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Bremer Vulkan Einfach zugreifen

Ex-Vulkan-Chef Hennemann verspielte eine Milliarde Mark mehr, als bisher bekannt war. Das Geld stammt aus der Staatskasse.
aus DER SPIEGEL 18/1996

Als nichts mehr ging, flüchtete Heinrich Hornef in die Offensive: Wenige Tage nach dem Vergleichsantrag des Bremer Vulkan stellte der Präsident der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) Strafantrag gegen den Vorstand des Werften-Verbundes.

Der Öffentlichkeit präsentierte Hornef auf einer Pressekonferenz beeindruckende Zahlen: 1,5 Milliarden Mark habe der Konzern zur Sanierung der vier ostdeutschen Schiffbaubetriebe von der Treuhand erhalten, 854 Millionen davon seien im Westen verschwunden.

Das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich kostet die Affäre Vulkan den deutschen Steuerzahler weit mehr, als die Verantwortlichen zugegeben haben: Der Bremer Konzern hat nach der Übernahme der Ostwerften weitere 975 Millionen erhalten, von denen bisher nie die Rede war.

Fast 2,5 Milliarden Mark - und nicht, wie offiziell behauptet, 1,46 Milliarden - flossen nach der Übernahme der Ostbetriebe in die Kasse des Werften-Konzerns. Das Geld hielt den Verbund, der wahrscheinlich schon zum Zeitpunkt der Vereinigung so gut wie pleite war, einige wenige Jahre künstlich am Leben.

Nun ist es weg, verspielt vom ehemaligen Vulkan-Chef Friedrich Hennemann, der seinen Visionen vom maritimen Superkonzern nachjagte und dabei die betriebswirtschaftlichen Grundregeln vernachlässigte. In den nächsten Tagen muß Hennemanns kurzzeitiger Nachfolger Udo Wagner den Konkurs beantragen - und sich dann einen neuen Job suchen (siehe Kasten Seite 120).

In einem hatte es Hennemann in seinen Jahren als Vulkan-Chef zur Meisterschaft gebracht: in der Kunst, immer wieder flüssige Mittel herbeizuschaffen. Die Treuhand machte ihm dieses Geschäft allerdings auch leicht, sie stattete die Ostwerften, um sie loszuwerden, überreichlich mit Bargeld aus.

Der Vulkan-Chef wollte das Geld von Anfang an in seine Bremer Konzernkasse lenken. Die Treuhand sei mit der Anlage der Mittel im sogenannten zentralen Cash-Management des Konzerns nicht einverstanden gewesen, heißt es in einem als vertraulich gekennzeichneten Papier des Bundesfinanzministeriums für den Haushaltsausschuß des Bundestages. Der Vulkan habe es allerdings abgelehnt, diesen Punkt im Privatisierungsvertrag ausdrücklich zu regeln.

Dabei blieb es dann auch, die Treuhand leistete keinen Widerstand. Der Bericht aus dem Hause Theo Waigel erklärt dies mit der »schwachen Verhandlungsposition« der Treuhand im Poker um die Privatisierung der Ostwerften.

Wenn für die Zahlungen noch die Genehmigung aus Brüssel fehlte, war auch das kein Problem. Dann wurden sie, so das Papier des Finanzministeriums, vorab »darlehensweise ausgereicht«.

Die knapp 1,5 Milliarden Mark an offiziellen Hilfen sollten die Investitionen in Ostdeutschland finanzieren, aber auch die laufenden Verluste abdecken. Ferner gab es Steuergelder zur Stärkung des Eigenkapitals und für Sozialpläne, da die Belegschaften stark schrumpfen sollten.

Was sonst noch floß, steht in keiner Statistik. Es findet sich versteckt in den Kaufverträgen der Ostbetriebe und, noch besser verborgen, in den Papieren der BvS.

Die Herkunft dieses Geldes rührt noch aus Zeiten vor der Währungsunion vom 1. Juli 1990. Das Vermögen des ehemaligen Schiffbaukombinats mit all seinen Produktions-, Zuliefer- und Servicebetrieben bestand damals nicht nur aus harter West-Mark, die auf den Konten lagen, sondern vor allem aus Sachwerten.

Vielerorts an der Ostsee, auf Peene und Elbe lagen zu dieser Zeit Schiffe, teils seefertig, teils im Bau. Es waren schwimmende Fischfang-Fabriken und Frachter für die Sowjetunion, aber auch Container- und Fahrgastschiffe für Reeder im Westen. Alle waren sie bestellt, aber noch nicht abgeholt und schon gar nicht voll bezahlt.

Zusätzlich gab es fest vereinbarte Aufträge für zwei bis drei Jahre aus DDR-Zeiten. Wegen der damaligen Devisennot lagen die Preise allerdings weit unter den Kosten.

