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»Ein Koloß im Leben und im Tod«

aus DER SPIEGEL 46/1991

Schlagkräftiger« als alle anderen sollten seine Zeitungen sein, »attraktiver und aufregender« als die ganze Konkurrenz. Autoritär und oft maßlos, wie es seine Art war, konnte der Londoner Großverleger Robert Maxwell, 68, mit einem Wink am Telefon oder am Sprechgerät ein weltumspannendes Netz von Redaktionen, Rotationen und Fernsehsendern dirigieren - Tausende Mitarbeiter in 28 Ländern.

In seinen letzten Augenblicken aber, Dienstag früh vergangener Woche, war »Captain Bob«, wie er genannt wurde, kontakt- und grenzenlos allein - ins Meer gesprungen oder abgestürzt von seiner Hochseejacht »Lady Ghislaine« vor Gran Canaria.

Das Drama auf hoher See, das womöglich stundenlange Sterben im Wasser, setzte einer dramatischen Verleger-Laufbahn ein mysteriöses Ende. »Did he jump?« fragte die Londoner Sun in der Schlagzeile des nächsten Tages. Doch selbst das Schmuddelblatt von Maxwells Erzkonkurrenten Rupert Murdoch, 60, wollte an Selbstmord nicht recht glauben.

Denn Konzernchef Maxwell galt als unerschütterlicher Steher, als harter Hund, der es als tschechoslowakischer Landarbeiter-Sohn aus ärmlichsten Verhältnissen, immer wieder gebeutelt von Krisen, zu einem der größten Medienzaren der Welt gebracht hatte - zuletzt auch zu einem der höchstverschuldeten.

»Irgend etwas in der Art, daß ihr Gatte ein Koloß im Leben und ein Koloß im Tode war«, hörte ein britischer Vizekonsul Maxwells Witwe Elisabeth sagen, die zur Abholung ihres toten Ehemannes auf die Kanaren geflogen war.

Ein Richter und der Chefankläger der spanischen Inselgruppe sprachen am Tag nach Maxwells Tod von der Möglichkeit eines Herzversagens, des Exitus noch vor dem Fall über Bord. Kenner der 55-Meter-Jacht, die Maxwell dem saudischen Waffenmillionär Adnan Kaschoggi abgekauft und nach seiner jüngsten Tochter Ghislaine benannt hatte, streiten darüber, ob ein zufälliger Sturz überhaupt möglich gewesen wäre.

Sicher ist nur, daß Schiffseigner Maxwell, als einziger Passagier, am Dienstag morgen um 4.25 Uhr zuletzt lebend von einem Besatzungsmitglied gesehen wurde, als er auf dem Deck spazierenging. Etwa 20 Minuten später rief er auf der Brücke an und bat, die Klimaanlage in seiner Kabine zu drosseln.

Nach nächtlicher Kreuzfahrt ankerte die »Lady Ghislaine« vor Los Cristianos auf Teneriffa, wo gegen elf ein Anruf für Maxwell aus New York einlief. Da erst wurde sein Fehlen bemerkt. Am Nachmittag sichtete ein Hubschrauber die nackte Leiche im Atlantik zwischen Gran Canaria und Teneriffa.

Nicht nur in britischen Medien wucherten sogleich wilde Gerüchte. Die These vom Selbstmord aus wirtschaftlicher Bedrängnis gehörte noch zu den harmloseren Spekulationen. Manche Sender und Blätter, so wiederum Murdochs Sun und danach auch die Bild-Zeitung, brüteten über der Frage, ob sich wohl ein arabischer Attentäter an Bord geschlichen habe. Denn erst Mitte Oktober hatte der amerikanische Journalist Seymour Hersh in einem Buch behauptet, Maxwell unterhalte enge Beziehungen zum israelischen Geheimdienst Mossad.

Der Verleger kündigte gegen Hersh juristische Schritte an. Zwei Unterhausabgeordnete, einen Konservativen und einen von Labour, die sich Hershs Vorwürfen angeschlossen hatten, ließ Maxwell in seiner Boulevardzeitung Daily Mirror beschimpfen, sie hätten »so viel Ehre wie ein Paar Schakale, die in einem Müllhaufen herumschnüffeln, und genau dort gehören sie auch hin« - Journalismus a la Captain Bob.

