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»Ein gefährlicher Teufelskreis«

aus DER SPIEGEL 45/1976

Es gilt das Prinzip«, beschreibt Kurt Richebächer, Generalbevollmächtigter der Dresdner Bank, die internationale Krisenstimmung, »rette sich, wer kann, in eine harte Währung.«

Hart sind für Banker und Bosse nur noch die Währungen jener Länder, die auf eine wirksame Anti-Inflationspolitik eingeschworen sind: Mark, Dollar, Yen und Schweizer Franken. Für alle anderen, meint Richebächer, »kommt nun die Stunde der Wahrheit«.

Für Westdeutschlands große EG-Partner Großbritannien, Italien, vielleicht sogar Frankreich ist sie fast schon angebrochen. Weil die ständig neu angeheizte Inflation zu immer unerbittlicheren Verteilungskämpfen führt, weil die im Ausland gepumpten Gelder immer rascher verpulvert werden, weil die Etablierten und Arrivierten die Geldkoffer gepackt haben, sind Wirtschaft und Währung kaum noch unter Kontrolle zu halten.

Die realen Kaufkraftverhältnisse spielten kaum noch eine Rolle, als der Pfund-Kurs letzte Woche innerhalb von vier Tagen um sechs Prozent fiel: Eine Zeitungsmeldung, die ein neues Absacken als Bedingung für einen neuen internationalen Kredit nannte. reichte als Anlaß für fast panische Pfundverkäufe aus. Mit dem Pfund rutschte die Lira. Und sogar der Franc ging schließlich in den Tiefflug. »Wer auf längere Sicht weitere Kursverluste fürchtet«, urteilt ein Frankfurter Bankier, »der verkauft heute zu jedem Preis.«

Selbst Kredite des Internationalen Währungsfonds oder Hilfsversprechen befreundeter Regierungen zogen nicht mehr: Allzu ausweglos sind inzwischen die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Währungsschwächlinge geworden. Denn die niedrigen Devisenkurse verteuern die Importe, beschleunigen den Kostenanstieg für unentbehrliche Rohstoffe. Anlagen und Konsumgüter und treiben so die Teuerung immer schneller voran.

Die verzweifelten, politisch ohnehin kaum durchsetzbaren Bremsversuche der Regierungen in London. Rom und Paris könnten die Misere. die sie beheben sollen, leicht verschlimmern: Ein gedrosseltes Wachstum als Preis für Erfolge im Inflationskampf vermindert fast regelmäßig den dringend nötigen Produktivitätszuwachs und vermehrt die Arbeitslosenarmee. »Ein gefährlicher Teufelskreis«, findet der Chefökonom der Düsseldorfer Trinkaus-Bank Dietmar Viertel.

Einstweilen ist nicht abzusehen, wie Bonns Partner diesen Zirkel sprengen könnten. Ihre verkrusteten sozialen Strukturen, die starre Hierarchie der Klassen und Kasten, verhindern einen von der Mehrheit getragenen, von Gewerkschaften und Unternehmern gestützten Konsens über die Sanierung. »Die Wurzel allen Übels«, analysiert der britische Politologe Tony Burkett für sein Land, »liegt in der Unfähigkeit zur Anpassung. zum Wandel, zur Modernisierung der Gesellschaft.«

Konsum hatte Vorrang vor zukunftsträchtigen Investitionen. Und selbst jene Maschinen, die sich mit westdeutschen Anlagen messen können, nutzen Engländer weniger produktiv: Mit gleicher technischer Ausrüstung kommt ein Ford-Arbeiter im britischen Dagenham gerade auf die Hälfte des Produktionsergebnisses seines Kollegen bei Ford in Köln.

Von devisenbringender Wettbewerbsfähigkeit war häufig nicht mehr die Rede. 1955 stammten noch 23 Prozent aller Fertigwarenexporte in der Welt aus Großbritannien. Zwanzig Jahre später waren es weniger als acht Prozent.

Anstelle eines leistungsfähigen Industriestaats bauten sich die Briten einen Wohlfahrtsstaat, dessen immense Kosten bei sinkender Wirtschaftsleistung nur noch durch Schuldenmachen zu finanzieren sind -- wobei inzwischen völlig unklar ist, wie die Gelder zurückgezahlt werden sollen.

