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WELTWIRTSCHAFT Ein Ort der Ratlosigkeit

In Davos trafen sich die Mächtigen der Welt zum »Gipfel der Gipfel«. Sie suchten einen Ausweg aus der globalen Krise. Der Vorschlag der neuen deutschen Regierung, die »fundamentale Neuordnung des Weltfinanzsystems«, bleibt umstritten.
Von Christian Reiermann und Ulrich Schäfer
aus DER SPIEGEL 5/1999

Die Krise kam über Nacht, und sie war schlimmer als alles, was die Mächtigen der Welt an diesem Ort je zuvor erlebt hatten. »Einfach grauenerregend« sei das, stöhnte eine Begleiterin des deutschen Bundespräsidenten.

Keine globale Finanzkrise, kein Börsencrash war über Davos hereingebrochen - es war bloß Schnee, nichts als Schnee. Fast ein Meter binnen 48 Stunden. »Soviel hatten wir noch nie«, weiß Klaus Schwab, der seit 29 Jahren zum »World Economic Forum« in die Graubündener Alpen lädt.

Nichts ging mehr beim »Gipfel der Gipfel": Das Stromnetz im Kongreßzentrum fiel aus, ebenso der Helikopter-Service für wichtige Gäste - und in Davos sind alle wichtig. Die Maschinen, die bei besserem Wetter die Teilnehmer vom Flughafen Zürich Kloten in das Schweizer Bergdorf bringen, konnten nicht starten; statt dessen zwängten die Forum-Teilnehmer sich in die roten Wägelchen der Rhätischen Bahn. Oder quälten sich per Limousine über kurvige Straßen. Dreieinhalb Stunden habe er von Zürich gebraucht, stöhnte Bundespräsident Roman Herzog.

Doch wer die Welt retten will, der muß solche Mühen auf sich nehmen: 1000 Unternehmer taten es, 40 Staats- und Regierungschefs, darunter US-Vizepräsident Al Gore, Wissenschaftler, Notenbanker, Medienmogule wie CNN-Chef Ted Turner oder Weltbank-Ökonom Joseph Stiglitz.

Davos ist ein Muß. Auch für Heiner Flassbeck, Staatssekretär im Bonner Finanzministerium, zuständig für Wechselkurse, Euro und globale Krisen: Am Dienstag vergangener Woche noch in New York, am Donnerstag abend zum Vier-Augen-Gespräch mit Michel Camdessus, dem Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), in Bonn. Und ein paar Stunden später dann das Schneechaos von Davos.

Um 22 Uhr war Flassbeck gelandet, um ein Uhr am Freitag morgen fiel er müde ins Bett. Und sieben Stunden später saß Lafontaines Chefberater schon wieder auf dem Podium im Davoser Kongreßzentrum - mißtrauisch beäugt von seinen ökonomischen Gegenspielern.

»Lafontaine ist gefährlich, sehr, sehr gefährlich«, argwöhnt US-Ökonom Rudi Dornbusch. Sein Berater Flassbeck auch? »Meine Mutter«, lästerte der Professor aus Boston, »versteht genausoviel von Ökonomie.« So redet man in dem Nobel-Skiort, auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Nur wer scharf formuliert, kommt in die Medien.

»Managing the Impact of Globalization« heißt diesmal das Gipfel-Thema: Wie läßt sich der Einfluß der Globalisierung steuern? Welche Spielregeln sollen im 21. Jahrhundert für den Kapitalismus gelten? Brauchen wir, wie es die deutsche Regierung in einem geheimen Konzeptpapier fordert, »eine fundamentale Neuordnung des Weltfinanzsystems«?

19 Monate nachdem das Desaster mit der Abwertung des thailändischen Baht seinen Anfang nahm, ist noch kein Ende der globalen Krise in Sicht. Und so suchen sie in Davos wieder einmal verzweifelt nach Mitteln gegen das Virus, das fast den halben Globus infiziert hat: Rund 40 Prozent der Weltwirtschaft stecken inzwischen in der Rezession.