Sollte der Konflikt tatsächlich als Mordmotiv für arabische Killer ausgereicht haben, so hätten sie bei ruhiger See und klarem Himmel kaum unbemerkt an Bord der Jacht gelangen können, zumal Maxwell offenbar noch während der Fahrt vom Schiff abkam. Die vorläufige Obduktion ergab keine Anzeichen für Gewaltanwendung.

Der Verleger selbst, sagen Maxwell-Vertraute, habe die Mossad-Vorwürfe ungerührt weggesteckt und für albern erklärt. Aus seiner Verbundenheit mit Israel, wo er die Mehrheit an der Zeitung Maariv hielt und im Aufsichtsrat der Jerusalem Post saß, hat der jüdische Medienmagnat ohnehin kein Hehl gemacht. In Jerusalem sollte der Tote nach seinem letzten Willen am Sonntag begraben werden.

Welche Lesart der Todesursache sich letztlich auch durchsetzen mag, Zweifel an der Zuverlässigkeit der spanischen Justiz und Gerichtsbarkeit werden in England wohl so bald nicht verstummen - ähnlich wie hierzulande manche Medien immer wieder die schweizerischen Selbstmordurkunden nach dem Tod Uwe Barschels in Frage stellen.

So mag das widersprüchliche Bild seines Todes dazu beitragen, daß Captain Bob in der Erinnerung mancher Zeitgenossen als mythische Gestalt nach Art des Fliegenden Holländers oder des Moby-Dick-Kapitäns Ahab weiterlebt - je nachdem Stoff für ein Musical oder eine moderne Oper, Hauptrolle: Baß.

Schon das Lebenswerk des schwergewichtigen Selfmade-Mannsbilds mit der tiefen Stimme und den buschigen Brauen war voller Widersprüche. Er selbst sah sich als Großkapitalisten, der im Herzen Sozialist geblieben war, und als Wissenschaftsverleger, der um seiner Größe willen das Niveau seiner Massenpresse absenken mußte.

Die 1949 erfolgte Gründung der Pergamon Press, eines Fachverlags für Forschung und Technik, gehörte zu den Glanzleistungen seines Aufstiegs. Sein größter publizistischer Coup gelang ihm 1984 mit dem Erwerb des Labour-nahen Daily Mirror (Auflage: 3,1 Millionen). Seitdem betrachtete der gebürtige Tscheche sich als Miterben legendärer Fleet-Street-Barone wie Lord Northcliffe, Lord Beaverbrook und Lord Rothermere, die Anfang des Jahrhunderts als große Zeitungsdespoten in Britannien herrschten.

Sprunghaft wie seine Geschäftspolitik war auch Maxwells politische Einstellung. Saß er zunächst einige Jahre als Labour-Abgeordneter im Unterhaus, so bewunderte er später Margaret Thatcher für ihre Anti-Gewerkschaftsgesetze. In Israel brachte der Presseverleger die beiden von ihm beeinflußten Zeitungen auf konservativen Kurs, während der Büchermacher den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dem Druck von dessen Autobiographie beglückte.

Seine Herzenssachen ließ sich der Verleger etwas kosten. Im vergangenen Jahr steckte Maxwell, von gesamteuropäischen Gedanken beschwingt, Millionen in die wirtschaftlich hoffnungslose Gründung einer Europa-Zeitung, The European. Das Blatt liegt auf der Linie seines völkerverbindenden Sendungsbewußtseins, das ihn ständig den Kontakt zu politischen Größen suchen ließ.

Er reiste zu US-Präsident Ronald Reagan und Kreml-Chef Michail Gorbatschow, sprach mit Francois Mitterrand in Paris, Helmut Kohl aus Bonn - und mit Queen Elizabeth oder den britischen Regierungschefs sowieso. Sein Vorbild war der amerikanische Industrielle Armand Hammer, der über beste Beziehungen zum Kreml verfügte und gelegentlich auf seinen West-Ost-Reisen eine diplomatische Note im Gepäck trug.

Maxwells selbstherrliches Schwanken zwischen Zynismus und friedensbewegten Träumen war es wohl, das eine Konsolidierung seines ganz auf ihn zugeschnittenen Medienimperiums verhinderte. Gut möglich, daß das knarrende Firmengebäude von seinen Nachfolgern, den Maxwell-Söhnen Kevin, 32, und Ian, 35, nicht mehr zu stabilisieren ist und unter einer milliardenschweren Schuldenlast zusammenbricht.

