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Handel Eine ganze Menge Holz

Der Handelsriese co op ist total überschuldet. Wenn die Banken nicht auf weitere Milliarden verzichten, muß am Dienstag Konkurs angemeldet werden.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Monoton wiederholte Aufsichtsratschef Hans Friderichs vergangene Woche bei zahllosen Krisensitzungen immer wieder die gleiche Formel: Der schwerangeschlagene Handelskonzern co op sei »sanierungsfähig und sanierungswürdig«.

Doch alle beschönigenden Floskeln helfen nicht mehr. Die Wahrheit sieht anders aus, als der ehemalige Bundesminister, als co-op-Sanierer eingesetzt, die Öffentlichkeit glauben machen will. »Die co op«, sagt ein hochrangiger Frankfurter Banker, »ist stehend k.o.«

Wenn die Gläubigerbanken nicht auf viel Geld verzichten, muß der Vorstand der co op AG noch in dieser Woche beim Amtsgericht in Frankfurt Konkurs anmelden. Der Handelsriese mit 2200 Märkten und voraussichtlich etwa neun Milliarden Mark Umsatz im laufenden Jahr ist völlig überschuldet. Wenn die Manager den Gang zum Konkursrichter zu lange hinauszögern, laufen sie Gefahr, wegen eines Verstoßes gegen das Konkursrecht belangt zu werden.

Die Frist läuft seit dem 22. August. Bei den Arbeiten an der Konzernbilanz 1988 waren die Wirtschaftsprüfer von Treuarbeit und Treuverkehr auf gewaltige Fehlbeträge gestoßen. Zwischen Vermögenswerten und Schulden des Unternehmens klaffte am 31. Dezember 1988 eine Lücke von 2,63 Milliarden Mark. Inzwischen hat sich das Loch auf 2,729 Milliarden Mark vergrößert.

Rechnet Friderichs eigene Mittel der co op AG von 576 Millionen dagegen und streicht die 789 Millionen Mark an Schulden ab, auf die einige Gläubigerbanken bereits verzichtet haben, so ergibt sich derzeit eine Unterdeckung von rund 1,3 Milliarden Mark.

Dieses Loch, so schreibt es das Aktiengesetz vor, müssen die Eigentümer innerhalb von drei Wochen weitgehend stopfen.

Die Eigentümer, das sind seit Ende vergangenen Jahres mit einem Anteil von 78 Prozent vier ausländische Bankhäuser: die niederländische Amro Bank, der Schweizerische Bankverein, die Security Pacific National Bank sowie die Svenska Handelsbanken. Aufgeregt machten sich deren Vorstände Ende August im In- und Ausland auf die Suche nach einem Käufer. Zur Sitzung am Freitag vergangener Woche hofften sie, dem Aufsichtsrat einen neuen Eigentümer präsentieren zu können.

Doch daraus wurde nichts. Zwar gibt es zahlreiche Bewerber für Teilbereiche des Konzerns. So interessieren sich die Handelshäuser Asko, Metro und die französische Carrefour-Gruppe für die unter dem Namen plaza laufenden SB-Warenhäuser. Auf regionale Teile der Supermarktkette sind Rewe-Leibbrand, Tengelmann und Spar scharf.

Doch die Banken suchten einen Käufer, der das marode Unternehmen komplett übernimmt. Deutsche Handelskonzerne, das hat Kartellamtschef Wolfgang Kartte der Branche klargemacht, scheiden da schon aus Gründen des Kartellrechts aus. Und von den vielen im Ausland angesprochenen Unternehmen zeigte nur die belgische Supermarktkette Grand Bazar vorsichtiges Interesse. Unter dem enormen Zeitdruck mochten die Belgier allerdings keine bindende Zusage geben.

So blieb den Eigentümer-Banken vorerst nichts weiter übrig, als nach anderen Wegen zu suchen, um die gewaltige Überschuldung abzudecken. Am Donnerstag abend vergangener Woche verschickten sie an die 143 Gläubigerbanken per Telefax ihr »umfassendes Sanierungskonzept«. Eine Sanierung, heißt es darin, sei nur möglich, wenn sämtliche Banken der co op 80 Prozent ihrer Schulden erlassen. Die restlichen Forderungen sollen bis Ende 1990 gestundet werden.

»Das ist eine ganze Menge Holz«, meint ein Frankfurter Banker, denn nun müßten die Geldinstitute weitere knapp 1,3 Milliarden Mark ihrer an die co op gegebenen Kredite abschreiben, nachdem sie bereits im Februar auf einen beachtlichen Teil ihrer Forderungen verzichtet haben.

Viel Zeit zum Überlegen bleibt ihnen nicht: Die Erklärungsfrist endet am »Montag, den 11. September 1989 um 16 Uhr (Frankfurt-Zeit)«, heißt es in dem Schreiben der Eigentümer-Banken vom Donnerstag. Akzeptieren die Banken den Forderungsverzicht nicht, so sei »der Vorstand der co op AG gezwungen, ohne schuldhaftes Verzögern, spätestens jedoch am Dienstag, den 12. September 1989, den Konkurs anzumelden«.

Eine »Konkursquote für ungesicherte Gläubiger«, heißt es drohend in dem Schreiben, sei dann »ausgeschlossen«. Zu deutsch: Bei einer Pleite sind die Banken ihr ganzes Geld los. »20 Prozent«, umschrieb am Freitag abend ein Banker die Stimmung eines Teils der Gläubiger, »ist immer noch besser als null Prozent.«

Andere Banken, die das co-op-Engagement in ihren Bilanzen schon weitgehend aufgefangen haben, würden wohl eher den harten Weg gehen. Sie sind den Hickhack leid und möchten am liebsten nach dem alten Banker-Grundsatz handeln: bloß weg mit Schaden. f

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