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»Ein Stück aus dem Tollhaus«

Die finstere Finanz-Affäre um die Mailänder Banco Ambrosiano Ein Papst-Vertrauter als Partner verschlagener Finanz-Ganoven, ein toter Bankier unter einer Themse-Brücke, eine Geheimloge als Drahtzieher - der Fall des italienischen Banco Ambrosiano ist ein Finanz-Thriller ohne Beispiel. Müssen europäische Geldinstitute jetzt über eine Milliarde Mark als verloren ansehen?
aus DER SPIEGEL 32/1982

Der Turm rechts hinter den Kolonnaden des Petersplatzes in Rom, nach Papst Sixtus V. (1585 bis 1590) benannt, ist eine ungewöhnliche Adresse für eine Bank. Doch das Istituto per le Opere di Religione (IOR) ist keine Bank wie jede andere.

Das »Institut für die religiösen Werke« ist die Bank des Heiligen Vaters. In dem erhabenen Gemäuer stehen würdige Patres im geistlichen Gewand hinter den Schaltern. Sie obliegen ihrer satzungsgemäßen Pflicht, »Kapital, das für religiöse Werke bestimmt ist, in die Obhut zu nehmen und zu verwalten«.

Für gewöhnliche Sterbliche bleiben die Pforten des frommen Finanzinstituts verschlossen. Nur bestimmte Klassen des Klerus, Bedienstete des Vatikanstaats und dort akkreditierte Diplomaten, katholische Orden und Kirchen sowie wenige besonders verdiente Gläubige dürfen sich von den Patres das Konto führen lassen. Über ihre weltlichen Geschäfte schweigen die Väter so eisern wie über das Beichtgeheimnis.

Dieses scheinbar über jeden Verdacht erhabene Geldinstitut rückte in den letzten Wochen immer mehr in den Mittelpunkt einer unglaublich finsteren Finanzaffäre. Die Papst-Bank war Partner des Mailänder Bankiers Roberto Calvi, der im Juni erhängt unter einer Themsebrücke in London gefunden wurde. Das IOR gab dem Finanzier bei seinen dubiosen Geldverschiebungen rund um den Globus Deckung.

Rund 1,4 Milliarden Dollar hat sich Calvis Mailänder Banco Ambrosiano und seine Holdingsgesellschaft in Luxemburg mit Hilfe von Garantie-Briefen des IOR auf dem europäischen Geldmarkt gepumpt. Das Geld verschwand ähnlich unerklärlich wie Schiffe im Bermuda-Dreieck; Briefkastenfirmen zwischen Panama und den Bahamas halfen beim Inkasso der Milliarde.

Etwa 250 internationale Bankhäuser, darunter 18 deutsche Institute mit über 250 Millionen Mark, hatten Calvi die von der Papst-Bank abgesegneten Kredite gewährt. Nun sehen sich die Geld-Manager in ihrem Gottvertrauen schwer getäuscht. Der Vatikan will bisher nur für einen Bruchteil der Summe einstehen; die Calvi-Banken stehen unter staatlicher Zwangsverwaltung. Ende voriger Woche wurde die Liquidation erwartet.

Die Affäre erschüttert das System der sogenannten Eurodollar-Kredite, bei dem sich internationale Banken und Großfirmen praktisch ohne Sicherheiten, allein im Vertrauen auf gegenseitige Bonität, untereinander Geld pumpen.

Kein Bankenkrach der Nachkriegszeit reicht an den italienischen Skandal heran. Alle Zusammenbrüche von Geldhäusern in den letzten Jahren schrumpfen im Vergleich zum Fall Calvi zu harmlosen Konkursen. Der deutsche Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl über die Vorgänge in der italienischen Finanz-Szene: »Das ist ein Stück aus dem Tollhaus.«

Die unheilige Allianz zwischen Kirche und Calvi erscheint in der Tat etwas irreal. Der »Bankier Gottes« Roberto Calvi, der etwa ein Jahrzehnt dem Vatikan bei den delikatesten Finanztransaktionen diente, war zugleich Mitglied einer dubiosen Freimaurer-Loge namens Propaganda 2. Das untergründige Netzwerk der P 2 verband durch Korruption und Intrigen fast alles, was in Italien Rang und Namen hat - von der Mafia über die Industrie bis zu den Parteien, zu den Geheimdiensten und zur Justiz.

Dem Großmeister der Loge, Licio Gelli, war der katholische Bankier treu ergeben, auch bei der finanziellen Abwicklung von Waffengeschäften mit südamerikanischen Diktaturen.

Selbst als die P 2 letztes Jahr enttarnt wurde und auch Calvis Beziehungen zum Großmeister Gelli aufflogen, deckte die Vatikan-Bank noch weiter die merkwürdigen Finanz-Kunststücke. Die ominösen Garantie-Schreiben des IOR für Calvis Milliarden-Operationen datieren vom vergangenen August - Monate nach der Razzia in Gellis Villa bei Arezzo in der Toskana, als aktenweise belastendes Material über Calvi zutage kam.

In gutem Glauben können die Chefs des päpstlichen Finanz-Instituts kaum S.94 noch gehandelt haben, zu tief waren sie in Calvis Manipulationen verstrickt.