Spätestens dann könnte es auch für Maxwells deutsche Partner beim Verlag Gruner + Jahr (G+J) ungemütlich werden. Mit den Hamburgern hat sich der Brite beim früheren SED-Konzern Berliner Verlag im Ostteil der Hauptstadt eingekauft. Dort läuft nicht alles so, wie sich die Halbe-halbe-Teilhaber in gesamtdeutschem Optimismus die Zusammenarbeit zunächst vorgestellt hatten.

Gegen die Konkurrenz aggressiver Billigtitel aus Westverlagen, die teils eigens für Ostdeutschland konzipiert wurden, mußten die Frauenzeitschrift Für Dich sowie zwei frühere Blätter für Außenpolitik, Horizont und Freie Welt, eingestellt werden. Besonders schmerzte die Verlagspartner Mitte Oktober das Aus für das Magazin extra, das prestigeträchtig aus der Neuen Berliner Illustrierten entwickelt worden war. Zu SED-Glanzzeiten hatte das Blatt eine Auflage von rund 800 000.

Maxwell hatte der SED-Nachfolgepartei PDS zunächst gutwillig eine Beschäftigungsgarantie für die Belegschaften gewährt, die später in eine Einkommensgarantie verwandelt wurde. Folge: Die Abfindungen, durchschnittlich 50 000 Mark, betrugen bisher schon 25 Millionen Mark; sie könnten bei weiterem Sparkurs auf 35 Millionen klettern.

Gut gehalten haben sich die Tageszeitungen, voran die Berliner Zeitung mit einer Auflage von 287 000. Zudem haben die Übernehmer nicht 400 Millionen Mark für den Verlag gezahlt, wie vermutet wurde, sondern einen Kaufpreis von 80 Millionen Mark hingelegt. Hinzu kommen allerdings die Abfindungen, notwendige Investitionen sowie Immobilienpreise, wenn die noch nicht verkäuflichen Verlagsgebäude dereinst übernommen werden können.

Durch Maxwells Tod würden »keinerlei Probleme entstehen«, versichert G+J-Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen, denn die Finanzierung sei so »gesichert, daß bisher kein Engpaß entstanden ist und auch keiner eintreten kann«. Das Management in Berlin liegt ohnehin bei G+J, im Aufsichtsrat (bisheriger Vorsitzender: Robert Maxwell) sitzt auch Maxwell-Sohn Ian.

Für die von ihm geführte Teilgesellschaft der Londoner Maxwell-Gruppe gab es letzte Woche gute Börsennachrichten. Die Maxwell-Aktien waren am Todestag des Verlegers aus dem Handel genommen worden, um einen Kurssturz zu verhindern. Die Reaktionen auf die Wiederaufnahme des Börsenhandels am Donnerstag fielen unterschiedlich aus.

Maxwell Communication Corporation (MCC), sozusagen das vergrößerte Stammhaus des Gründers, notierte binnen zwei Tagen gut 40 Prozent tiefer als zu Wochenbeginn. Das jetzt von Kevin Maxwell geführte Unternehmen gab seine Verschuldung mit 4,07 Milliarden Mark bekannt.

Die Mirror Group Newspapers dagegen, der zugekaufte Konzern des Daily Mirror, der als weniger belastet gilt, machte Boden gut. Das Papier der von Ian Maxwell geleiteten Gruppe stieg um gut 30 Prozent auf rund 3,20 Mark.

Die Financial Times errechnete allerdings eine Gesamtverschuldung der Maxwell-Betriebe von 6,4 Milliarden Mark. Die betroffenen Banken wollen nun, möglichst gemeinsam, eine »Langfristperspektive« erarbeiten, so ein Mitglied der Midland Bank. Mißlingt die Sanierung, könnte das Familienimperium dorthin zurückfallen, woher der Gründer einst gekommen war: ins Nichts.

Der naturalisierte Brite Maxwell stammte aus dem Dörfchen Solotvino in den heute sowjetischen Karpaten. Der meist arbeitslose Vater nannte seinen Neugeborenen Labji, ins Geburtsregister trug ein gut tschechischer Beamter den Namen Jan LudvIk Hoch ein. Der oft ausgehungerte Junge, der später zum reichen Vielfraß werden sollte, bekam mit acht seine ersten Schuhe und mußte mit zehn die Schule verlassen.

Seine Bildungsreise, die ihn zehn Sprachen lehrte, darunter fließend Deutsch, trat er 1939 im Widerstand gegen die Nazis an, die seine Familie im Holocaust vernichteten. In Frankreich lernte er seine Frau Elisabeth ("Betty") kennen. Feldmarschall Montgomery heftete dem Mitglied der Tschechischen Legion das Military Cross an.

