Zur Ausgabe
Artikel 62 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Bauwirtschaft Effektiv blockiert

Aufträge fehlen, die Arbeiter ziehen in den Westen - der erwartete Bauboom ist bisher ausgeblieben.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Auf die deutsche Einheit hatte sich Hermann Becker mächtig gefreut. Fabelhafte Geschäfte im Osten stünden nun an, glaubte der Chef des Baukonzerns Philipp Holzmann noch im Sommer.

Einen riesigen Nachholbedarf in den neuen Bundesländern erkannte der Mann von Holzmann. Wohnhäuser und Fabrikhallen müßten hochgezogen, Schienen- und Straßennetze erneuert, Klärwerke und Entschwefelungsanlagen errichtet werden. Der Wiederaufbau koste, so rechnete der Frankfurter Manager vor, glatt 100 Milliarden Mark - jährlich.

Der Traum von den Milliarden währte nicht lange, die Realität sieht, nur wenige Monate später, ganz anders aus. In den östlichen Bundesländern steckt die Branche in einer tiefen Krise.

Um 15 Prozent sanken im vergangenen Jahr, trotz des gewaltigen Bedarfs, die Bauinvestitionen. Ein großer Teil der Kapazitäten liegt brach.

Das wird wohl noch einige Zeit so bleiben. Zwar sieht das Münchner Ifo-Institut erste zaghafte Anzeichen einer Belebung, doch selbst nach dieser Einschätzung werden die Bauinvestitionen in diesem Jahr die des Vorjahrs kaum übertreffen.

Die Flaute im Osten kommt höchst ungelegen, nicht nur für die betroffenen Firmen. Der Baubranche hatten die Wirtschaftspolitiker eine ganz besondere Rolle zugedacht, ihr Aufschwung sollte die gesamte Ost-Wirtschaft mitziehen. Schließlich brauchen Bauherren nicht nur Ziegel und Mörtel, sie kaufen auch Tapeten und Möbel.

Geld schien genügend vorhanden. Private Investoren, so die Erwartung, würden Hotels und Gewerbeparks bauen, private Eigentümer ihren verrotteten Besitz sanieren. Die Bonner stützen solche Vorhaben zudem mit etlichen Förderprogrammen.

Und Bedarf für die Männer vom Bau, da hat Holzmann-Manager Becker recht, ist in der Tat reichlich vorhanden. Ganze Straßenzüge oder Stadtviertel sind eingefallen, in der Kleinstadt Meiningen wie in der Großstadt Leipzig.

Auch die öffentliche Hand hätte genügend Anlaß, umfangreiche Aufträge zu vergeben. Auf den Autobahnen platzt der Beton, die Züge der Reichsbahn holpern über verrottete Schwellen.

Doch die Nachfrage fehlt. Nicht im Osten, im Westen boomt der Bau. Ostdeutsche Maurer und Klempner verdingen sich als Leiharbeiter in der alten Bundesrepublik.

Die Ursachen der gespaltenen Baukonjunktur liegen, so die gängige Begründung, in den ungeklärten Eigentumsfragen in Ostdeutschland. Vor allem Immobilien seien »effektiv blockiert«, schreibt etwa das Bonner Justizministerium, Investitionen könnten deshalb »nicht ihre volle Schubkraft entfalten«.

Mehr als eine Million Bundesbürger wollen ihre alten Immobilien im Osten wiederhaben. Ihre Anträge liegen unbearbeitet bei den Landratsämtern. Die Eigentümer müssen womöglich noch einige Jahre auf eine Rückgabe warten.

Aber es sind nicht die Eigentumsfragen allein, die den raschen Wiederaufbau verzögern. Hinzu kommen Altlasten, die viele nicht tragen können.

Ein Angestellter aus Hamburg hat seine Immobilie in Mecklenburg bereits zurückerhalten. Das Haus droht einzustürzen. Nur mit der Abrißbirne, so sagt er, seien die Mieter vor Schaden zu bewahren. Für einen Neubau freilich fehlt eigenes Kapital, gepumptes Geld ist zu teuer.

Das ist keineswegs ein Einzelfall. In den neuen Bundesländern ist »jede fünfte Wohnung so stark beschädigt«, hat Bauministerin Irmgard Adam-Schwaetzer erfahren, »daß sie nicht mehr bewohnt werden kann«. Unklar bleibt freilich, wer den Abriß bezahlt.

Selbst jene Immobilien, die noch renoviert werden könnten, bereiten den Eigentümern keine rechte Freude. Bevor sie nämlich Geld in den Aufbau stecken können, sind noch alte Rechnungen zu begleichen.

Eine Frankfurter Rentnerin etwa durfte ihr Haus in Sachsen behalten. Allerdings sei das Gebäude, so wurde ihr nun mitgeteilt, mit rund 33 000 Mark an »Aufbaukrediten« belastet, gestundete Zinsen nicht mitgerechnet.

