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STROM Eindeutig meßbar

Die DDR will bundesdeutschen Strom kaufen - schwierig bleibt die Bezahlung. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Im Frühjahr hatte Erich Honecker den Frost des Winters noch nicht vergessen. Interessiert erkundete er bei seinem Messegast in Leipzig, dem Bonner Wirtschaftsminister Martin Bangemann, ob der allwinterlichen Energiekrise in der DDR nicht mit einem Stromstoß aus dem Westen beizukommen sei.

Der Liberale brachte Fachleute des DDR-Staatsratsvorsitzenden mit den Stromhändlern der Hannoveraner Veba-Tochter PreussenElektra zusammen. Seither verhandeln Sozialisten und Kapitalisten über einen für beide Seiten vorteilhaften Verbund der Systeme - offenbar mit Erfolg.

Honecker hat, wenn er nächste Woche nach Bonn kommt, eine »Absichtserklärung« über den Stromhandel im Gepäck. Politisch ist auch von Bonner Seite alles klar. Problematisch ist nur noch der Preis: Die DDR will möglichst wenig in harter Währung bezahlen.

Seit Jahren gerät die DDR in jeder längeren Frostperiode in Energienot. In ihren Kraftwerken wird hauptsächlich die eigene, wasserhaltige Braunkohle verfeuert. Die Brennstoffvorräte in den Stromfabriken reichen zum Teil nur für eineinhalb Tage. Wenn es friert, stockt der Abbau, oft müssen Soldaten der Nationalen Volksarmee in Sondereinsätzen helfen.

Das Problem verschärft sich noch, weil die DDR-Führung, beeindruckt von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, die Ausbaupläne für Kernkraftwerke drastisch zurückgestutzt hat. Der projektierte Zusatzbedarf an Strom ist mit Braunkohle allein nicht zu decken.

Die Kapazitäten sind ausgereizt, und die Umweltbelastung aus den Schloten der Kohlekraftwerke ist jetzt schon unerträglich. Im vergangenen Winter bezog die DDR Strom aus der Tschechoslowakei und Österreich. Außerdem kaufte sie zusätzlich Öl ein.

Ein geregelter Elektrizitätshandel mit einem bundesdeutschen Stromkonzern wäre auf jeden Fall billiger als die Notkäufe. So richtig erfreulich aber könnte ein Stromvertrag für die DDR werden, wenn deren Berlin-Pläne gelingen.

West-Berlin erzeugt seinen Strom selbst, in meist kleinen, zum Teil veralteten Kohlekraftwerken. Die meisten dieser Kraftwerke müssen in den nächsten Jahren mit viel Aufwand modernisiert oder durch Neubauten ersetzt werden, um den in Berlin relativ häufigen Smogalarm zu verhindern. Einen Teil der Kosten könnten die Berliner sparen, wenn auch sie Strom aus dem Bundesgebiet bezögen.

Bisher waren solche Pläne stets am Sicherheitsbedürfnis der Stadt gescheitert. Berlin-Politiker fürchteten, die DDR-Kommunisten könnten ihnen eines Tages die Stromzufuhr kappen.

Inzwischen jedoch spielen solche Sorgen kaum noch eine Rolle. Die Berliner würden sich sofort auf Stromkäufe aus dem DDR-Netz einlassen. Zur Sicherheit wollen sie für diesen Fall ihre dann nicht mehr benötigten Dreckschleudern nur einmotten.

Die Bereitschaft der DDR Bundes-Strom für West-Berlin in Überlandleitungen über ihr Staatsgebiet zu transportieren, entspringt ökonomischer Einsicht. Für die Dienstleistung kann Ost-Berlin der PreussenElektra ein Wegegeld in D-Mark abfordern und damit einen Teil des für eigene Zwecke benötigten Stroms bezahlen.

Je mehr Strom die DDR aus der Bundesrepublik bezieht, desto sicherer können sich zudem die West-Berliner fühlen. Es ergäbe sich eine gegenseitige Abhängigkeit, die ein Abschalten der Stromzufuhr als politische Repressalie zu einem riskanten Spiel machte.

Phantasievolle Experten denken sogar schon weiter. Die Braunkohle-Kraftwerke liegen im Süden der DDR. Der Strom aber wird zum großen Teil im Norden gebraucht. Wenn die DDR mit ihrem Südstrom West-Berlin versorgte, im Norden aber Weststrom aus der Steckdose käme, würden Leitungsverluste vermieden.

Weil die Vorteile für alle Seiten so auf der Hand liegen, geben Fachleute im Bonner Wirtschaftsministerium einem Stromverbund heute mehr Chancen als früheren Projekten der Ostpolitiker und Osthändler. In den 70er Jahren hatte die bundesdeutsche Kraftwerk Union darüber verhandelt, im sowjetischen Kaliningrad (Königsberg), in Polen oder in der DDR ein Kernkraftwerk zu bauen. Bezahlt werden sollte die westliche Aufbauleistung mit Stromlieferungen. Die Pläne scheiterten aus politischen und ökonomischen Gründen.

Inzwischen hat sich im deutsch-deutschen Verhältnis vieles getan. Seit Oktober 1985 fließt sowjetisches Erdgas nach West-Berlin, in einer Pipeline, die von der CSSR über DDR-Gebiet führt. Bisher läuft das Geschäft reibungslos.

Am Donnerstag der vergangenen Woche schließlich nahm Postminister Christian Schwarz-Schilling auf der Internationalen Funkausstellung die erste Glasfaser-Verbindung zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet in Betrieb. Auf dem Streckenabschnitt zwischen Salzwedel und Staaken fertigten DDR-Monteure die »Kommunikations-Autobahn« (Schwarz-Schilling) für 35 Millionen Westmark.

Ganz ähnlich wie bei dem anvisierten Stromverbund sind auch bei diesem Geschäft die Vorteile für die DDR eindeutig meßbar: Ihre Post bekommt jährlich für Betrieb und Unterhaltung des Kabels 6,2 Millionen Mark.

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