Vorletzte Woche entschlossen sich die Staatsanwälte, die gegen den Mailänder Bankier ermitteln, zu einer in der italienischen Justiz-Historie bisher einmaligen Aktion. Per Einschreibebrief forderten sie den IOR-Präsidenten, Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, und seine beiden weltlichen Manager Luigi Mennini und Pellegrino de Strobel auf, zur Vernehmung zu erscheinen.

Das vatikanische Staatssekretariat schickte die Briefe ungeöffnet an den italienischen Botschafter beim Heiligen Stuhl weiter. Schriftstücke dieser Art seien »auf dem diplomatischen Weg« zuzustellen.

Doch diese Formalie kann das Verhängnis nicht mehr abwenden: Zum erstenmal ermitteln italienische Staatsanwälte gegen einen Bischof der Kurie. Der fromme Mann steht unter dem Verdacht, an einem »Betrug unter erschwerenden Umständen« beteiligt zu sein.

Die Beschuldigung gleicht einem Sakrileg. Denn Erzbischof Marcinkus ist nicht irgendein namenloser Kleriker, sondern einer der engsten Vertrauten von Papst Johannes Paul II. Der welterfahrene Amerikaner aus Cicero bei Chicago bereitet - neben seinen Bankgeschäften - die zahlreichen Reisen des Papstes vor. Mit seiner stämmigen Figur von 1,90 Meter dient er dem Papst zudem als ständiger Leibwächter bei öffentlichen Auftritten.

Der Vatikan als Umschlagplatz dunkler Geldgeschäfte, ein Papst-Intimus als mutmaßlicher Betrüger und eine finstre Geheimloge als Drahtzieher im Hintergrund - das ist eine Geschichte fast wie aus den Zeiten der giftmischenden Borgias. Kein Krimi-Autor von Format würde sich trauen, seinen Lesern einen so phantastisch konstruierten Reißer anzubieten.

Der Fall des Bankiers Calvi allein ist schon unglaublich genug.

An einem Freitagmorgen im Juni dieses Jahres, kurz vor acht Uhr, sah der Londoner Postbeamte Anthony Huntley unter der Blackfriars Bridge in der City den Kopf eines Mannes mit Halbglatze hervorschimmern. Neugierig beugte sich der Beamte über das Geländer und machte eine gräßliche Entdeckung. An einem Gerüst unter der Brücke baumelte ein Toter, den Hals in einer Schlinge aus rotem Tau, den Körper bis zum Bauch im schmuddeligen Wasser der Themse, die Taschen des grauen Anzugs kiloweise mit Ziegelsteinen und Zementbrocken beschwert.

Im Jackett des Toten fand die Polizei umgerechnet etwa 40 000 Mark in verschiedenen Währungen und einen italienischen Paß auf den Namen Gian Roberto Calvini. Das Dokument stellte sich schnell als plumpe Fälschung heraus. Der Tote aus der Themse war der Mailänder Bankier Roberto Calvi.

Von ihren Kollegen in Italien erfuhren die Londoner Kriminalbeamten, daß ihr Fall nicht der erste mysteriöse Tod im Umkreis der Mailänder Bank ist. Fast zur gleichen Zeit, da in London der Chef des Banco Ambrosiano starb, stürzte sich dessen Privatsekretärin Teresa Graziella Corrocher aus der Vorstandsetage im vierten Stock der Bank in den Tod.

Auf ihrem Schreibtisch hinterließ die Frau einen Abschiedsbrief in roter Schrift voll bitterer Worte über ihren Vorgesetzten: »Zweimal verflucht sei er für all das Unglück, das er über uns alle von der Bank und der Gruppe gebracht hat, die einst ein so stolzes Ansehen hatte.«

Nur wenige Wochen zuvor, Ende April, hatte ein Mann aus der römischen Unterwelt versucht, den Vizepräsidenten der Bank, Roberto Rosone, zu erschießen. Rosone kam mit einer Verletzung im Oberschenkel davon. Sicherheitsbeamte der Bank hatten den Killer getötet, bevor er ein zweites Mal zielen konnte.

Auftraggeber des Attentäters, so verkündete Rosone kurz nach Calvis Tod in einem Interview, sei »ohne Zweifel« der Präsident des Banco Ambrosiano persönlich gewesen.

Das waren reichlich viel Tote auf einmal für ein Bank-Institut, zumal für eines, das seit seiner Gründung aufs engste mit der römisch-katholischen Kirche verbunden war.

Im Auftrag des Kardinals Andrea Ferrari hatte der Monsignore Giuseppe Tovini 1896 den Banco Ambrosiano gegründet. Das neue Bankhaus sollte ein kirchliches Gegengewicht gegen die mächtige Mailänder Finanzwelt schaffen. Ihren frommen Namen bezog die Bank vom Heiligen Ambrosius (339 bis 397), Bischof von Mailand, Verfasser der ersten christlichen Ethik und des »ambrosianischen Lobgesangs« ("Dich, Gott, loben wir").

Bis vor wenigen Jahren mußten Aktionäre der Bank noch einen katholischen Taufschein und eine Bestätigung über gute Führung von ihrem Pfarrer vorlegen. Die Bilanz schloß der Vorstand mit der feierlichen Formel: »Wir rufen den Schutz der göttlichen Vorsehung an.«

Das Kapital des Ambrosiano hielten über Jahrzehnte so ehrwürdige kirchliche Einrichtungen wie das Pontifikal-Institut für die Äußere Mission, das Institut der Töchter vom heiligen Herzen Jesu, das Erzbischöfliche Seminar von Mailand sowie die Vatikanbank IOR und rund 38 000 gläubige Kleinaktionäre.

