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Verbände Echt überrascht

Der designierte BDI-Präsident, ein Bierbrauer, glaubt auch mit Weintrinkern wie Helmut Kohl klarzukommen.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Tyll Necker, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), suchte ein Ebenbild. Er fand es, so Necker, »fast vor der Haustür«.

In dem Wahlhamburger Klaus Asche, 61, sieht der Chef der Industrielobby den geeigneten Nachfolger. Wie Necker - er ist Inhaber der Reinigungsmaschinenfirma Hako im schleswig-holsteinischen Bad Oldesloe - vertritt auch Asche den Mittelstand. Er leitet seit 14 Jahren die Holsten-Brauerei in Hamburg.

Der wortschnelle Asche soll wie Necker die Klagen der kleinen und mittelgroßen Unternehmen nach draußen vortragen. Doch im BDI selbst bestimmen die Chefs der Konzerne, von Daimler-Benz bis Siemens, was die Industrie von der Politik fordert.

Niemand hat sich gedrängt, und auf der Suche nach einem Nachfolger handelte sich Necker etliche Absagen ein. Das Ehrenamt bringt zwar öffentliches Ansehen, kostet aber auch viel Zeit und bereitet manchen Ärger. Manager und Unternehmer, die Firmen mit Zigmilliarden-Umsätzen leiten, bleiben lieber im Hintergrund.

Das Problem ist nicht neu, deshalb sollte Necker noch mal ran. Doch der will sich nach insgesamt mehr als sechs Amtsjahren wieder mehr um Firma und Familie kümmern. Seine Frau Karin hat ihm von einer weiteren Kandidatur abgeraten.

Necker war vor zwei Jahren, weil kein anderer wollte, schon einmal für einen anderen, seinen eigenen Nachfolger, eingesprungen. Heinrich Weiss, der eigenwillige Mitinhaber der Anlagenfirma Schloemann-Siemag, war vom BDI-Präsidium nach gut eineinhalb Jahren Amtszeit zum Rücktritt gedrängt worden.

Der BDI hat bisweilen Pech mit seinen Führern. Fliesenfabrikant Nikolaus Fasolt war in den siebziger Jahren nicht zu halten, weil er einen Strafbefehl wegen Steuerhinterziehung bekam und seine Firma kurz vor dem Konkurs stand.

Flick-Gesellschafter Eberhard von Brauchitsch strauchelte schon vor seinem Amtsantritt. Der designierte Präsident verzichtete wegen seiner Verwicklung in die Parteispenden-Affäre.

Um Pannen und Peinlichkeiten zu vermeiden, schufen die BDI-Industriellen diesmal eine fünfköpfige »Findungskommission«. Unbekannte und Altbekannte wurden ins Gespräch gebracht und waren oft auch schnell wieder vergessen. Die Konzernchefs Gerhard Cromme (Krupp), Heinrich von Pierer (Siemens) und Eberhard von Koerber (ABB) winkten ab.

Ein Wunschkandidat war auch Berthold Leibinger. Doch die Geschäfte seiner Maschinenbaufirma Trumpf gehen schlecht. Er ließ sich lieber in den Suchtrupp wählen.

Zwei, die wohl nicht nein gesagt hätten, verschwanden schon nach kurzer Diskussion von der Liste. Der Hanauer Technologie-Unternehmer Jürgen Heraeus ist den Findungskommissaren zu forsch. Lautstark wetterte er gegen die Subventionsforderungen von Siemens. Marmeladen-Fabrikant Arend Oetker tummelt sich angeblich zuviel in der Künstlerszene.

»Unternehmerisch erfolgreich«, »verbandserfahren« und »politisch offen nach allen Seiten« - das waren die wichtigsten Anforderungen der fünf Finder an den Kandidaten. Der Bierbrauer Klaus Asche kommt dem nahe.

Mitte Juli bat Necker den Kandidaten zu sich nach Bad Oldesloe. »Ich war über das Angebot echt überrascht«, sagt Asche.

Der promovierte Jurist, der bei der Mineralölfirma Esso angefangen hatte, baute nach seinem Wechsel zu Holsten das nur regional bedeutende Unternehmen (Trinker-Spruch: »Holsten knallt am dollsten") mit Nischenprodukten und konsequenter Expansion in Richtung Osten, aber auch mit Kampfpreisen und umweltfeindlichen 0,5-Liter-Dosen zu einem bedeutenden Bierkonzern aus. Mit 1,4 Milliarden Mark Umsatz liegt die Firma nach Oetker und März auf dem dritten Platz.

Der Hobby-Historiker ("Ich lese gerade Joachim Fest über den 20. Juli") und Jäger ("Das sind die besten Naturschützer") saß sechs Jahre lang dem Brauverband vor. Er ist seit vier Jahren Präses der Hamburger Handelskammer.

Verbandsintern erwarten den künftigen Cheflobbyisten harte Zeiten. Unter den 34 Fachverbänden ist ein heftiger Streit über die Industriepolitik im Gange. Maschinenbauer neiden den Stahl- und den Elektrokonzernen die Milliarden-Subventionen. Autozulieferer wehren sich gegen die Preisdrückerei der Autohersteller.

Die streitbare Präsidentin des Automobilverbandes Erika Emmerich fühlt sich vom BDI in Bonn und Brüssel nicht ausreichend vertreten. Sie kürzte drastisch die Mitgliedsbeiträge an den BDI. Daraufhin drohte Necker den Autoleuten mit dem Ausschluß.

Von Asche erhoffen sich die Konzerne auch wieder ein besseres Verhältnis zum Kanzler. Helmut Kohl war eingeschnappt, als Necker ihm kürzlich kundtat, die Wirtschaft fahre »keinen Schmusekurs«. Das konservative Industrielager will es indes auch mit der SPD nicht verderben. Rudolf Scharping könnte ja schließlich doch Kanzler werden.

CDU-Mitglied Asche scheint da der richtige Mann. Daß er mit allen zurechtkommt, hat er in Hamburg gezeigt. Den Wunsch seiner Partei, aktiv in die Politik zu gehen, lehnte er ab. Zu SPD-Bürgermeister Henning Voscherau pflegt er enge Kontakte. »Ich genieße«, sagt Asche, »die traditionelle Liberalität der Hamburger im Umgang miteinander.«

So will sich Asche auch den Bonnern präsentieren. Er ist sicher, daß er mit Helmut Kohl klarkommt. Er respektiere nicht nur »des Kanzlers große politische Leistung in der Vereinigungsfrage«, sondern auch, daß der »ein pfälzischer Wein- und kein Biertrinker ist«. Y

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