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29. Oktober 2008, 00:23 Uhr

Eilaktion gegen Kurskapriolen

Deutsche Börse kappt VW-Anteil am Dax

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Die Deutsche Börse reagiert auf den absurden VW-Höhenflug: Angesichts der jüngsten Kapriolen der Aktie wird der Anteil des Konzerns am Dax verringert. Ab Montag soll er maximal noch zehn Prozent betragen - und so die Gefahr durch die Kursblase gebannt werden.

Hamburg/Frankfurt am Main - 500 Euro, 700, zwischenzeitlich mehr als tausend - am Ende mehr als 900 Euro: Immer höher war die VW-Aktie in den vergangenen zwei Tagen im Handel in Frankfurt gestiegen. Zum Handelsschluss an diesem Dienstag lag sie bei 945 Euro. Damit betrug der Anteil der VW-Aktie am Dax, dem Index der 30 wichtigsten deutschen börsennotierten Unternehmen, insgesamt 27 Prozent - darauf musste die Deutsche Börse reagieren. In der Nacht tat sie es: Sie beschloss den Volkswagen-Anteil auf maximal zehn Prozent zu reduzieren. Das teilte sie am späten Dienstagabend mit.

VW-Fahrzeug: Absurde Rallye mit den Aktien des Autokonzerns
AP

VW-Fahrzeug: Absurde Rallye mit den Aktien des Autokonzerns

Zum Handelsstart am Montag soll die Verringerung des VW-Anteils umgesetzt sein - so haben die Kurse noch einige Tage Zeit, um sich zu beruhigen. Auch der europäische Indexanbieter Stoxx entschied, der Anteil von Volkswagen-Stammaktien in seinen Indizes wie dem Euro-Stoxx 50 werde von diesem Freitag an reduziert.

VW war im Dax der einzige Titel, der in den vergangenen Tagen signifikant zulegte, und der einzige Grund, wieso der Dax an diesem Dienstag rund elf Prozent im Plus schloss. Die meisten anderen Aktien verloren, ohne VW wäre der wichtigste deutsche Index negativ aus dem Handel gegangen - doch die absurde Kursrallye des Autokonzerns überformte das Geschehen komplett. Durch die Explosion seines Kurses war der Wolfsburger Autobauer an diesem Dienstag sogar zeitweise das teuerste Unternehmen der Welt, vor Exxon Mobil.

Börsianer beklagten die Kapriolen im Dax: "Alles verrückt hier", sagte ein Postbank-Händler. Ein anderer sagte nur noch "VW" und behauptete: "Das erklärt alles." Ein dritter sagte, durch VW wirke das Börsengeschehen "deutlich weniger seriös".

Einen solchen Kursanstieg hatte es in der Geschichte der Deutschen Börse tatsächlich noch nicht gegeben: von ohnehin überhöhten 210,52 Euro am Montagmorgen auf die jetzt vier- bis fünfmal so hohen Werte. Die Rallye der VW-Aktie verblüffte die meisten Anleger, einige Experten hingegen nicht. Das Problem habe sich lange angedeutet - VW sei seit Monaten überbewertet.

Der Mechanismus, der hinter der VW-Kursrallye steht, basiert im Grunde auf dem Prinzip Angebot und Nachfrage. Porsche sammelt seit längerem VW-Aktien in kleinen Häppchen. Inzwischen hat das Unternehmen seinen Anteil auf 42,6 Prozent aufgestockt. 31,5 Prozent kontrolliert es in Form von Optionen. Da das Land Niedersachsen, der zweite Großaktionär, gut 20 Prozent der VW-Anteile hält, wurde der Anteil der am freien Markt verfügbaren Aktien, der sogenannte Streubesitz, immer kleiner. Er liegt nur noch bei rund sechs Prozent des gesamten VW-Kontingents. Diese Konstellation wurde am Sonntag durch eine Veröffentlichung des Konzerns bekannt.

Das Problem: Nun gibt es eine extrem hohe Nachfrage nach VW-Papieren - vor allem von sogenannten Leerverkäufern (siehe Grafik unten), die ihre von anderen Investoren ausgeliehenen und dann verkauften Aktien zurückerwerben wollen. Es brach eine regelrechte Panik aus, weil wegen Porsches Machtübernahme-Aktion kaum noch VW-Aktien auf dem Markt sind. Das knappe Angebot verursachte einen Run auf die wenigen noch verfügbaren VW-Aktien, trieb die Preise so hoch, dass jetzt eine Blase entstanden ist.

Wie die Kursrallye genau abgelaufen ist, zeigt die SPIEGEL-ONLINE-Grafik (anklicken für das Großbild):

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Die Situation ist höchst riskant, für den gesamten Handel in Frankfurt. Dass 20 der 30 Werte im Dax zu Börsenschluss am Dienstag im Minus standen, liegt laut Haspa-Chefanalyst Bernd Schimmer "zum Teil am exorbitanten VW-Kurshoch. Die Stärke der Volkswagen-Aktie schwächt die anderen Dax-Werte". Unternehmen, die von der Wertsteigerung der VW-Aktie profitieren wollen, und Leerverkäufer, die für Aktienrückkäufe Kapital benötigen, "verkaufen ihre anderen Dax-Werte. Dadurch drückt das Riesenplus von VW viele anderen Werte weiter ins Minus".