In diesem weihevollen, aber weltfremden Bankhaus begann Roberto Calvi 1947 eine unauffällige Karriere. Das Bankgewerbe hatte Familientradition. Vater Calvi war leitender Angestellter bei der italienischen Großbank Comit. Calvi junior, 1920 geboren, lernte nach der Schule Buchhaltung und begann 1939 an der Mailänder Universität ein Wirtschaftsstudium.

Sein Studium konnte Roberto Calvi nicht beenden. 1941 mußte er zum Militär. Als Oberleutnant der Kavallerie schlug er sich, wie die offiziöse Chronik seines Regiments lobend vermerkt, tapfer an der russischen Front.

Unversehrt bis auf einen abgefrorenen Zeh kehrte Calvi aus dem Krieg zurück. Sein Vater brachte ihn zunächst bei einer Filiale seiner Bank in Bari unter. Doch in der vielstufigen Hierarchie der Großbank rechnete sich Calvi offenbar keine großen Chancen aus. Das bescheidene Institut des heiligen Ambrosius, von ergebenen Dienern der Kirche ohne viel S.95 Bankerfahrung geführt, bot einem energischen jungen Mann wie Calvi schnellere Aufstiegsmöglichkeiten.

Auf seinem ersten Posten als einfacher Angestellter in der Auslandsabteilung hatte Calvi nicht viel zu tun - die Geschäfte der verschlafenen Bank gingen kaum über die lombardische Provinz hinaus. Aber der strebsame Jung-Banker wechselte bald auf eine günstigere Startposition für den Weg nach oben, ins Generalsekretariat der Bank unter dem altgedienten Direktor Carlo Alessandro Canesi.

Der penible Canesi, der jeden Morgen säuberlich die neuesten Kontostände der wichtigsten Klienten in sein Notizbuch eintrug, stieg mit den Jahren bis an die Spitze des Bankhauses auf. Sein getreuer Assistent Calvi folgte ihm dabei unauffällig und in gemessenem Abstand. Stets ruhig, immer sorgfältig und ernst, fest im katholischen Glauben, fügte sich Calvi in den Rahmen des christlichen Instituts. Seine einzige Extravaganz war ein breitkrempiger Hut auf der Halbglatze.

1971 hatte der Aufsteiger sein Ziel fast erreicht. Er wurde Generaldirektor des Banco Ambrosiano, der zweite Mann nach dem Präsidenten Canesi, der bald zur Pensionierung anstand. Und nun, der alte Herr ließ seinem designierten Nachfolger freie Hand, entwickelte Calvi eine dem kirchlichen Bankhaus bisher fremde Dynamik.

Er gründete eine Tochtergesellschaft in Luxemburg, jenem Staat zwischen Deutschland und Frankreich, der mit seinen weitherzigen Bankgesetzen in den siebzigern viele Geldhäuser anlockte.

Die Compendium S. A., später in Banco Ambrosiano Holding umbenannt, gebar sogleich weitere Töchter: eine Ultrafin International Corporation in New York, eine Ultrafin AG in Zürich und die Cisalpine Overseas Bank, später Banco Ambrosiano Overseas auf den Bahamas. Innerhalb von drei Monaten hatte die fromme Provinz-Bank an den wichtigsten Plätzen der Hochfinanz Ableger gepflanzt.

Daheim war der neue Bank-Chef nicht minder eifrig. 1973 erwarb der Ambrosiano die Mehrheit an der italienischen Versicherungsgesellschaft Toro Assicurazioni in Turin. Zu dieser Gruppe gehören drei weitere Versicherungsgruppen, Immobiliengesellschaften und einige kleinere Banken. Die Toro ist die sechstgrößte Versicherung des Landes und kassiert 300 Milliarden Lire (5,4 Milliarden Mark) an Prämien. Und noch im gleichen Jahr kaufte er sich auch die Bank Credito Varesino ein.

Als nächstes verleibte Calvi seiner Bank die Centrale ein, eine der bedeutendsten Finanz-Holdings Italiens, etwa vom gleichen Format wie die Holding der Fiat-Familie Agnelli, die Ifi. Zur Centrale zählte auch eine weitere große Bank, die Banca Cattolica del Veneto.

Im letzten Jahr schließlich kaufte Calvi in einem aufsehenerregenden Coup die Mehrheit an der »Rizzoli SpA«, zu der die größte Zeitung Italiens, der Mailänder »Corriere della Sera«, und zahlreiche andere Blätter wie das Wirtschaftsmagazin »Il Mondo« und die Südtiroler Tageszeitung »Alto Adige« gehören.

Der Erfolg des unauffälligen Bankiers war erstaunlich. 1970 verwaltete der Banco Ambrosiano Kundengelder in Höhe von rund 500 Milliarden Lire. Ende 1981 waren es, die übrigen Banken-Beteiligungen mitgerechnet, 14 000 Milliarden Lire (25 Milliarden Mark). Der Ambrosiano war zur größten privaten Bank Italiens aufgestiegen.