Therapievorschläge gegen die Krankheit der Finanzmärkte gibt es viele, ein Patentrezept ist nicht dabei. Statt dessen hatten bei den Empfängen in den feinen Hotels, in Fünf-Sterne-Palästen wie dem »Belvedere« oder dem »Zauberberg«, vor allem Schreckensvisionen Konjunktur, »doomsday scenarios«, wie sie einer nennt.

Gewiß, so bekannten viele, schlimm war es schon vor einem Jahr, doch da hieß die globale Krise noch Asien-Krise. Diejenigen, die vor zwölf Monaten warnten, daß Malaysia und Indonesien nur der Anfang seien, wurden damals als Apokalyptiker geschmäht; zwölf Monate später rechneten sie nüchtern vor, daß sie recht behalten haben: Erst erlahmte Japan, dann ging Rußland praktisch bankrott, und nun Brasilien. Die Pleite des US-Risikofonds LTCM hätte im Sommer beinahe auch den Westen in den Abgrund gestürzt.

1998, das Jahr der großen Vertrauenskrise, und keiner in Davos weiß, wie lange sie noch anhält. Davos ist ein Ort der Ratlosigkeit.

1999 könne sich durchaus alles wieder zum Guten wenden, hofft Kenneth Courtis, der Chefökonom der Deutschen Bank in Japan, wenn, ja wenn Politiker und Notenbanker die richtigen Entscheidungen treffen: Zinsen senken, Steuern runter.

Doch kaum hatte Courtis seine Zuhörer beruhigt, verschreckte er sie wieder. Künftig, so prophezeite er, werden auch die großen Währungen Achterbahn fahren, nicht nur diejenigen aus Fernost und Lateinamerika. Yen, Dollar und Euro im steten Auf und Ab - da wird den Unternehmern im Saal, die auf Export setzen, ganz schlecht. Wenn alles schiefläuft, warnte Courtis, »kann die Weltwirtschaft noch immer eine Krise erleben, so schlimm wie die Große Depression in den dreißiger Jahren«.

Rudi Dornbusch sieht ganz neue Risiken heraufziehen. Die »Billionen-Dollar-Frage« werde nicht in Rußland, nicht in Brasilien beantwortet, sondern an der amerikanischen Börse: »Kann der Dow-Jones-Index ewig steigen?« Der Dow kann es nicht. Irgendwann wird die Blase platzen, und dann könnte es vorbei sein mit dem Konsumrausch der Amerikaner, der vor allem auf ihrem gestiegenen Aktienvermögen beruht.

Gerät dann der wichtigste Wachstumsmotor ins Stottern? »Die Weltwirtschaft muß mit drei Motoren fliegen, einer hält die Maschine nicht auf Dauer in der Luft«, sagte Lawrence Summers, der amerikanische Vize-Finanzminister. Drei Motoren, das heißt für Summers: Japan und Europa müssen mehr tun.

Diese Meinung ist auch bei Europas Politikern weit verbreitet. Vor einem Jahr galt noch die Losung: Die Krise ist weit weg, der IWF und der freie Markt werden es schon richten. Doch seither hat Dominique Strauss-Kahn, der französische Finanzminister, einen »Stimmungswechsel« ausgemacht. »Jetzt wird über Dinge geredet, die früher tabu waren.« Die alte Haltung in Europa, daß jedes Land für sein ökonomisches Schicksal allein verantwortlich sei, wich dem Bestreben, stärker zu kooperieren und die Wirtschafts- und Finanzpolitik abzustimmen.

Dieser fromme Wunsch ist vor allem in Frankreich und Deutschland klar, die Details hingegen nicht: Löhne, Zinsen, Staatsschulden, Steuern - soll wirklich alles koordiniert werden? Sollen auch die Wechselkurse gesteuert werden?

Wenn es nach Heiner Flassbeck geht, dann ist auch auf den Währungsmärkten zumindest eine »geordnete Flexibilität« vonnöten. Seit drei Monaten reist er als Wanderprediger der Währungspolitik um die Welt. Es ist eine mühselige Pilgertour, die gerade bei den Amerikanern auf Skepsis stößt. Auch in den Schweizer Bergen machen sie kein Hehl daraus.

