Echte und falsche Krisen-Selbstmorde Vermögend, verzockt, verzweifelt

Eine Reihe prominenter Selbstmorde schockiert die Wall Street. Doch nicht in allen Fällen bringen sich Banker und Börsianer tatsächlich um - einige täuschen ihren Freitod vor, um der Strafverfolgung zu entkommen.

Von , New York


New York - Arthur Nadel gehörte zur Lokalprominenz von Sarasota. Der 76-jährige Hedgefonds-Manager war ein bekanntes Gesicht in dem Edel-Urlaubsort an Floridas Westküste. Er engagierte sich viel für kommunale Belange und spendete Millionen für wohltätige Zwecke.

Börsenhändler an der New Yorker Wall Street: "Extreme Schuldgefühle"
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Börsenhändler an der New Yorker Wall Street: "Extreme Schuldgefühle"

Seit Mitte Januar ist Nadel spurlos verschwunden. Nach Angaben seiner Gattin Peg, die ihn als vermisst gemeldet hatte, hinterließ er einen ominösen Abschiedsbrief, in dem er von "extremen Schuldgefühlen" schrieb, weil er enorme "finanzielle Verluste anderer" verursacht habe. "Es gebe Leute, die ihn umbringen wollten", zitierte die Polizei aus dem Schreiben, "aber das werde er selbst tun."

Eine Selbstmordankündigung also? In der Tat soll Nadels Fondsfirma Scoop Management im Zuge der US-Kreditkrise bis zu 350 Millionen Dollar seiner Investoren verzockt haben. Schon nennen sie ihn "Mini-Madoff", nach dem New Yorker Finanzjongleur Bernard Madoff, der gestanden hatte, 50 Milliarden Dollar veruntreut zu haben, und derzeit unter Hausarrest steht.

Finanziers machen mit Freitod Schlagzeilen

Nadel wäre nicht der erste, der sich in Folge der aktuellen Wall-Street-Krise umgebracht hätte, aber auch nicht der erste, der einen Selbstmord vortäuscht, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Die US-Börsenaufsicht SEC jedenfalls hat ihn vorsichtshalber des Betrugs angeklagt und sein Vermögen eingefroren - beziehungsweise was davon übrig ist. Das FBI fahndet landesweit nach ihm.

Der Fall passt zur traurigen Realität: Wie so oft in ökonomischen Crash- und Krisenzeiten dauerte es auch jetzt nicht lange, bis profilierte Finanziers mit Freitod Schlagzeilen machten - "Ökonozid", wie es das Finanzmagazin "Forbes" nennt. Allein in den letzten Wochen gab es mehrere prominente Fälle.

Allerdings hat dieser "düstere Wall-Street-Trend" (so der Blog "Jossip") diesmal eine makabere Fußnote: den der sogenannten justizflüchtigen Selbstmord-Faker.

Erst jüngst hatte der Finanzberater Marcus Schrenker aus Indiana Behörden und Medien mit seinem getürkten Suizid in Atem gehalten: Der 38-Jährige, gegen den wegen Anlagebetrugs ermittelt wird, setzte sich in seine Piper-Turboprop, funkte mitten im Flug SOS, sprang per Fallschirm ab und ließ die Maschine in Florida abstürzen. Am Boden floh er mit einem Motorrad weiter. Die Polizei erwischte ihn auf einem Campingplatz.

"Wir werden noch viel mehr davon sehen"

Im vorigen Sommer hatte auch der Wall-Street-Betrüger Samuel Israel, 48, seinen Selbstmord inszeniert, um einer 20-jährigen Haftstrafe zu entgehen. Der Gründer des Pseudo-Hedgefonds Bayou, der 450 Millionen Dollar unterschlagen hatte, parkte seinen SUV auf einer Hängebrücke über dem Hudson River und malte drei Worte in die Schmutzschicht auf der Motorhaube: "Selbstmord ist schmerzlos." Vier Wochen später stellte er sich der Justiz.

"Wir werden noch viel mehr davon sehen", prophezeite die Psychologin Leslie Seppinni jetzt auf CBS News. "Wir werden sehen, wie sich viele Leute einfach aus dem Staub machen und bei Nacht und Nebel verschwinden." Die Selbstmord-Faker versuchen, aus der Tragik der Finanzkrise Kapital zu schlagen - einer Tragik, aus der manche andere Betroffene keinen anderen Ausweg mehr sehen als den selbst gewählten Tod: "Finanzieller Ruin treibt verzweifelte Männer und Frauen oft zu verzweifelten Handlungen", schreibt die "Washington Post", "und die derzeitige Wirtschaftspanik ist da keine Ausnahme."