Mit schierer Geschäftstüchtigkeit ließ sich die wundersame Wandlung des verschlafenen Kirchen-Instituts zu einem weltweiten Finanz-Imperium nicht bewerkstelligen. Da hatte es schon Mittel bedurft, die alles andere als gottgefällig waren.

Roberto Calvi zeigte von Anfang an wenig Skrupel in der Auswahl seiner Geschäftspartner. So konnte ein gewisser Michele Sindona, ein skrupelloser Finanz-Ganove, sein wichtigster Helfer werden.

Der gelernte Anwalt und Steuerberater hatte in den sechziger Jahren eine ähnlich wundersame Bank-Karriere gemacht wie später Calvi. Dem Sizilianer gehörten unter anderem die Banca Privata Italiana in Mailand und die Finabank in Genf. Sindona agierte, wie dann auch Calvi, als Finanz-Berater der Vatikan-Bank IOR und erfreute sich des Wohlwollens von Erzbischof Marcinkus. Durch Sindonas Mittlerdienste verlagerte das IOR einen Teil seines in Italien angelegten Kapitals in die USA.

Hinter einer untadeligen Fassade wickelte Sindona finstere Geschäfte ab. Seine Banken dienten als Geldwaschanlage der Mafia. Die Einnahmen der Organisation aus Heroinhandel und Erpressungen wurden durch Sindonas in- und ausländisches Banken-Netz geschleust und schließlich in sicheren, legalen Geschäftszweigen wie etwa der Immobilienbranche angelegt.

Sindonas eigenes Finanzierungssystem war ebenso simpel wie wirkungsvoll. Er plünderte die seinen Banken anvertrauten Konten, um sie auf eigene Rechnung in Finanzspekulationen einzusetzen. Die Methode versagte erst, als er denselben Trick wie in Italien auch in den USA versuchte. 1980 wurde er in New York wegen Betrügereien mit der von ihm übernommenen und in den Konkurs getriebenen Franklin National Bank zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Mit der Pleite der Franklin-Bank im Herbst 1974 krachte auch sein italienisches Finanz-Gebäude zusammen. Den Konkursverwalter von Sindonas Banca Privata, Giorgio Ambrosoli, erschossen im Juli 1979 drei Killer; Ambrosoli hatte offenbar schwerwiegendes Belastungsmaterial gegen den Finanzbetrüger entdeckt. Die Mailänder Staatsanwaltschaft ist daher sicher, daß Sindona der Auftraggeber war.

Mit diesem zwielichtigen »Mittler zwischen der Neuen und der Alten Welt«, wie Sindona sich selber nannte, schloß Calvi 1969 einen heimlichen Beistandspakt. Bei einem Essen am Weihnachtsabend in der römischen Wohnung des Anwalts Umberto Ortolani wurde der Plan zwischen den beiden Finanziers besiegelt: Calvis Karriere in dem Banco Ambrosiano sollte mit den guten Beziehungen von Sindona zum Vatikan gefördert S.96 werden. Im Gegenzug versprach Calvi, bei den Finanz-Transaktionen Sindonas diskret mitzuhelfen.

Mentor dieses Gespanns war der ebenfalls anwesende Großmeister der Geheimloge P 2, Licio Gelli, assistiert von seinem Vize, dem Anwalt Ortolani, der Gastgeber bei besagtem Abendmahl war. Die gemeinsame Mitgliedschaft der beiden katholischen Finanzexperten in der finsteren Bruderschaft verlieh dem Deal die nötige Festigkeit. Gelli mit seinen Beziehungen zu den Parteien würde für die nötige Deckung der Aktionen auf politischer Ebene sorgen.

Die erste Operation der neuen Partner verlief allerdings noch nicht ganz nach Wunsch. Sindona wollte die Mehrheit an der großen Holdinggesellschaft Bastogi, zu der unter anderem der Chemie-Konzern Montedison gehört, an sich bringen. Calvis Ambrosiano sollte dabei Hilfestellung leisten. Doch die etablierten Banken Mailands blockierten den Angriff; Sindona erreichte nicht die Majorität des Kapitals und gab auf.

Besser klappte es bei einem weiteren Börsenmanöver, bei dem es um die alte Aktiengesellschaft Pacchetti ging. Dieses Unternehmen beschäftigte sich eigentlich mit der Ledergerberei. Durch einige Zukäufe von anderen Firmen möbelte Sindona die Firma zu einem scheinbar zukunftsträchtigen Konglomerat auf; zugleich manipulierte er den Börsenkurs in die Höhe. Dann wurde das ganze zum Doppelten des ohnehin schon überhöhten Börsenkurses an eine obskure Holding namens Zitropo verkauft.

Hinter diesem Erwerber steckte über die Calvi-Neugründung Banco Ambrosiano Andino in Lima der Banco Ambrosiano. Für Sindona war es, wie er später einem Vertrauten erzählte, »das größte Geschäft meines Lebens«. Netto blieben ihm aus der Transaktion 40 Millionen Dollar. Bezahlt haben das, durch den hochgeschraubten Übernahmepreis der Zitropo beziehungsweise des Banco Andino beziehungsweise des Banco Ambrosiano, am Ende die Aktionäre der Mailänder Kirchenbank.

Für Calvi selbst fiel durchaus etwas dabei ab. Aus dem Gewinn des Manipulationsgeschäfts, so berichtete später der ehemalige Sindona-Vertraute Carlo Bordoni einem Reporter der italienischen Zeitschrift »L''Espresso«, habe Sindona »Provisionen von etwa sieben Millionen Dollar an Calvi und Marcinkus gezahlt«.