Als der Bonner Staatssekretär am Freitag morgen in Davos versucht, dem geneigten Auditorium, darunter VW-Chef Ferdinand Piëch, Regisseur Volker Schlöndorff und Ex-Schattenminister Jost Stollmann, wenigstens die Grundzüge seiner Theorie zu erklären, trommelt Lawrence Summers unruhig mit den Fingern auf den Tisch. Später merkt er spitz an, daß er nicht an »einfache Antworten« glaube.

Das ist noch höflich formuliert. US-Notenbankchef Alan Greenspan sprach unlängst von einer »glatten Illusion«, und Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer, Stammgast in Davos, bezweifelt, daß die globale Koordination wirklich funktioniert: »Die Akteure an den Finanzmärkten werden wohl kaum darauf vertrauen können, daß der amerikanische Kongreß sich ausschließlich an einem stabilen Dollar orientiert.«

Angesichts des Widerstands geben Flassbeck und seine Leute sich nach außen hin inzwischen handzahm. Zielzonen für Wechselkurse? Nie gehört. »Die Bundesregierung strebt solche auch nicht an«, wiegelt der neue Jahreswirtschaftsbericht ab, und in Interviews behauptet Flassbeck standfest, daß er das Wort Zielzone »nie in den Mund genommen« habe - ein SPIEGEL-Gespräch (43/1998) beweist das Gegenteil.

Alle Beschwichtigungen dienen offensichtlich nur einem Zweck: Sie sollen die widerstrebenden Verhandlungspartner in den G-7-Staaten, vor allem Amerikaner, Kanadier und Engländer, aber auch das skeptische Kanzleramt beruhigen. »Das ist bloß Taktik«, glaubt der US-Ökonom Fred Bergsten. Die Semantik hat sich etwas geändert, das eigentliche Ziel nicht.

In der Tat scheinen Lafontaine und seine Leute wild entschlossen, den Rest der Welt von ihren Plänen zu überzeugen; Japaner und Franzosen wähnen sie schon jetzt auf ihrer Seite. Unter der Überschrift »Einige Ideen für eine neue internationale Finanzarchitektur - eine deutsche Sicht« haben Bonner Währungsexperten längst beschrieben, wie ihr System funktionieren könnte. Sogar die möglichen Bandbreiten, in denen Dollar, Yen und Euro künftig nur noch schwanken dürfen, sind dort aufgeführt: »+/- 10 Prozent«. Als Referenzwerte »sollten die gegenwärtigen Wechselkurse genommen werden«.

Falls sich die Wechselkurse aber doch einmal ungebärdig benehmen, sehen die Währungsexperten ein abgestuftes Vorgehen vor: »Für den Fall, daß die Wechselkurse das obere oder untere Limit treffen, sollten Zwangskonsultationen der Zentralbanken und Finanzministerien stattfinden.« Mit »klaren und identischen Äußerungen« sollen Notenbanken und Politik dann den spekulativen Auswüchsen auf den Devisenmärkten begegnen.

Fruchten die Ermahnungen nichts, könnten die »monetären Autoritäten zu Interventionen gezwungen sein«, sprich: Die Zentralbanken müßten auf den Devisenmärkten die eigenen oder fremden Währungen stützen. Das sei, so schreiben die Bonner Währungsplaner, nur die »Ultima ratio«, »sie sollten aber im Arsenal der Wechselkurspolitik enthalten sein«.

Noch ist viel Überzeugungsarbeit vonnöten - rund um den Globus, aber auch bei Schröders Leuten im Kanzleramt. Doch Heiner Flassbeck glaubt, daß die Debatte um das richtige Wechselkursregime gerade erst begonnen hat.

Ähnlich sah dies in Davos der amerikanische Publizist Moises Naim: »Die Lösung dieser Frage zählt zu den großen intellektuellen Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts.«

CHRISTIAN REIERMANN, ULRICH SCHÄFER

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