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MILLIARDÄRE Einfach Coupons schneiden

Wie einst die Rockefellers, Vanderbilts und Carnegies beherrschen die Pews aus Philadelphia noch heute einen Milliarden-Konzern. Der Öffentlichkeit sind sie so gut wie unbekannt.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Jedesmal, wenn an der New Yorker Börse der Kurs der Sunoco-Aktie nur um einen Punkt fällt oder steigt, wird John Howard Pew, 89, um 1,5 Millionen Dollar ärmer -- oder reicher.

Der Greis aus Philadelphia ist einer der wohlhabendsten Männer der Welt. Allein sein Aktienbesitz bei der Sun Oil Company (Sunoco), Amerikas zwölftgrößtem Ölkonzern (28 000 Beschäftigte; 6,5 Milliarden Mark Jahresumsatz), ist -- zum gegenwärtigen Marktpreis berechnet -- 300 Millionen Mark wert. Über Familienstiftungen und die weitverzweigte Verwandtschaft, der er wie ein absoluter Fürst vorsteht, herrscht Pew sogar über ein Wirtschafts-Imperium im Wert von rund 2,5 Milliarden Mark.

Obwohl die Pews über ähnlichen Reichtum und Einfluß verfügen wie die Fords, Rockefellers oder Du Ponts, sind sie der amerikanischen Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Bevor jetzt die »New York Times« eine größere Untersuchung über die Pews veröffentlichte, hatte es drei Jahrzehnte lang keinen zusammenfassenden Bericht über die zurückgezogen lebende Milliardärsfamilie gegeben.

Das letzte Zeitungsinterview gab der Patriarch vor etwa einem Jahr: Auf die Fragen des Reporters ließ Pew seinen Sekretär eine Rede heraussuchen, die er 1938 gehalten hatte. Anschließend erklärte er die Audienz für beendet.

Die Herrschaft über den 26 Mitglieder umfassenden Familien-Clan übt John Howard Pew mit Hilfe seiner beiden Schwestern Mary Ethel Pew, 87, und Mabel Pew Myrin, 82, aus. Sie verfügen zusammen über den größten Teil der Pew-Milliarden. Das ältliche »Triumvirat«, wie die Führungsspitze familienintern genannt wird, sind die einzigen überlebenden Kinder des 1912 verblichenen Sunoco -Gründers Joseph Newton Pew.

Aus ihrer Jugendzeit, den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, stammen auch die meisten der politischen, gesellschaftlichen und religiösen Ansichten der älteren Pews. So spricht John Howard Pew, »in religiösen Dingen ein Fundamentalist, der die Bibel wörtlich nimmt« (so die »New York Times"), den Kirchen jedes Recht ab, sozialpolitisch tätig zu werden.

Seit eh und je gehören die Pews zu den großen Finanziers der konservativen Republikanischen Partei. Millionen von Dollar sind seit Anfang des Jahrhunderts in die Wahlkampf-Kassen der republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten von Theodore Roosevelt bis Richard Nixon geflossen.

Dem alten Pew werden sogar Verbindungen zur rechtsextremistischen, negerfeindlichen John Birch Society nachgesagt. Zwar dementierte der Nabob energisch, jemals Mitglied des rassistischen Vereins gewesen zu sein. Aber seine langjährige Freundschaft mit Robert Welch, dem Gründer der John Birch Society« ist unbestritten. Auch war Pew lange Zeit Aktionär der Robert Welch, Inc., dem publizistischen Arm der John Birch Society, und diente überdies der »American Opinion«, dem Propaganda-Organ der ultrarechten Vereinigung, als Beirat.

über rhythmisch wiederkehrende Mode-Erscheinungen urteilt der Patriarch manchmal scheinbar progressiv: So ist der seit Jahren nahezu kahlköpfige alte Pew von der langen Haartracht der Hippies geradezu begeistert -- freilich nur, weil seinen Vater einst ein üppiger Haarschopf schmückte.

Freunde, die John Howard Pew kürzlich besuchten, berichten, daß es dem alten Herrn, der 35 Jahre die Geschicke der Sunoco leitete, nicht sonderlich gut gehe. Er verlasse, so wissen sie zu erzählen, selten sein Anwesen in Ardmore nahe Philadelphia und bewege sich -- wenn überhaupt -- nur am Stock fort.

Pew hat deshalb die täglichen Geschäfte des Konzerns an angestellte Manager abgegeben. Sechs Mitglieder der Pew-Familie tragen die Verantwortung dafür, daß alles seinen Wünschen entsprechend geschieht.

Andere Mitglieder der Familie haben sich dem starren Regiment ihres Oberhauptes dadurch entzogen, daß sie einen Beruf erlernten -- andere wiederum dadurch, daß sie aus der näheren Umgebung des Familien-Bosses flohen.

So verbringen die -- vornehmlich jüngeren -- Pews ihre Tage als Studenten, Rechtsanwälte, Bankiers oder Ingenieure. Einige begnügen sich damit, so die »New York Times«, »einfach Coupon-Schneider zu sein«.

Richard H. Pew, 28, Junggeselle und Sohn des Sunoco-Direktors Jack Pew, 69: »Ich habe keine Ahnung von dem ganzen Ausmaß des Vermögens, wie es angelegt ist oder was davon liquide ist. Das einzige, was ich weiß, ist: Ich bin Aktionär der Sun Oil Company.«

Resümiert die »New York Times": »Mit 42 Prozent der Sunoco-Aktien im Familienbesitz werden die Pews bei Sun Oil noch lange eine Rolle spielen.«

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