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MANAGER Ein Mann für ernste Fälle

Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle übernimmt die Verantwortung für den Absturz des Versicherungskonzerns und wechselt in den Aufsichtsrat. Sein Nachfolger hat sich als harter Sanierer profiliert. Und dessen Sympathie für die Konzerntochter Dresdner Bank ist begrenzt.
Von Christoph Pauly und Wolfgang Reuter
aus DER SPIEGEL 52/2002

Henning Schulte-Noelle hatte nur wenige der 20 Aufsichtsräte ins Vertrauen gezogen. Die übrigen ahnten nichts. Wie sollten sie auch?

Auf der Tagesordnung zu der Sitzung am vergangenen Mittwoch gab es zunächst nicht den geringsten Hinweis auf etwaige »Personalien«. Erst am Freitag zuvor wurde der kleine Zusatz hinzugefügt.

Wer konnte schon ahnen, dass es dabei um den Wechsel an der Spitze gehen könnte? Dass ausgerechnet der Konzernchef Henning Schulte-Noelle, für viele der mächtigste Manager des Landes, zur Disposition stehen könnte?

Kurz und knapp kündigte »S.-N.«, wie der Vorstandschef innerhalb der Allianz genannt wird, gleich nach Beginn der Sitzung um elf Uhr seinen Rücktritt an. Am 29. April, dem Tag der Hauptversammlung, werde er den Stab an einen Jüngeren übergeben - sofern das Gremium zustimme.

Perplex beobachteten die Teilnehmer, wie sich der Mann mit der sonoren Stimme und dem Schmiss auf der Wange bemühte, die Fassung zu wahren.

»Es hat ihn mitgenommen«, sagt ein Mitglied des Gremiums - dem ganz spontan ein Ausspruch des Managers in den Kopf kam: »Bauernopfer gibt es auch heute nicht«, hatte der 60-Jährige noch vor wenigen Tagen in einem Interview gesagt. Insofern ist er sich treu geblieben.

Denn mit seinem Rücktritt übernimmt Schulte-Noelle die Verantwortung für die tiefe Krise, in die Europas größte Versicherung während seiner Amtszeit geschlittert ist - nicht zuletzt wegen der hausintern umstrittenen, aber vor allem von Schulte-Noelle vorangetriebenen Übernahme der Dresdner Bank. Gleichzeitig aber kommt er wohl einer drohenden, unfreundlicheren Form des Ausscheidens zuvor.

Mit dem Wechsel an der Spitze gesteht der Konzern seine Probleme ganz offen ein - und zeigt seinen Willen, sie zu lösen: Michael Diekmann, den der Aufsichtsrat auf Schulte-Noelles Empfehlung als Nachfolger wählte, gilt als knallharter Sanierer. Das und sein Alter sprachen für den 47-Jährigen.

Diekmann steht für einen echten Neuanfang. Und der ist bitter nötig.

Die Dresdner Bank, für die die Allianz vor nunmehr eineinhalb Jahren die Unterhaltsverpflichtungen übernommen hat, belastet das Mutterhaus dramatisch - für das Jahr 2002 werden es wohl insgesamt zwei Milliarden Euro werden. Ein aus der Dresdner Bank rührender Mehrwert für die Versicherung ist bislang nicht erkennbar.

Zu lange, so analysieren Manager der Allianz, habe Schulte-Noelle bezüglich der Bank gezögert, anstatt durchzugreifen. Allzu lange habe er dem Chef des Instituts, Bernd Fahrholz, vertraut und freie Hand gelassen - was intern auf immer heftiger werdende Kritik stieß: »Das ist, wie wenn Sie mit dem Fuchs darüber diskutieren, wer den Hühnerstall ausgeraubt hat«, spottet ein Insider.

Selbst im Vorstand, dem Schulte-Noelle seit elf Jahren als starker Mann vorsitzt, gibt es mittlerweile eine Mehrheit für eine radikale Lösung des Problems »Dresdner Bank«.