Noch schlimmer aber: "Der Dax gibt ein falsches Signal", sagte Finanzexperte Hans-Peter Burghof am Dienstag vor der Entscheidung der Deutschen Börse, den VW-Anteil im Index zu begrenzen. "Das Gewicht der VW-Aktie im Dax ist so utopisch hoch, dass es die anderen Werte völlig aufhebt. Das kann man schon als Marktversagen bezeichnen".

Man könnte überspitzt auch sagen: Im Moment gibt es keinen Dax mehr - nur noch VW. Und das ist ein höchst unberechenbares Konstrukt. Sobald sich der Wert der Aktie normalisiert, drohen dem deutschen Leitindex herbe Verluste. Die jetzt beschlossene Reduzierung des VW-Anteils bis zum kommenden Montag soll dies verhindern helfen.

Finanzexperten wie Wolfgang Gerke hatten eine solche Begrenzung von der Deutschen Börse gefordert: "Es kann nicht angehen, dass eine einzige Aktie den Deutschen Aktienindex so stark bestimmt, wie das derzeit der Fall ist", sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Eine zentrale Frage ist nun, wie die Märkte auf die Entscheidung der Börsenbetreiber reagieren. Der Dax könnte herb verlieren, wenn sich der Wert der Aktie normalisiert. Es gibt mehrere Szenarien dafür. Das harmloseste ist, dass die Nachfrage nach VW-Aktien allmählich sinkt. So vermuten Experten, dass die eminent hohen Preise vor allem von Leerverkäufern produziert worden sind, die ihre geliehenen VW-Aktien kurzfristig zurückgeben müssen. Solche Leerverkäufe dürften allerdings in absehbarer Zeit auslaufen. "Short Sales sind recht kurzfristige Geschäfte", sagt Finanzexperte Burghof. Ihr Druck dürfte nicht mehr allzu lange auf den VW-Werten lasten. "Laufen allerdings viele Short Sales am selben Tag aus, beispielsweise, da ein Hedgefonds eine große Anzahl an VW-Leerverkäufen getätigt hat, dürfte der Dax deutlich verlieren."

Allerdings, sagt ein Analyst, der nicht namentlich genannt werden will, sei das aktuelle Preishoch nicht unbedingt nur auf Leerverkäufer zurückzuführen. "Es gibt mehrere Aktienfonds, die an den Dax gekoppelt sind oder die Autowerte abbilden", sagt der Experte. "Wenn die Einlagen solcher Fonds steigen, sind sie gezwungen, neue VW-Aktien zu kaufen." Da es aber am freien Markt kaum noch solche Aktien gibt, halte ihre Nachfrage den Preis weiter künstlich hoch.

Als ein weiteres Szenario wurde am Dienstag vor der Entscheidung der Deutschen Börse gehandelt, dass es einen sogenannten "fast exit" der VW-Aktie gibt. Nach Börsengesetz müssen mindestens fünf Prozent der Papiere in Streubesitz sein, ansonsten muss der Wert binnen zwei Tagen ausgetauscht werden. Experte Gerke vermutet, dass schon jetzt womöglich weniger als fünf Prozent der Aktien in Streubesitz sind. In diesem Fall aber müsste VW die Börse benachrichtigen. Diese müsste die Aktie gegen eine andere austauschen, die VW-Börsenblase würde unmittelbar platzen - und der Dax wohl in den Keller sausen. "Angesichts des ohnehin gespannten Umfelds ist ein neues Börsenbeben dann nicht ausgeschlossen", sagt Burghof.

Wer sind die großen Verlierer?

Kritisch ist an der Konstellation auch, dass sich viele Marktteilnehmer inzwischen fragen, welche Investoren sich bei den Wetten auf einen sinkenden VW-Kurs verspekuliert haben - und ob auch Banken darunter sind.

An den Börsen in Europa und den USA sind zahlreiche Aktien von Geldinstituten wegen der Explosion der VW-Aktie unter Druck. In Frankreich stürzten die Aktien der Société Générale wegen VW-Spekulationen zeitweise um mehr als 17 Prozent ab. An der Wall Street fielen die Titel der ehemaligen Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs zeitweise um mehr als zehn Prozent. Société Générale war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar; Morgan Stanley erklärte sich nicht betroffen; Goldman erlitt nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters keine beträchtlichen Verluste im Zusammenhang mit VW.

Ein Fondsmanager in Paris sagte: "Wer mit viel geliehenem Geld auf fallende Volkswagen-Kurse gesetzt hat, steht vor kolossalen Verlusten."

Mehrere Hedgefonds und Banken erlebten gerade einen Alptraum, schreibt die Zeitung. Alle drei genannten Hedge-Fonds ließen Fragen zum Stand ihrer VW-Investitionen auf Nachfrage der Zeitung unbeantwortet. Der elf Milliarden Dollar schwere Perry Fonds musste in den vergangenen Tagen bereits Entlassungen bekanntgeben. Aktuell sei der Fonds wie viele andere in der Verlustzone.

Schon die "Financial Times" hatte am Dienstagmorgen von 15 Milliarden Euro Verlust bei Zockereien mit der VW-Aktie berichtet. Nach neuen Informationen des "Handelsblatts" aus Bankkreisen hat nun allein der Londoner Hedgefonds Marshall Wace mehr als fünf Milliarden Euro verloren. Auch der von der Wall-Street-Legende Richard Perry geführte New Yorker Fonds Perry Capital habe sich in gigantischem Ausmaß verspekuliert - und außerdem der Investor Greenlight Capital ebenfalls aus New York.

Mitarbeit: flo
Mit Material von
dpa, Reuters

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