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Ein Brückenkopf in Europa

Die europäischen Computerhersteller verspielen ihre Zukunft. Zersplittert in viele Firmen mit Provinzformat, haben sie Mühe, die Entwicklungsgelder und die Produktionskosten zu verdienen. Jetzt rücken die Japaner an. Fujitsu schluckt die größte englische Computerfirma ICL und schafft sich so einen Vorposten in Europa.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Den Managern des größten japanischen Computerbauers Fujitsu schien es reizvoll, einmal die unterschiedlichen Kampfstrategien bei zwei Brettspielen miteinander zu vergleichen.

In der jüngsten Ausgabe ihrer Konzernzeitung stellten die Japaner das vor allem in Europa beliebte Schach dem in Nippon sehr populären Go gegenüber.

Beim Schach, befanden sie, sei es »das Ziel, Fallen zu stellen und die gegnerischen Figuren vom Brett zu nehmen«. Beim Go dagegen komme es darauf an, »Territorium zu besetzen«.

Vorige Woche stellten die Fujitsu-Männer unter Beweis, daß sie die Kunst des Go-Spiels in der industriellen Wirklichkeit vortrefflich beherrschen: Sie besetzten einen Teil der europäischen Computerindustrie.

Für rund 2,2 Milliarden Mark übernahm Fujitsu 80 Prozent des größten britischen Computerproduzenten ICL (International Computers Limited).

Monatelang hatten die Japaner mit der ICL-Muttergesellschaft, dem Kommunikationskonzern STC, verhandelt, viele Stunden auf dem Golfplatz. »Golf war unsere wichtigste Geheimwaffe«, verriet STC-Unterhändler Kenneth Gardener. Ihrem geplanten Deal gaben die Verhandlungspartner den Tarnnamen »Firecracker« (Feuerwerkskracher).

Die Code-Bezeichnung war gut gewählt. Als Fujitsu-Chef Takuma Yamamoto am Montag vergangener Woche in London die Machtübernahme seiner Firma bei ICL verkündete, wirkte das auf die europäischen Konkurrenten wie ein gefährlicher Knall.

Die Japaner steigen bei dem englischen Computerhersteller in einer Phase ein, in der praktisch die gesamte europäische Rechnerbranche unter Formschwäche leidet. Am gleichen Tag, an dem der Fujitsu-Kauf bekannt wurde, meldete die französische Firma Bull Halbjahres-Verluste von 1,9 Milliarden Franc (600 Millionen Mark). Das ist mehr als das Dreifache des Verlusts aus der gleichen Zeit des Vorjahrs.

Der niederländische Philips-Konzern fuhr im Computer- und Chipbereich derart tief in die roten Zahlen, daß die Firma in diesem Jahr zwei Milliarden Gulden (1,8 Milliarden Mark) Verlust verbuchen muß.

Die italienische Olivetti schreibt zwar schwarze Zahlen, mußte aber vergangenes Jahr eine Gewinneinbuße von 43 Prozent hinnehmen.

Die Siemens-Datentechnik verdiente im Geschäftsjahr 1988/89 noch gutes Geld. Jetzt aber muß der Münchner Konzern erst einmal die Übernahme der im vergangenen Jahr mit 1,3 Milliarden Mark Verlust abgestürzten Firma Nixdorf verkraften. Die Manager der neuen Firma Siemens-Nixdorf Informationssysteme sind froh, wenn sie das laufende Geschäftsjahr mit ausgeglichenem Ergebnis abschließen.

Und nun die Kapitulation der Briten. Mit dem Einstieg bei ICL, darin sind sich Branchenkenner einig, ist es den Japanern gelungen, sich für den großen europäischen Binnenmarkt einen wichtigen Brückenkopf zu schaffen.

In den neunziger Jahren, wissen Experten, wird die EG zusammen mit den neuen Abnehmern in Osteuropa zum wichtigsten Markt für die Datenverarbeitung. Droht nun bei Computern das, was für die Herzstücke aller Elektronik, die Chips, bereits Wirklichkeit ist: eine unangreifbare Vormachtstellung der Japaner?

Beharrlich und anscheinend unaufhaltsam schoben sich bis heute die Japaner in Europa vor. Zumindest bei den aufwendigen Großrechnern verfügen die drei führenden Computerbauer aus Fernost mittlerweile über nützliche Absatzkanäle.

Hitachi verkauft über seine eigene Tochterfirma Hitachi Data Systems und über Comparex, ein Gemeinschaftsunternehmen von BASF und Siemens. NEC ist mit 15 Prozent an einer Bull-Tochter beteiligt und liefert den Franzosen Computer und Bauelemente.