»Selbst größte Währungskredite«, sorgt sich Commerzbank-Vorstandsmitglied Wolfgang Jahn, »können das Pfund nicht retten. Sogar ein Wechselkurs von drei Mark bringt nichts, solange Staatsfinanzen und Inflationsraten weiter ausufern.«

Und das scheint fast sicher. Allein wegen des durch den Währungsverfall ausgelösten Inflationsstoßes werden Englands mächtige Gewerkschaften sich kaum noch an den vor wenigen Monaten geschlossenen »Social Contract« halten können. Notfalls mit Streiks -- und darauf verstehen sie sich -werden sie zu verhindern suchen, daß der ohnehin mäßige Lebensstandard der britischen Arbeitnehmer weiter abrutscht.

Die Labour-Regierung wiederum wird abermals versuchen, mit Hilfe -- natürlich ungedeckter -- Staatsausgaben die dann noch mehr steigende Arbeitslosigkeit abzufangen. Selbst bescheidene Abstriche am Staatshaushalt scheitern, weil sich, so letzte Woche, Premier Callaghan nicht einmal gegenüber dem linken Labour-Flügel durchsetzen kann (siehe Seite 150).

Verheerend wie in England ist die Lage im »Schuldenland Italien« (Senator Cesare Merzagora).

Politiker und Industrielle, Banker und Gewerkschafter stimmen zwar darin überein, daß die Situation »dramatisch«, ihr Land »an eine Grenze« gedriftet sei. Gleichwohl können sie sich nicht auf einen Ausweg einigen. Das Austerity-Programm der auf die Duldung der Kommunisten angewiesenen Minderheits-Regierung Andreotti läuft Gefahr, zerredet zu werden.

Um so dringlicher braucht Italien neue Auslandskredite. Das »Wall Street Journal« spottete schon Anfang des Jahres über den römischen Notenbankchef Paolo Baffi: »Mit der einen Hand dreht er die Kurbel der Banknotenpresse, mit der anderen telephoniert er nach Amerika, um ... Kredite zu erbitten.«

Für Italien rächen sich nun die Versäumnisse, die in den Boom-Jahren übertüncht werden konnten. Denn der »miracolo economico« der frühen sechziger Jahre wurde mit sozialen Mißständen in den Arbeiterslums der Ballungszentren teuer erkauft. Seit knapp zehn Jahren versuchen die Gewerkschaften, sich ihren Anteil am Wirtschaftswunder zu holen: höhere Löhne, aber auch bessere Sozialleistungen.

Doch dieser Verteilungskampf brachte vor allem eines: Die Geldentwertung nahm Jahr um Jahr zu. Die Vormacht der Reichen des Landes wurde von dem Dauerkonflikt kaum erschüttert. Eine kleine Spitzengruppe in der sozialen Pyramide, 2,4 Prozent der Bevölkerung, kassiert 17 Prozent aller Gewinne und Einkünfte. Etwa drei Millionen der 56 Millionen Italiener, schreibt der Kolumnist Giorgio Galli, zählen zu den Privilegierten: Neben dem Geld- und Blutadel vor allem die »Bürokraten und Parasiten, die mit Unterstützung der politischen Macht, hauptsächlich der Christdemokraten, auf Kosten der Gemeinschaft einen luxuriösen Lebensstil führen«.

Rund 30 Milliarden Mark gehen für Roms 1,8 Millionen Staatsdiener drauf -- knapp die Hälfte des Steueraufkommens. Und weil das Fiskal-System nach Art einer Bananenrepublik funktioniert, sind Riesendefizite programmiert. Allein die Stadt Rom hat inzwischen eine Finanzlücke von fast zwölf Milliarden Mark: Schuldenrekord unter Europas Metropolen.

Und auch die riesigen Staatsfirmen produzieren vor allem Verluste -- über zwei Milliarden Mark allein 1975. Professor Giuliano Amata: »Enorme Monster.«

Im Staatsapparat wuchert das Pfründenwesen wie einst im Mittelalter. Jede Berufsgruppe kämpft verbissen um Sonderrechte, Extra-Vergünstigungen. So gibt es Top-Bürokraten, die mit 50 Jahren in Pension gehen, 200 000 Mark Abfindung und eine Monatspension von 3000 Mark kassieren -- und sich dann sogleich mit hohem Salär als »Berater« bei einem anderen Amt wieder anstellen lassen.