Das Schmiergeld für Calvi war die Anerkennung dafür, daß er bei dem »Pacchetti«-Deal mitspielte. Die Dollar für den amerikanischen Bischof an der Spitze der Vatikanbank sollten offenbar bewirken, daß Marcinkus für die Erfüllung einer seltsamen Zusatzklausel sorgte, die der Vertrag über den Verkauf der Pacchetti-Aktien enthielt.

Die Vatikanbank IOR, so der Inhalt dieser zusätzlichen Vereinbarung, sollte Calvis Ambrosiano ihr Aktienpaket an der Banca Cattolica del Veneto übertragen.

Auf den ersten Blick ist kaum verständlich, was diese Vereinbarung über Aktien aus dem Vatikanbesitz in einem Vertrag zwischen den beiden Finanzjongleuren Sindona und Calvi zu suchen hat. Die Erklärung kann nur sein: Als Gegenleistung für Calvis Hilfe bei dem Pacchetti-Handel sicherte Sindona dem Partner zu, sich mit Geld und guten S.97 Worten bei Marcinkus für den Verkauf der Banca Cattolica einzusetzen.

Auf Fragen nach dem Wahrheitsgehalt der Anschuldigung, er habe via Calvi Schmiergeld von Sindona kassiert, hat Erzbischof Marcinkus bisher beharrlich geschwiegen. Nur soviel ist klar: Am Ende dieser Transaktion zählte auch die Banca Cattolica zu Calvis Gruppe.

Als Sindonas Banken und Finanzgesellschaften 1974 zusammenfielen, hatte Calvi offenbar schon genug gelernt, um auch ohne den Partner weitermachen zu können.

Calvi verkaufte Anteile an Unternehmen, die dem Ambrosiano gehörten, an Briefkastenfirmen in Liechtenstein und in der Schweiz, die über die Ambrosiano-Beteiligung Banco Gottardo in Lugano zu seiner Gruppe gehörten. Später kaufte die Bank diese Aktienpakete dann zu einem weitaus höheren Preis wieder zurück. Die Differenz zwischen dem niedrigeren Verkaufspreis und dem höheren Rückkaufpreis war nichts anderes als ein versteckter Kapitalexport. Calvi verletzte damit das Devisen-Ausfuhrverbot, daß einen solchen Kapitalexport verbot.

Es dauerte noch geraume Zeit, bis Calvis heimliche Kooperation mit dem Finanzbetrüger Sindona und seine illegalen Devisengeschäfte ruchbar wurden, bis sich das Bild vom cleveren, aber tugendhaften Bankier Gottes trübte.

Die ersten Andeutungen über mögliche Unregelmäßigkeiten gab es 1977. Am Morgen des 3. November klebten überall im Mailänder Bankenviertel weiß-blau-gelbe Plakate an den Wänden, unterzeichnet von einem ominösen »Kontroll-Komitee für öffentliche Einrichtungen«. Calvi habe sich, so der Inhalt der Anschläge, im Zusammenhang mit dem Verkauf von Gesellschaften der Sindona-Gruppe »zweistellige Millionen-Beträge in Dollar auf Schweizer Nummernkonten, die ihm und seiner Frau persönlich gehören, überweisen lassen«.

In schöner Präzision nannten die unbekannten Plakat-Autoren Beträge und Kontonummern: 4 823 000 Dollar für die (gescheiterte) »Operation Bastogi«, 3 278 689,02 Dollar für die »Aktion Zitropo« auf die Konten mit den Decknamen »Ehrenkranz und Ralkov G21« bei der Credit Suisse in Zürich und die Nummern 618934 und 619112 bei der Schweizerischen Bankgesellschaft in Chiasso.

In einem Großeinsatz ließ Calvi von Ambrosiano-Angestellten die Plakate sofort nach Arbeitsbeginn wieder von den Wänden reißen.

Die Angaben des Pamphlets, so stellte sich später heraus, stammten von jemandem, der es genau wissen mußte. Sindona selber hatte den italienischen Journalisten Luigi Cavallo, den Herausgeber eines auf Enthüllungen spezialisierten Informationsdienstes, mit Material versorgt.

Es kam noch schlimmer für Calvi: Der Journalist Cavallo schickte einen Brief mit zusätzlichen Details an den Chef der italienischen Bankenaufsicht.

Das alles war die Rache des Finanzbetrügers Sindona dafür, daß Calvi ihm beim Zusammenbruch seiner Gruppe nicht zur Hilfe geeilt war. Entnervt reiste Calvi schließlich zu Sindona, der - noch auf freiem Fuß - in New York im Hotel Pierre residierte. Offenbar fanden die beiden Finanziers wieder zueinander, denn die Kampagne gegen Calvi hörte auf.

Doch im folgenden Frühjahr wurde es ernst. Ein Trupp Inspektoren der Bankenaufsicht quartierte sich in Calvis Mailänder Zentrale ein und filzte sieben Monate lang die Akten und Bücher. Die Kontrolleure kümmerten sich zwar nicht weiter um die Schmiergeld-Vorwürfe. Aber über Calvis Devisenschiebungen verfaßten sie einen peniblen Rapport von über 500 Seiten.

