen? Zunächst gar nicht. Die erste Höflichkeit erweist der Ex-Banker der Verteidigung gleich zu Beginn seiner Aussage. "Wenn ich zu schnell bin, stoppen Sie mich", sagt er zu Ecclestones Dolmetscherin.

Dann legt er los. Das erste Treffen der beiden, nachdem die BayernLB aus der Konkursmasse des Kirch-Imperiums die Formel-1-Beteiligung erhalten hatte: London. "Ich erwarte, dass du in mein Büro kommst", hatte Ecclestone ihm demnach am Telefon gesagt. Wenig später aber brach Streit zwischen der BayernLB als Mehrheitseignerin und Ecclestone aus. Hauptgrund: Ecclestone hatte sich ein Vetorecht gesichert, für Gribkowsky war das "die Kriegsfahne". Dann folgten Gerichtsprozesse, in denen es darum gegangen sei, Ecclestone zum Einlenken zu bringen. "Unangenehm sein, um das Ziel zu erreichen", sagt Gribkowsky.

Keine überzeugenden Antworten bei der zentralen Frage

Wie das lief? Er habe beispielsweise in einem Gespräch am Rande eines Formel-1-Rennens gestreut, dass die BayernLB die Absetzung Ecclestones als Formel-1-Chef erwäge und einen Headhunter nach Ersatz suchen lasse.

Und dann kommt er auch auf ein Schreiben aus dem Haus des TV-Vermarkters Wolfgang Eisele zu sprechen, das er einst auf dem Schreibtisch Ecclestones platzierte - ein schwacher Moment des Zeugen, der schwächste folgte aber noch. Gribkowsky kann sich laut seiner Aussage nicht an den Inhalt des Schreibens erinnern, weiß aber noch genau, dass er damit gegenüber Ecclestone ein Zeichen setzen wollte: "Dass wir unsere Hausaufgaben machen". Ecclestone habe ihn damals angerufen und gefragt, was für ein Schreiben das sei. Er wisse nicht, was er meine, entgegnete er demnach damals dem Formel-1-Chef. Richter Noll ist irritiert: "Da kommen bei mir Zweifel auf."

Ecclestones Verteidiger Thomas gibt sich in einer Verhandlungspause gelassen. Die bisherigen Aussagen Gribkowskys: "keine kraftvolle Bestätigung der Anklage". Das ominöse Schreiben: "die klassisch versteckte Form, wie ich Druck aufbaue".

Für die Ecclestone-Seite kommt es aber noch besser: Gribkowsky eiert rum, als er berichten soll, wie es zur mutmaßlichen Bestechung gekommen sein soll. "Wenn Sie die Anbahnung nicht genauer benennen können, ist das für mich schwer nachzuvollziehen", sagt der Richter. Es habe "nicht viel Substanzielles" gegeben, sagt Gribkowsky dann. Wofür er das Geld bekommen habe? "Die Frage habe ich damals nicht gestellt."

Nach stundenlanger Vernehmung erinnert sich Gribkowsky dann doch an einen angeblichen Fall von Bestechung. "Es war ganz konkret", sagt der 56-Jährige. Im Juli 2004 habe ihm Ecclestone zehn Millionen Dollar angeboten, um eine Klage im Machtkampf um die Formel 1 fallenzulassen. Dann nennt er einen weiteren Fall, ein angebliches Angebot über 80 Millionen Euro. Der Eklat ist perfekt - Richter Noll vertagt daraufhin die Verhandlung auf kommenden Dienstag.

Mit Material von dpa
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