Denn ohne die Bank hätte die Allianz all ihre anderen Baustellen besser managen können: Der milliardenschwere Kursverlust der Beteiligungen, die Schäden für die Flutkatastrophe oder für die Asbest-Klagen in den USA - all das hätte nicht so unvermittelt und brutal auf die Bilanz durchgeschlagen.

So aber ist in diesem Jahr das schlechteste Ergebnis in der Geschichte des Konzerns nicht mehr zu vermeiden. Der Kurs der Allianz-Aktie, einst einer der solidesten deutschen Börsenwerte, sackte zeitweise auf unter 90 Euro ab - mit Tagesschwankungen bis zu zehn Prozent.

»Es macht nicht unbedingt Spaß, sich in der nächsten Hauptversammlung mit dem schwachen Geschäftsergebnis des Jahres 2002 zu verabschieden«, sagt Schulte-Noelle. Doch er müsse wohl die eigenen Befindlichkeiten zurückstellen.

Der Mann, der sich gern als Soldat im Dienste seines Unternehmens sieht, will den Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Liesen beerben, der im nächsten Frühjahr aus Altersgründen ausscheiden wird. Im kleinen Kreis hat Schulte-Noelle schon signalisiert: »Wenn ich gerufen werde, stehe ich zur Verfügung.«

Mit Diekmann übernimmt ein ganz anderer Typ die Führung - ein Mann für ernste Fälle. Dass er hart anpacken kann, hat er gerade in den USA bewiesen. Seit Anfang des Jahres war er für das Geschäft der Allianz in Nord- und Südamerika zuständig. In diesen knapp zwölf Monaten ist mehr passiert als in dem ganzen Jahrzehnt zuvor.

Die Allianz übernahm den US-Sachversicherer Fireman''s Fund 1991, richtig Geld verdient wurde jedoch nie. Kaum war Diekmann an Bord, verabschiedete er sich von 2800 der 9000 Beschäftigten. Neben dem Präsidenten von Allianz North America drängte er auch die zweite Führungsebene nahezu komplett aus dem Unternehmen. »Die Leute haben schnell gemerkt, dass es ernst wird«, erläuterte er im Herbst die Vorteile seiner Brachialmethode, die er allerdings in Deutschland kaum anwenden wird.

Trotzdem musste die Allianz ihrer US-Tochter auch bilanziell noch einmal unter die Arme greifen. 750 Millionen Dollar wurden aus München als Vorsorge für Asbest-Risiken überwiesen. Riesige Schadensersatzforderungen von Asbest-Opfern, die bis Mitte der achtziger Jahre auch von der späteren Allianz-Tochter versichert worden waren, plagen nahezu alle US-Versicherer.

»Oftmals dienten die Asbest-Probleme als bequeme Ausrede«, erkannte der Jurist, der sich nach dem Studium als Reiseschriftsteller und Verleger ("Wildnis Privat. Der Ratgeber für Kanutouren in Kanada") versuchte und seit 1988 eine steile Karriere bei der Allianz hinlegte. Deshalb lagerte Diekmann die Altschäden mit den Asbest-Verträgen in eine Spezialeinheit aus.

Diese Vorgehensweise kopierte die Allianz inzwischen auch bei ihrem größten Problemfall, der Dresdner Bank. Dort wurden Problemkredite in Höhe von 30 Milliarden Euro in eine eigene Einheit eingebracht. Bezeichnenderweise ist dieser Kreditfriedhof, rechtlich gesehen, identisch mit dem alten Aktienmantel des traditionsreichen Instituts.

»Unser Appetit auf Risiko ist begrenzt«, sagt Diekmann über sein USA-Geschäft - und das gilt jetzt auch für den gesamten Konzern. Den amerikanischen Kollegen hatte er vorgegeben, den Umsatz im Jahr 2002 um zehn Prozent nach unten zu fahren. Die Aktienquote wurde in den USA im Frühjahr von über 20 auf 8 Prozent deutlich reduziert. »Das hat uns gut getan«, sagt der gebürtige Bielefelder trocken.

