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Egal wie blöd

Durch den Trend zu immer kleineren und billigeren Rechnern gerät erstmals die Vormachtstellung des Computer-Giganten IBM in Gefahr.
aus DER SPIEGEL 22/1976

Das mehrstöckige Ziegelstein-Gebäude mit seinen großen Sprossenfenstern sieht aus, als könne es nur noch als Anschauungsobjekt für das Studium der Fabrik-Architektur zur Zeit der industriellen Revolution in den USA verwendet werden.

In Wirklichkeit aber beherbergt das ehemalige Wollstoff-Werk in Maynard (US-Bundesstaat Massachusetts), das im amerikanischen Bürgerkrieg Decken für die Nord-Armee gefertigt hatte, den Stammbetrieb eines der technologisch führenden Unternehmen der Erde -- des auf den Bau von Minicomputern spezialisierten EDV-Produzenten Digital Equipment Corp.

Mehr noch: Nach Meinung amerikanischer Elektronik-Marktkenner steckt in dem alten Fabrikgemäuer mit Digital Equipment ein Computer-Bauer, der selbst dem Branchen-Mammut International Business Machines (IBM) gefährlich werden kann.

Auf den Kampf zwischen EDV-David Digital Equipment (Umsatz 1975: 534 Millionen Dollar) und Goliath IBM (14.36 Milliarden Dollar), den einige Marktbeobachter schon für die frühen achtziger Jahre erwarten, deutet eine technologische Entwicklung hin, die dem Mini-Spezialisten schon in den vergangenen Jahren gewaltigen Auftrieb gegeben hatte: der Wandel von der auf einen einzigen massiven Riesenrechner konzentrierten Datenverarbeitung zu weitgespannten Kommunikations-Netzen miteinander verbundener Minicomputer und Datenterminals.

Denn mit diesem Trend zu immer kleineren, billigeren Elektronenrechnern ist Digital Equipment als weitaus größter und erfahrenster Minicomputer-Produzent (Weltmarktanteil: über 30 Prozent) vorerst auf Wachstums-Rekorde geradezu programmiert: So setzte die Elektronikfirma in der Ex-Wollstoffabrik, die 1972 erst 188 Millionen Dollar eingenommen hatte, im vergangenen Jahr trotz allgemeiner Rezession 27 Prozent mehr als 1974 ab.

»In diesem Jahr werden wir um 50 Prozent wachsen, und ich mache mir Sorgen darüber«, ist selbst dem Digital-Equipment-Chef und -Gründer Kenneth H. Olsen das rasende Expansionstempo seiner Firma nicht geheuer.

Für das nächste Jahr hat Olsen zwar ein etwas kontrollierteres Wachstum von 25 Prozent eingeplant. Schon jetzt aber sieht er voraus, daß es wohl doch beim gegenwärtigen Tempo bleiben und damit schon 1977 der Eine-Milliarden-Dollar-Umsatzpegel klar überschritten wird.

Der Markt für kostspielige traditionelle Maxi-Rechner à la IBM, auf dem der EDV-Gigant mit einem Anteil von über 60 Prozent weltweit dominiert, gilt hingegen durch den Mini-Vormarsch als stark eingeengt. Die Computernutzer »wenden sich«, sagt die EDV-Marktforschungsfirma International Data Corp. (IDC), »in gewissem Maße von der strengen IBM-Doktrin ab«. einen Universalrechner mit teurer Programmausrüstung und entsprechendem Hilfsdienst des Computer-Lieferanten anzuheuern.

»Die Benutzer«, so International Data »werden aufgeklärter« -- und damit für den Gebrauch von Minicomputer-Netzen aufgeschlossen, die (wie beispielsweise bei dem Reservierungssystem einer Fluggesellschaft) durch den unmittelbaren Austausch von Daten zwischen Rechner und Benutzer rasche Kontrollen möglich machen.

»Minicomputer fordern die großen Maschinen heraus«, rief denn auch jüngst das US-Wirtschaftsmagazin »Business Week« den neuesten Showdown in der an brutalen Verdrängungs-Wettbewerb gewöhnten Branche aus. Die Zeitschrift fragte gar: »Kann Digital Equipment, der größte Mini-Hersteller, IBM übernehmen?«

Dabei ist das. »Wunderkind aus Massachusetts« ("Business Weck") noch nicht einmal zwanzig Jahre alt. In einer winzigen Bastelecke des alten Backsteinbaus in Maynard hatten Kenneth Olsen, sein Bruder Stanley und einige Getreue gegen Ende der fünfziger Jahre begonnen, die ersten Computer im Miniformat herzustellen.