Der Weg dieses Berichts durch die Instanzen war lang. Erst wurde der mit der Affäre befaßte Mailänder Staatsanwalt Emilio Alessandri von Linksterroristen erschossen. Seinem Nachfolger Luca Mucci wurde die Sache nach einigen Monaten wieder entzogen. Angeblich hatte er das Dienstgeheimnis verletzt; der Vorwurf stellte sich später als offenbar ungerechtfertigt heraus. Die Steuerfahndung zeigte sich bei angeforderter Amtshilfe ausgesprochen unlustig. Die Schweizer Banken, anscheinend gut über Details der Ermittlungen in Italien informiert, behinderten die Untersuchung geschickt.

Der schleppende Verlauf des Verfahrens konnte kein Zufall sein. Calvis Großmeister Gelli war über jeden Schritt der Behörden auf dem laufenden und traf entsprechende Vorbeugemaßnahmen.

Erst im März letzten Jahres fiel Calvis Schutzpatron aus. Bei den Ermittlungen in Sachen Sindona machte die Polizei eine überraschende Razzia in Gellis Villa bei Arezzo. Der Großmeister, sicherlich vorgewarnt, konnte sich gerade noch nach Südamerika retten, sein Vize Ortolani setzte sich nach Genf ab.

Sein aufschlußreiches Geheimarchiv mußte Gelli zurücklassen. Die Polizisten fanden eine Mitgliederliste der Bruderschaft - darunter Minister, Generäle, Abgeordnete, Industrielle - und streng vertrauliche Geheimdienstberichte über die nationale Sicherheit. Die Entdeckung dieser Unterlagen führte zum Sturz der Regierung Forlani.

Nebenbei fanden die Beamten in Gellis Dossiers zahlreiche Notizen über Calvis geheime Geschäfte. Ein Gerichtsverfahren war nun nicht mehr zu vermeiden. S.98 Calvi und fünf weitere Beschuldigte wurden verhaftet. Schon nach wenigen Wochen erging das Urteil: vier Jahre Gefängnis und 15 Milliarden Lire (27 Millionen Mark) Strafe für Calvi wegen Devisenvergehens.

Doch zugleich verfügte der Richter auch die Haftentlassung des Bankiers - das Urteil war noch nicht rechtskräftig, denn natürlich gingen die Anwälte in die zweite Instanz.

Calvi brauchte seine Bewegungsfreiheit: In der Bank war Dringendes zu erledigen. Die Inspektoren der Bankenaufsicht hatten eine weitere Spur aufgenommen - die verschlungenen Wege der Dollar-Millionen in Richtung Südamerika. Calvi mußte schnell etwas unternehmen, um den lädierten Ruf seiner Bank zu reparieren.

Dazu bot sich einmal das eigene Zeitungs-Imperium der Presse-Gruppe Rizzoli an, das Calvi noch kurz vor seiner Verhaftung übernommen hatte. Dazu schien aber auch ein gut beleumdeter neuer Gesellschafter bestens geeignet.

Einige Monate nach der Entlassung verkaufte Calvi daher dem angesehenen Industriellen Carlo De Benedetti einige Prozent-Anteile an dem Ambrosiano und machte ihn zum Vizepräsidenten. Benedetti, Mitbesitzer und Chefmanager im Büromaschinen-Konzern Olivetti, gilt als politisch unabhängig und als geschickter Sanierer - für Calvi das ideale Aushängeschild.

Der Industrielle seinerseits rechnete sich wohl aus, daß Calvis Tage als Bankpräsident gezählt seien und er selber dann die volle Herrschaft über dessen Imperium übernehmen könnte.

Doch bei näherer Bekanntschaft mit Calvis Finanzwelt wurde es Benedetti bald unheimlich. Nähere Auskünfte über Besitz- und Beteiligungsverhältnisse im Ausland, die dem erfahrenen Manager seltsam vorkamen, verweigerte der Bankier kühl. Als Benedetti weiter insistierte, antwortete Calvi mit dunklen Drohungen: »Paß auf, in Rom bereiten welche von der P 2 ein Dossier über dich vor.«

Nach nur zwei Monaten gab der Industrielle Aktien und Amt wieder ab.

Nur einer hielt unerschüttert seine schützende Hand über Calvi: der Erzbischof Marcinkus von der Vatikanbank.

Nach der Verurteilung des Bankiers im vergangenen Sommer waren offenbar einige seiner Gläubiger, die der Mailänder Zentrale des Ambrosiano und der Luxemburger Holding Millionen an Eurodollar gepumpt hatten, unruhig geworden. Calvi ging seinen Gönner im Vatikan um Hilfe an.

Unter dem Briefkopf des Instituts für die religiösen Werke stellte der Erzbischof am 27. August 1981 eine lange Liste von Firmen auf, die »direkt oder indirekt vom IOR kontrolliert werden«. Unter anderem besitze das IOR 30 Prozent der Luxemburger Ambrosiano-Holding, sechs Prozent von Rizzoli, ebenfalls sechs Prozent der Banca del Gottardo - alles Anteile, von denen bisher kein Außenstehender gewußt hatte.

Am merkwürdigsten nahmen sich unter dem Patronat des päpstlichen Bankinstituts etliche obskure Briefkasten-Firmen in Panama und auf den Bahamas aus - wie etwa die Belrosa, Bellatrix oder World-Wide Trading Inc. An diese seltsamen Adressen waren über Calvis Banco Andino in Peru die vielen Eurodollar geflossen.