Tatsächlich sind in der Finanzkrise mehrere Selbstmorde bekannt geworden. Barry Fox, Manager bei Bear Stearns, war der erste. Das traditionsreiche Investmenthaus ging im Mai unter, als es vom Wettbewerber JP Morgan Chase geschluckt wurde. Als Fox, 51, erfuhr, dass er nicht mit übernommen wird, nahm er erst eine Überdosis Valium. Als das nicht wirkte, sprang er aus dem Fenster seiner Wohnung im 29. Stock. "Diese Bear-Stearns-Sache", sagte sein Lebensgefährte dem "Wall Street Journal", "zerbrach ihm die Seele."

Der bisher prominenteste reale Wall-Street-Selbstmordfall war der von Thierry de la Villehuchet. AIA, die Fondsfirma des französischen Aristokraten mit New Yorker Wahlwohnsitz, hatte fast 1,5 Milliarden Dollar in der Affäre Madoff verloren, darunter auch Villehuchets Privatvermögen. Am Abend des 23. Dezember schloss sich Villehuchet, 65, in seinem Büro im 22. Stock an der Madison Avenue in Midtown Manhattan ein, setzte sich hinter seinen Schreibtisch, nahm Schlaftabletten und schnitt sich die Pulsadern auf.

Ebenso tragisch war der Fall Steven Good. Der 52-jährige Vorstandschef der Immobilienauktionsfirma Sheldon Good & Co fuhr Anfang Januar mit seinem Jaguar in einen Wald bei Chicago und schoss sich eine Kugel in den Kopf. Es war derselbe Tag, an dem sich Tausende Kilometer entfernt der schwäbische Milliardär Adolf Merckle das Leben nahm.

Der Multimillionär Scott Coles, 48, aus Arizona - sein Anwesen in Phoenix hatte einen Golfkurs und mehrere Wasserfälle - brachte sich um, als der Untergang seiner Investmentfirma Mortgages Inc. nicht mehr abzuwenden war. Sein 15-jähriger Sohn Zach fand ihn tot im Bett - im schwarzen Smoking.

Selbstmord-Welle statistisch nicht belegt

US-Forscher haben ermittelt, dass die Depressions- und Suizidrate der Gesamtbevölkerung ansteigt, wenn die Konjunktur abstürzt. "Es besteht ein geradezu lineares Verhältnis zwischen der nationalen Suizidrate und dem Bruttoinlandsprodukt", sagte der Soziologe Harvey Brenner von der Johns Hopkins School of Public Health dem "New York Magazine".

Brenner schätzt, dass allein der Anstieg der Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt rund 1200 zusätzliche Selbstmorde nach sich zieht. In der Tat wurde die historisch höchste Selbstmordrate in den USA 1932 verzeichnet - auf dem Zenit von Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit.

Trotzdem ist es weder statistisch noch historisch belegt, dass Finanzkrisen zu Selbstmord-Wellen speziell unter Börsianern führen. Die altbekannten Geschichten von Bankern, die sich nach dem "schwarzen Donnerstag", dem Crash von 1929, an der Wall Street reihenweise aus dem Fenster gestürzt hätten, wurden vom Ökonom John Kenneth Galbraith als Mythos und Legende entzaubert.

Sicher, zwischen dem "Black Thursday" und dem Ende jenes Jahres vermeldete die "New York Times" 100 Selbstmorde. Doch nur vier davon wurden dem Crash zugeschrieben - und nur zwei ereigneten sich tatsächlich an der Wall Street selbst.

Bis auf eine uralte Studie, die nach der US-"Bankpanik" von 1907 "Bankern, Brokern und Firmenfunktionären" die höchsten Selbstmordraten zu schrieb, gibt es keine Hinweise dafür, dass Börsianer mehr als andere dazu neigen, sich in Krisenzeiten das Leben zu nehmen. Stattdessen führt das Standardwerk "Occupation and Suicide" von 2001 als Risikogruppen ganz andere Professionen auf: "Zahnärzte, Künstler, Maschinisten, Automechaniker und Schreiner."



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