»Als wir 1958 MIT verließen, um Digital Equipment zu gründen«, schildert der früher im Wissenschaftler-Mekka des Massachusetts Institute of Technology (MIT) beschäftigte Ingenieur Ken Olsen den Start seines Unternehmens, »hatten wir Ideen, die so einzigartig waren, daß wir den Versuch aufgaben, sie anderen zu erklären.«

In der Tat kamen Olsens Pläne für manchen Computer-Kunden noch zu früh. Während der sechziger Jahre wandten sich Geschäftsleute. die den Vorteil der elektronischen Datenverarbeitung nutzen wollten, an IBM und andere Zentralrechner-Produzenten. die damit warben, dem Kunden soviel Arbeit wie möglich durch ihre Computer-Zentren abzunehmen.

Olsen dagegen setzte von Anfang an auf »interaktive Datenverarbeitung« durch Minicomputer, bei denen der EDV-Benutzer auch ohne die Hilfe des Herstellers jederzeit Daten einspeisen und Ergebnisse abrufen kann. Das aber erforderte Computer-Käufer, die um ihre eigenen EDV-Probleme wußten.

»IBM wird sagen: »Wir bringen dein System in Gang, egal wie blöd du bist«, erklärt Olsen den Unterschied im Marketing-Konzept der beiden Firmen, »wir aber halten uns von einigen Kunden fern.«

Trotz dieser Beschränkung auf Abnehmer, die schon über eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Computern verfügen, ist Digital Equipment auch in Europa auf dem Vormarsch. Der Mini-Hersteller, der seit 1963 in Europa vertreten ist, hat sich mit Ausnahme des staatlich abgeschirmten französischen Marktes in Westeuropa klar als Branchen-Erster durchgesetzt.

Und weil Minicomputer in Europa im Vergleich zu den USA noch recht wenig eingesetzt werden, sagen EDV-Experten wegen des Nachholbedarfs einen rasch wachsenden Europa-Absatz voraus. Nach Marktprognosen der IDC Deutschland in München wird dieser europäische Mini-Boom vor allem von der Entwicklung in der Bundesrepublik getragen.

Im Gegensatz zu den USA, wo Minis meist im geschäftlichen Bereich angewendet werden, ist die Mini-Technik in Deutschland besonders im nicht-kommerziellen Sektor. etwa bei Wissenschaftlern und Nachrichtentechnikern. gefragt.

Minicomputer von Digital Equipment beispielsweise bilden den Kern der ersten im Probebetrieb laufenden Betriebssteuerzentrale der Deutschen Bundesbahn. Diese Zentrale soll den gesamten Zugverkehr und die Rangierbewegungen in den Bahnhöfen der Bundesbahndirektion Saarbrücken automatisch steuern, überwachen und aufzeichnen.

Wenn auch die Marktaussichten glänzend sind -- der Siegeszug des amerikanischen »Mini-Großmoguls« (so das Fachblatt »Computerwoche« ist keineswegs ungefährdet. Im Gegenteil: Dem Marktführer Digital Equipment droht von zwei Seiten zugleich Gefahr.

Zum einen hängt die Zukunft der Firma entscheidend davon ab, wie stark IBM und andere Hersteller herkömmlicher Rechner auf die Invasion der Minis reagieren. Schon Ende Januar stellte Honeywell, nach IBM zweitgrößter Normalcomputer-Produzent der Welt, eine neue Minicomputer-Linie vor. Auch IBM und Burroughs haben bereits Modelle entwickelt, mit denen sie sich dem Mini-Trend anpassen.

Zum anderen drängen vom unteren Ende des Elektronik-Markts Produzenten vor, die den jüngsten Sproß der Computer-Entwicklung präsentieren -- den Mikrocomputer. Kerneinheit dieses kleinstformatigen Rechners ist ein Mikroprozessor oder »Computer auf dem Chip«, der nur aus einem winzigen Silizium-Chip mit wenigen Millimetern Seitenlänge. aber mit bis zu 20 000 Transistoren besteht.

Die Produktion der Mikros beherrschen vornehmlich US-Firmen, die im Halbleiter-Geschäft groß geworden sind, wie etwa Intel, Texas Instruments und National Semiconductor. Nach Jahren gnadenloser Preiskämpfe auf Grund gewaltiger Überkapazitäten in dieser Elektronik-Sparte haben diese Halbleiter-Hersteller genügend Know how gesammelt, um auch weitere Machtkämpfe erfolgreich zu bestehen.

»Sie sind«, weiß »Business Week«, »die Überlebenden eines der härtesten Märkte in der Welt »

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