Ausdrücklich stellte Marcinkus sich namens des Vatikans hinter diese Kreditaufnahme: »Gegenwärtig nimmt das Istituto per le Opere di Religione zur Kenntnis, daß zwischen diesen von ihm kontrollierten Gesellschaften und des Banco Andino eine Schuld von 1,2 Milliarden Dollar besteht.«

Mit diesem Garantie-Schein aus Rom beruhigte Calvi fürs erste seine Geldgeber: Die internationalen Banken faßten den Brief als Sicherheits-Erklärung der Vatikanbank auf. Sie gaben sogar noch etwa 200 Millionen Dollar weitere Kredite. Mit der Miene des frommen Spendensammlers versicherte Calvi: »Es ist doch nicht für mich, sondern es geht über die Schwelle des Heiligen Stuhls.« Die Finanziers wußten nicht, was sich hinter der schönen Garantie verbarg. Calvi hatte dem Erzbischof nicht nur Wort für Wort das Garantie-Schreiben vorformuliert, sondern mit einer eigenen Erklärung die Verpflichtungen der Vatikanbank wieder aufgehoben:

»Es bleibt vereinbart«, schrieb er dem Erzbischof am Schluß seiner Instruktionen, »daß das IOR von jedem Schaden oder jeder Belastung, die für es entstehen können, freigestellt ist, weil diese Gesellschaften vollständig zum Bereich des Banco Ambrosiano gehören.«

Diesen denkwürdigen Brief zog Marcinkus tatsächlich hervor, als die staatlichen Zwangsverwalter des Banco Ambrosiano nach dem Verschwinden von S.99 Calvi im letzten Juni bei ihm vorstellig wurden und die Einlösung der Garantie forderten. Denn inzwischen waren, im Juni, rund 200 Millionen Dollar der Euro-Kredite zur Rückzahlung fällig. In Südamerika war das Geld nicht mehr aufzutreiben. Allem Anschein nach muß sogar die gesamte Summe der mittlerweile auf etwa 1,4 Milliarden Dollar angewachsenen Euro-Schulden als verschollen angesehen werden.

Calvis Freistellungsbrief in der Hand, lehnte Marcinkus kühl jede Verpflichtung aus dieser Transaktion ab. Allenfalls 250 Millionen Dollar, so ließ er schließlich gnädig wissen, würde der Vatikan vielleicht zur Deckung beitragen.

Einen so dreisten Dreh könnte sich kein weltlicher Banker ungestraft leisten: Der Erzbischof der Vatikanbank täuschte die internationale Hochfinanz mit Kredit-Garantien, für die er im Ernstfall nicht einzustehen gedenkt.

Strafrechtliche Folgen hat Marcinkus nicht zu fürchten. Der geistliche Würdenträger genießt als Vatikan-Diplomat Schutz vor der italienischen Justiz. Und auch der Papst scheint auf seinen bewährten Leibwächter und Quartiermeister nicht verzichten zu wollen. Trotz aller Gerüchte über eine bevorstehende Entlassung ist Marcinkus weiterhin in seinem Amt als Präsident des IOR. Ungerührt ob der ganzen Affäre pflegt der Monsignore im Golfclub Aquasanta sein Bankier-gemäßes Hobby mit gewohnt sicherem Schlag (Handicap 5).

Die einzige bisher erkennbare Konsequenz des Vatikans aus der Affäre: Eine Kommission aus drei älteren Herren, die der katholischen Kirche treu ergeben sind, soll die Geschäfte des IOR untersuchen. Die italienische Bankenaufsicht hat bei dem Institut im Vatikanstaat keinen Zutritt.

Die Calvi-Affäre offenbart erstaunliche Lücken bei der Kontrolle weltweit operierender Banken. Die Vatikanbank, die mit der Garantie ihres Präsidenten Marcinkus die Milliarden lockermachen half, ist ein Institut ohne externe Aufsicht, ohne veröffentlichte Bilanzen. Auch die Luxemburger Ambrosiano-Tochter untersteht als Holding-Gesellschaft nicht den Bankenaufsichten. Und Holdings dieser Art haben fast alle italienischen Banken in Luxemburg.

Noch eine Schwäche wurde offenbar, die eigentlich für behoben galt. Im Herbst 1974 hatten die Großbanken der Industrieländer abgesprochen, daß sie für Euro-Kredite ihrer Bank-Töchter an Finanzplätzen wie Luxemburg im Zweifel genauso einstehen würden, wie wenn die Muttergesellschaften selber die Gelder aufgenommen hätten.

Doch nach dem Krach um den Ambrosiano lehnte das Auffang-Konsortium, das sieben italienische Banken für Calvis Mailänder Institut gebildet haben, die Verantwortung für alle über Luxemburg gelaufenen Kredite - etwa die Hälfte der verschwundenen 1,4 Milliarden Dollar - entschieden ab: Die Ambrosiano-Tochter in dem Großfürstentum sei keine Bank, sondern eine Holding.