Gut im Geschäft ist seit langem Fujitsu. Der japanische Konzern baut für Siemens hochwertige Endstufen für Großrechner; die Firma hält zudem eine bedeutende Beteiligung am amerikanischen Großrechnerproduzenten Amdahl, der wiederum in Großbritannien eine starke Marktstellung hat.

Die Offensivstrategie der Japaner verläuft mit jener Präzision, mit der die Asiaten stets fremde Märkte aufrollen. Zunächst kam es den Managern aus Fernost darauf an, sich das Produktionswissen für elektronische Bauelemente anzueignen. Hier sind die Japaner heute unschlagbar.

Dann eroberten sie mit ihren Chips die Weltmärkte. Als nächstes kamen sie mit eigenen Computern. Die verkauften sie über Vertriebspartner, jetzt produzieren sie selbst in Europa.

Bei all ihren Eroberungen ließen sich die Japaner Zeit. Und so irritiert es sie auch gar nicht, daß sie in Europa noch viel aufzuarbeiten haben.

Fujitsu hat sich mit ICL erst mal einen guten Vorposten geschaffen. Das Unternehmen ist der einzige Hersteller von Großrechnern in Großbritannien. Gemeinsam mit Amdahl kommt die Firma nun bei Großrechnern auf einen Marktanteil von 42 Prozent auf der Insel. Der mit Abstand größte Computerbauer der Welt, IBM, bringt es nur auf 36 Prozent.

Zumindest in Großbritannien wird Fujitsu künftig dem Koloß IBM das Leben schwerer machen. In der gesamten Welt ist der japanische Konzern gemessen am Umsatz zwar erst höchstens ein Fünftel so groß wie IBM. Und in Europa ist noch immer Siemens der zweitstärkste Computerverkäufer hinter den Amerikanern, wenn auch weit abgeschlagen.

Doch Experten glauben, die Japaner könnten nun, langfristig gesehen, auch im übrigen Europa zum ernst zu nehmenden Konkurrenten von IBM heranwachsen. Die europäischen Hersteller wären auf ihrem Heimatmarkt nur noch Randfiguren.

Die Einverleibung von ICL durch die Japaner offenbart beispielhaft, wie schwer es für die Europäer eben ist, im globalen Wettbewerb zu bestehen. Dem Chef der ICL-Muttergesellschaft STC, Arthur Walsh, war längst klar, daß ICL allein mit Geldern aus der eigenen Konzernkasse nicht überleben konnte. Sein Buhlen um europäische Partner - darunter Siemens - blieb aber erfolglos. Kein Europäer wollte das notwendige Geld in die englische Firma stecken.

Nur ein starker Partner wie Fujitsu, begründete Walsh jetzt den ICL-Verkauf, könne die Zukunft des britischen Herstellers garantieren.

Einzeln vermag, so scheint es, kaum ein Europäer im Wettlauf mit den Elektronikgiganten aus Japan und den USA mitzuhalten. Die Entwicklungskosten übersteigen die Finanzkraft auch starker Unternehmen, der Computermarkt strapaziert selbst gut ausgestattete Firmen.

»Wir sehen uns dramatischen Veränderungen gegenüber«, sagt Francis Lorentz, Chef der französischen Groupe Bull. Lange Zeit konnten die Hersteller in einer Art selbsterrichtetem Naturschutzpark leben. Die Produkte der verschiedenen Firmen waren meist nicht austauschbar, eine enge Kundenbindung, die auskömmliche Erlöse sicherte, war die Folge.

Das hat sich gründlich geändert. Heute dominieren die sogenannten offenen Standards, die Stecker passen in jeden Computer. Die Kunden sind nicht mehr bereit, sich in vollständige Abhängigkeit eines Herstellers zu begeben. Vielmehr möchten sie nach dem Baukastenprinzip ihre Anlagen selbst ihrem jeweiligen Bedarf optimal anpassen.

Die Standardisierung sorgte für verschärften Wettbewerb und einem schnellen Preisverfall. Nur kostengünstige Massenproduktion kann den Ausgleich bringen; und da stehen die europäischen Hersteller, die allesamt nur Provinzformat aufweisen, schlecht da.

Der Aufkauf von ICL wird daher nicht der letzte Coup dieser Art gewesen sein. Fujitsu-Lenker Yamamoto denkt bereits über seinen nächsten Zug im globalen Go-Spiel nach.

»Wenn sich irgendwann in der Zukunft, wie ich es hoffe«, so Yamamoto vergangene Woche, »die Möglichkeit bietet, in Siemens zu investieren, so werde ich das tun.«

Die Deutschen wiesen die Avancen des Japaners vornehm zurück. Über »solche Dinge nachzudenken«, beschied ein Siemens-Mann, bestehe »im Augenblick kein Anlaß«.

Doch wie lange währt ein Augenblick?

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