KP-Chef Enrico Berlinguer fordert deshalb, was zumindest theoretisch auch westdeutschen Christdemokraten leicht ins Parteiprogramm paßte: »Wir brauchen endlich eine effiziente öffentliche Verwaltung ... wir brauchen ein modernes, rationales Steuersystem. Ein gerechteres, wirksameres. moralischeres Wirtschafts- und Sozialsystem ist dringend notwendig.«

Kurzfristig braucht Rom vor allem Geld. Die nur von Touristengeldern halbwegs aufgebesserte Leistungsbilanz kam in den letzten Monaten gründlich aus dem Gleichgewicht Die Chancen der Deutschen. ihren 1974 der italienischen Notenbank überwiesenen Devisenkredit im Wert von 5,2 Milliarden Mark zurückzubekommen, stehen schlecht: Beim Fälligkeitstermin mußte Rom um Prolongation bitten.

Ratlosigkeit hat selbst die fähigsten Wirtschaftsexperten Italiens übermannt. Ex-Notenbankchef Guido Carli etwa bringt für sein Land nur noch »tiefe Traurigkeit« auf.

Auch die meisten Industrie- und Finanzmanager des Westens haben Italien und England abgeschrieben.

Um so mehr schockten sie die Krisensymptome Frankreichs, das sich noch vor wenigen Jahren anschickte, die Bundesrepublik einzuholen. Denn auch bei dem Bonn durch einen Freundschaftspakt verbundenen Nachbarn geht nicht mehr allzuviel.

Anders als Westdeutschland, wo mit Kriegsende auch manche Klassengegensätze zerbröckelten, steht Frankreich vergleichsweise dicht am Rande eines offenen Verteilungskrieges. Die Elite in Staat und Wirtschaft klammert sich an ihre ererbten Privilegien. Im Stabilitätskampf hingegen, das jedenfalls meint der sozialistische Wirtschaftsprofessor Jacques Delors, »sollen die Arbeiter bluten«.

Während Regierungschef Raymond Barre beispielsweise die Lohnerhöhungen per Regierungsbeschluß begrenzt, sieht er sich außerstande, eine Vermögensteuer für Frankreichs Reiche einzuführen. Kapitalerträge behandelt das Finanzamt milder als Einkommen aus Arbeit. Der Staat beschafft sich sein Geld überwiegend über Verbrauchsteuern und trifft so vor allem die niedrigsten Einkommensschichten.

Die Studie eines OECD-Experten verleiht Frankreich eine »Goldmedaille« für die ungerechteste Einkommensverteilung, ungerechter noch als im Ständestaat Spanien. Die 20 Prozent Spitzenverdiener in Frankreich kassieren beispielsweise fast zwölfmal mehr als die 20 Prozent Habenichtse. In der Bundesrepublik ist es das Siebenfache.

Verschreckt bekennen 73 Prozent der Unternehmer, daß sie bei den Wahlen 1978 einen Sieg der Volksfront erwarten -- und halten sich mit ihren Investitions-Dispositionen entsprechend zurück. Sie legen in diesem Jahr fünf Prozent weniger in neue Maschinen und Fabriken an als 1975, und das war bereits ein sehr schlechtes Jahr.

Zwar behauptet Regierungschef Barre: »Das Haus steht nicht in Flammen.« Doch die ständige Erosion des Franc, die unaufhaltsam steigenden Handelsbilanzdefizite offenbaren, wie sehr Frankreichs Industrie ihre Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hat.

»Die Franzosen«, ängstigt sich ein deutscher Finanzmann, »kommen ähnlich ins Schlittern wie die Briten und Italiener.«

Schlittern erst einmal alle drei, dann ist es auch um die Standfestigkeit des vierten schlecht bestellt: Die Bundesrepublik ist auf Großbritannien, Italien und Frankreich als bedeutende Abnehmerländer angewiesen. Und: »Wenn einmal dieser Export zusammenbricht«, räsonnierte unlängst ein Düsseldorfer Großbankier, »dann haben wir etliche hunderttausend Arbeitslose mehr.«

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