Die Empörung der anderen Euro-Banker ist einmütig. »Eine Art Grundspielregel scheint nicht mehr zu gelten«, klagt Volker Burghagen von der Dresdner Bank in Luxemburg. Sein Kollege von der dortigen Tochter der Bank für Gemeinwirtschaft, Hans Feustel, fürchtet: »Dann kommt der ganze Bankplatz Luxemburg in Verruf.«

Einige Euro-Banker drohen nun damit, weitere Kredite für italienische Banken zu blockieren und die bestehenden Kreditlinien zu verringern.

So offenkundig die schädlichen Folgen der Calvi-Affäre sind - seltsam im dunkel bleibt, wer außer den Signori Calvi und Sindona aus dem Milliarden-Schwindel eigentlich den Nutzen gezogen hat. Wem gehören nun wirklich die Briefkasten-Firmen in Panama und auf den Bahamas, bei denen die Eurodollar versickerten? Dem Vatikan, wie der trügerische Garantie-Brief des Erzbischofs versichert? Oder dem Ambrosiano, wie Calvi in seinem Geheimbrief an Marcinkus andeutet?

Vermutlich stimmen beide Versionen. Etwa ein halbes Dutzend dieser seltsamen Firmen wurde von dem Banco Ambrosiano Overseas Limited in Nassau/ Bahamas gegründet, wie ein Reporter der »Financial Times« herausfand. Direktoren dieser Bank waren Gründungs-Geschäftsführer der Briefkastenfirmen, von dieser Bank erhielten die bei den Formalien beteiligten Anwälte in Panama ihre Instruktionen.

Daß aber auch das IOR mitmischte, läßt sich daraus schließen, S.100 daß im Verwaltungsrat der Nassauer Ambrosiano-Bank Erzbischof Marcinkus saß - sein einziges offizielles Amt im Ambrosiano-Bereich. Erst nach dem Verschwinden Calvis legte Marcinkus eilig dieses Mandat nieder.

Zumindest drei der Briefkasten-Firmen waren wiederum an der Mailänder Ambrosiano-Zentrale beteiligt - mit etwa elf Prozent des Aktienkapitals, weit mehr als der offiziell angegebene Anteil der Vatikanbank am Banco Ambrosiano von unter zwei Prozent.

Versuchte Marcinkus über die Briefkasten-Firmen seinen Anteil an der Ambrosiano-Bank zu erhöhen? Und, wenn dem so war, warum wählte er die unerforschlichen Wege über die Karibik?

Möglich auch diese Variante: daß die Vatikanbank mit ihrem Namen nur die Privatgeschäfte von Calvi deckte, der sich über die südamerikanischen Ableger vielleicht selbst in den Besitz des Banco Ambrosiano bringen wollte.

Calvi hat diesen Verdacht, der während des Prozesses wegen Devisenvergehens aufkam, weit von sich gewiesen - vielleicht mit Recht. Als der Verlauf der Verhandlung für Calvi immer ungünstiger wurde und er sich von allen einflußreichen Freunden verlassen fühlte, ließ er eines Nachts die Staatsanwälte in seine Zelle im Gefängnis von Lodi rufen. Er habe Wichtiges mitzuteilen.

Im Verlauf dieses Verhörs vernahmen die Beamten Calvi auch zu seinen Beziehungen zu den P2-Größen Gelli und Ortolani. Unvermittelt brach der Bankier, dem immer eiskalte Augen nachgesagt wurden, in Tränen aus: »Ich bin das letzte Rad am Wagen, versucht das zu verstehen. Der Banco Ambrosiano gehört nicht mir. Ich stehe nur im Dienste eines anderen.«

Dann fing sich der Angeklagte wieder: »Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

Ein kleines Indiz, juristisch nicht verwertbar, veranlaßte die Staatsanwälte, die Offenbarung nicht als Ausweichmanöver abzutun. Wenn Calvi log, wußten sie aus langen Verhören, fing sein Schnurrbärtchen an zu zittern. Diesmal war es trotz aller Nervosität ganz ruhig.

Sollte an den dunklen Andeutungen wirklich etwas Wahres sein, dann könnte Calvi damit nur einen als Hintermann und eigentlichen Besitzer des Banco Ambrosiano gemeint haben: seinen Meister Gelli von der Geheimloge P2.

Die Vorstellung ist abenteuerlich genug. Doch immerhin würde verständlich, warum die Dollar-Millionen just zu einem Zeitpunkt in die Karibik verschwanden, als auch Gelli sich nach Südamerika absetzen mußte.

Natürlich paßt zu dieser Krimi-Auflösung auch das schreckliche Ende unter der Themsebrücke. Nur die nüchternen Londoner Leichenbeschauer konstatierten mangels äußerer Gewaltanwendungen oder Drogeneinfluß den schlichten Selbstmord eines Bankrotteurs.

Der italienische Untersuchungsrichter Domenico de Sica ermittelt weiter wegen Mord, und die Zeitungen des Landes malen das Szenario aus: Die Hinrichtung eines Logenbruders, der zuviel wußte - unter der Blackfriars-Brücke, der Brücke der »schwarzen Brüder«, und mit Mauersteinen in der Tasche, wie bei Freimaurern nicht anders zu erwarten.

Auch das schwarze Schnurrbärtchen, das nicht gezittert hatte, als Calvi über seinen Hintermann redete, war ab.

S.96mit Italiens größter Tageszeitung »Corriere della Sera« und weiterendreizehn Verlagen und Publikationen*S.991982 im Stadion der nigerianischen Hauptstadt Lagos.*

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