Auch als neuer Vorstandsvorsitzender wird Diekmann einen harten Sanierungskurs fahren. Seine Sympathie für die Tochter Dresdner Bank hat Grenzen. In Südamerika, seinem zweiten bisherigen Aufgabengebiet, hat er miterlebt, wie das Institut Abschreibungen in Höhe von rund 250 Millionen Euro verkraften musste.

Nun fragen sich die Allianz-Mitarbeiter, wie es mit dem Neuen an der Spitze weitergeht. Sicher scheint, dass Schulte-Noelles Abschied weitere Personalien folgen werden. »Irgendwie ist es schon bezeichnend«, sinniert ein Allianz-Manager: »Den Kauf der Dresdner Bank haben genau vier Leute ausgearbeitet« - gemeint sind Schulte-Noelle, Fahrholz, der im September gefeuerte Dresdner-Bank-Vorstand Leonhard Fischer und der für die Beteiligungen der Allianz zuständige Paul Achleitner -, »und zwei von ihnen sind schon weg.«

Die Übriggebliebenen müssen um ihren Job fürchten. Achleitner hat mit Schulte-Noelle seinen Mentor verloren - den Mann, der ihn im Jahr 2000 von der Investmentbank Goldman Sachs als Nachfolger für den Allianz-Vorstand Diethart Breipohl nach München holte. Der musste damals, angeblich aus gesundheitlichen Gründen, in den Aufsichtsrat wechseln und war darüber alles andere als glücklich. Seither hat der immer noch mächtige Breipohl eine Rechnung mit Schulte-Noelle - und mit Achleitner - offen.

Eng wird es aber auch für Fahrholz. Ihm wird vorgeworfen, der Allianz vor der Übernahme verschwiegen zu haben, wie desolat die Dresdner Bank tatsächlich ist - vor allem in Amerika: Dort hatte die Bank 20 Milliarden Dollar an mittelständische Betriebe verliehen - sieben davon sind bereits abgeschrieben, sieben weitere, so versichern Mitarbeiter, werden noch folgen.

All das wird sich der neue Chef Diekmann nicht lange ansehen. Mit dem Führungswechsel scheint sicher, dass die Bank zerschlagen wird. Abgespeckt wird sie schon jetzt: Erste Versatzstücke werden Konkurrenten bereits zum Verkauf angeboten - oder sie sollen geschlossen werden. Noch handelt es sich dabei um kleinere Beteiligungen.

Die Branche rätselt: Behält die Allianz den größten Brocken, also das Firmenkunden- und Investmentgeschäft der Dresdner Bank? Oder trennt sie sich gar von der Mehrheit am Privatkunden- und Filialgeschäft der Bank - und damit von der gesamten Allfinanz-Idee, die sich von einem Vertrieb von Versicherungs- und Bankprodukten aus einer Hand Vorteile verspricht?

»Mit Schulte-Noelle ist dieses Konzept gescheitert«, konstatiert ein Dresdner Banker, »und dass gerade Diekmann zum Nachfolger erkoren wird, spricht Bände.«

Denn der neue Chef, daran erinnern sich die Manager des Instituts mit Schrecken, war einer der schärfsten Gegner der Übernahme. Das ließ er die Dresdner Banker schon kurz nach dem Kauf des Instituts offen spüren - beispielsweise bei einer gemeinsamen Bootsfahrt zum Kennenlernen auf dem Tegernsee, wie Teilnehmer aus eigenem Erleben erzählen.

Auf der anderen Seite ist Diekmann durch und durch ein Mann der Allianz. Und dessen Vorstand hat die Allfinanz-Strategie schließlich beschlossen. Darauf pochen die Mitarbeiter der Dresdner Bank. Daran klammern sie sich.

Doch auch in der Allianz gelten Beschlüsse nicht mehr in alle Ewigkeit.

CHRISTOPH PAULY, WOLFGANG REUTER

* Bei der Ausgabe der ersten Euro-Starter-Kits in Frankfurt amMain in der Nacht zum 17. Dezember 2001.

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