Die Sparkasse will für die alten Schulden künftig knapp zehn Prozent Zinsen berechnen. Die alte Dame kann mit ihren Ersparnissen zwar die Kredite tilgen, aber für neue Fenster oder eine moderne Heizung bleibt nichts übrig.

Solche Investitionen machen ohnehin wenig Sinn. Die Mieten waren bisher auf dem Stand des Jahres 1936 eingefroren (monatlich rund eine Mark pro Quadratmeter), hat die Ministerin dazugelernt, sie hätten lediglich »15 Prozent der Kosten getragen«.

Zwar dürfen von August an, so ein Beschluß des Bonner Kabinetts, die Grundmieten um durchschnittlich eine Mark angehoben werden. Einen Teil der Betriebskosten, etwa für Heizung und Warmwasser, müssen die Mieter ebenfalls tragen. Mit diesen Aufschlägen aber werden Investitionen im Wohnungsbau noch lange nicht lohnend.

Es ist für Vermieter auch keineswegs rentabel, ihre verkommenen Immobilien zu renovieren. Den ursprünglichen Plan, Kosten für die Instandhaltung teilweise auf die Mieten aufzuschlagen, haben die Bonner fallengelassen.

Am stärksten sind Wohnungsgesellschaften und Kommunen von der bauschädlichen Kostenregelung betroffen. Sie haben die im sozialistischen Einheitsstil errichteten Wohnsilos übernommen und werden nun von der Erblast erdrückt: von rund 40 Milliarden Mark Schulden.

Adolf Haidegger, Bürgermeister in Colditz bei Leipzig, mußte von der staatlichen Gebäudewirtschaft eine Schule samt Turnhalle mit vier Millionen Mark Schulden übernehmen. Die Berliner Treuhandanstalt übertrug der Kommune zudem 96 Neubauwohnungen. Die Mieteinnahmen machen nur die Hälfte der Betriebskosten aus. Rund 400 000 Mark muß die Stadt zuschießen.

Der Bau der Wohnungen war zwar vom Staat bestellt, aber nicht bezahlt worden. Die Deutsche Bank diente der Kleinstadt deshalb frische Kredite über knapp zwölf Millionen Mark an, zu Jahreszinsen von 1 140 356 Mark.

Der Bürgermeister verweigerte die Unterschrift. Bei einem Etat von 450 000 Mark sei doch von Anfang an klar, daß die Kreditzinsen gar nicht bedient werden können, argumentiert er. Er mache sich strafbar wegen Betrugs.

Colditz ist überall. Viele Gemeinden in den neuen Bundesländern erklären sich schon jetzt für zahlungsunfähig. Die bisherigen Programme zur Instandsetzung von Immobilien, weiß der Gesamtverband der Wohnungswirtschaft, seien erheblich zurückgefahren worden.

Für Bauvorhaben fehlt den Bürgermeistern ausreichend Geld. Lediglich 630 Millionen Mark, das haben die Bonner in der vergangenen Woche beschlossen, sollen die Kommunen nun für die Stadtsanierung bekommen - knapp 40 Mark pro Bürger.

Hoffnung setzt die Branche deshalb auf Aufträge aus der Industrie. 26 Milliarden Mark, so das Ifo-Institut, würden 1991 beim Bau von Produktions- und Vertriebsstätten wirksam.

Bisher allerdings waren die Bauinvestitionen der Wirtschaft eher bescheiden. Nach wie vor scheitern viele Möchtegern-Investoren an ungeklärten Eigentumsfragen, auch wenn die Treuhand nun 1000 Grundstücke meistbietend zum Kauf freigibt. Viele resignieren jedoch an einem unfähigen Behördenapparat, an zeitraubenden Planverfahren und, auch dies gibt es, unlustigen Baufirmen.

Die Erfahrungen der Investoren sind oft nicht sehr ermutigend. Mancher Baubetrieb im Osten, so scheint es jedenfalls, ist noch allzusehr im alten Denken verhaftet.

Der Mineralölkonzern Dea beispielsweise wollte zwei moderne Tankstellen bei Niemegk an der Autobahn von Berlin nach Leipzig aufstellen. Eine örtliche Baufirma bekundete ihr Interesse, das Werk in eineinhalb Jahren zu errichten.

Die Hamburger Ölmanager meinten, die Arbeit sei in drei Monaten zu schaffen. Das sahen die Ostdeutschen schließlich auch ein. Zehn Bagger könnten sie einsetzen, versicherten sie.

Von den zehn Maschinen war allerdings nur eine einsetzbar, doch ob sie auch verfügbar war, schien keineswegs sicher. Die Auftraggeber besorgten deshalb Bagger im Westen. Die robusten Maschinen hatten einen Nachteil: Sie gestatteten den Arbeitern keine Ruhepause. Von 100 Bauarbeitern fühlten sich nur 3 dem Tempo gewachsen.

Die beiden Tankstellen der Dea wurden doch noch fertig. Den im Osten immer noch üblichen Materialschwund, in diesem Fall betrug er rund 300 000 Mark, konnte der Konzern verschmerzen.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 62 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.