Als Army-Captain Robert Maxwell vergab er im besetzten Berlin Verlagslizenzen und kehrte nach zwei Jahren als Repräsentant des Wissenschaftsverlags Springer (der nichts mit dem Großverleger Axel Springer zu tun hatte) nach England zurück. 1949 gründete der Jungunternehmer Pergamon Press in Oxford, einen Verlag mit später rund 400 Wissenschaftszeitschriften. Auf dem Gipfel seiner Karriere machten Maxwells verschachtelte Unternehmen sechs Milliarden Mark Umsatz.

Mit den Erfolgen wuchs die Protzsucht des Neureichen, mit der er sich selbst den privaten Zugang zur feinen britischen Gesellschaft versperrte. Die lautstarke Prahlerei unterschied ihn auch von dem nicht minder ehrgeizigen, aber stilsicheren Konkurrenten Murdoch, der aus einer mittelständischen Verlegerfamilie in Australien stammt.

Aufsteiger Maxwell legte sich eine Rolls-Royce-Flotte zu, landete meist mit dem Hubschrauber auf dem Dach seines Mirror-Gebäudes und renommierte mit seiner »Lady Ghislaine«, die ihm zum Totenschiff werden sollte, sie sei die weltweit teuerste Privatjacht nach der des saudischen Königs Fahd. Seine Goodwill-Reisen zu fremden Potentaten unternahm er in seinem luxuriösen Privatjet vom Typ Gulfstream II, angebliche Kosten: 30 Millionen Mark.

Zu Hause in Oxfordshire, in einem von der Kommune gemieteten Herrensitz, führte der Patriarch ein fürsorgliches, aber strenges Regiment über seine sieben Kinder. Ian und Kevin wurden zielstrebige Kaufleute und agierten »tough«, wie Geschäftspartner beobachteten, zogen aber sofort die Köpfe ein, wenn der Alte selbst dazwischenging.

Zum beruflichen Schicksal wurde dem Gründervater die geradezu wütende Rivalität mit Murdoch. Der Australier bootete Maxwell 1968 bei der Übernahme der Wochenzeitung News of the World trickreich aus. Der Unterlegene tobte über den »Sieg der Gesetze des Dschungels« in der Londoner City.

Bald darauf siegte Murdoch noch einmal beim Einstieg in die Sun, die er zur Radauzeitung umbaute und von 900 000 auf rund vier Millionen Exemplare hochpeitschte. Später griff sich Murdoch auch noch die Kronjuwelen von Fleet Street, Times und Sunday Times.

Maxwell dagegen erlitt 1969 einen schweren Rückschlag, den er, ohne einen Beweis zu haben, Murdochs Einflußnahme zuschrieb. Eine amtliche Kommission entdeckte frisierte Bilanzen bei ihm und bescheinigte Maxwell, er sei »nicht eine Person, der man die redliche Geschäftsführung einer Kapitalgesellschaft anvertrauen kann«. Der Gründer verlor den Vorstandsvorsitz bei Pergamon Press, stand fast mittellos da und brauchte Jahre, um die Kontrolle über sein Haus wiederzugewinnen.

Der Pergamon-Verlust wiederholte sich dieses Frühjahr in verschärfter Form. Die beiden alternden Feinde hatten sich über die Jahre gegenseitig in einen wahren Kaufrausch gehetzt. Murdoch zahlte 1988 für den New Yorker Verlag Triangle mit der weltgrößten Programmzeitschrift TV Guide 5,4 Milliarden Mark. Maxwell spendierte 4,3 Milliarden für den Macmillan Verlag und übernahm auch noch die New Yorker Daily News, eine marode Tageszeitung mit Millionendefizit.

Beide kauften auf Pump, auf dem Höhepunkt der US-Medienkonjunktur. Dann kam der Kater. Die Auflagen begannen zu sinken, die Zinsen zu steigen, die Preise zu krachen. Beide mußten, um ihre Kredite zu bedienen, wertvolle Unternehmensteile verscherbeln, Maxwell trennte sich von allen Fernsehsendern.

Letzten April wurde Pergamon Press für 1,3 Milliarden Mark von dem holländischen Verlag Elsevier übernommen - »Maxwells Tafelsilber«, wie ein Maxwell-Bekannter sagt, »an dem sein Herzblut hing«.

Sollte es dem harten Hund doch das Herz gebrochen haben? o

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