Solche Altlasten machten den Ostwerften beim Übergang in die Marktwirtschaft schwer zu schaffen. Doch dann trat der Staat für alle Forderungen ein - und die alten Aufträge wurden für den neuen Eigentümer der Werften zur reichlich sprudelnden Geldquelle.

Vermarkter der Schiffbau- und Reparaturaufträge war damals der AHB Schiffscommerz, einer von 49 Außenhandelsbetrieben, die in der DDR jeglichen Im- und Export der offiziellen Staatswirtschaft regelten. Der AHB Schiffscommerz gehörte bis Januar 1992 zum ehemaligen Kombinat, das zum 1. Juli 1990 in eine Aktiengesellschaft, die Deutsche Maschinen- und Schiffbau AG (DMS), umgewandelt worden war.

Mit der Währungsunion übernahm die Treuhand den Schiffscommerz-Betrieb - und befahl, wie bei fast allen Außenhandelsbetrieben, dessen stille Liquidation.

Zum Liquidator bestimmte die Treuhand den Münchner Anwalt Karl Tynek, der sich plötzlich »als Deutschlands größter Reeder« sah. Ihm präsentierten die DMS-Werften - auch die, die nicht an den Vulkan gingen - ihre Rechnungen aus den Altaufträgen: insgesamt über zwei Milliarden Mark.

Die Werften mußten sich allerdings noch eine Weile gedulden, bis die Gelder eintrafen. Erst seit Sommer 1992 konnte Tynek die Rechnungen Stück für Stück begleichen. Bis Anfang 1995 jedoch, so bestätigte die BvS dem SPIEGEL auf Anfrage, waren die »Verbindlichkeiten aus den Schiffsaufträgen« im wesentlichen bezahlt.

Um an das Geld zu kommen, mußte Tynek die Milliarden zunächst teuer am internationalen Kapitalmarkt finanzieren - mit Zinsen, die deutlich über den Marktzinsen lagen.

Die Vulkan-Betriebe bekamen den größten Teil dieser Mittel, die Stralsunder Volkswerft erhielt allein 944,8 Millionen Mark. Die Volkswerft mußte davon allerdings 12,6 Millionen für erhaltene Leistungen an andere ehemalige DMS-Unternehmen weiterleiten, aber auch 510,9 Millionen an die DMS-Holding (siehe Grafik).

Mit der halben Milliarde konnte die DMS mühelos ihre Verbindlichkeiten begleichen: Mit der Übernahme durch den Vulkan waren die Ostwerften praktisch schuldenfrei - ganz so, wie es auch die Kaufverträge vorsahen.

Zum Übergabestichtag 31. Oktober 1992 lagen also als Geschenk für den Vulkan 414,3 Millionen Mark freie Liquidität auf den Konten der Stralsunder Volkswerft: Hennemann mußte einfach zugreifen.

Der ehemalige Vulkan-Chef kann sich an den Geldsegen allerdings nicht erinnern. Mit den AHB-Mitteln seien die Werften entschuldet worden, der Rest habe dazu gedient, die Verluste des alten Auftragsbestandes auszugleichen. Mehr sei nicht geflossen, behauptet Hennemann.

Mit Aufträgen, die zu nicht kostendeckenden Preisen akquiriert worden waren, lassen sich die gewaltigen Summen jedoch nicht erklären. Insgesamt sammelte sich auf den Konten der ostdeutschen Schiffbaubetriebe - nach Abzug aller Verrechnungen untereinander - ein Guthaben von 975 Millionen Mark an.

Dieses Geld hat mit den Beihilfen in Höhe von 1,46 Milliarden Mark, über die BvS-Präsident Hornef die Öffentlichkeit unterrichtete, nichts zu tun, sie müssen zu dieser Summe addiert werden. Insgesamt standen dem Bremer Vulkan seit 1992 also 2,435 Milliarden Mark zur Verfügung.

Und die wurden auch ausgegeben, wie sich indirekt aus den Erklärungen der BvS ergibt: 918 Millionen Mark wurden investiert, 854 Millionen flossen vertragswidrig in den Westen. Das sind schon 1,772 Milliarden Mark - mehr als der Vulkan offiziell erhalten hat. Zusätzlich aber mußten noch das Eigenkapital gestärkt, künftige Verluste ausgeglichen und Sozialpläne gezahlt werden - am Ende ergibt sich fast genau jene Summe, die dem Vulkan an offiziellen Beihilfen und durch die Netto-Zahlungen des AHB Schiffscommerz zufloß (siehe Grafik Seite 118).

Dank dieser großzügigen Lösung konnte Vulkan-Chef Hennemann sein gesamtes Ost-Abenteuer aus der Steuerkasse finanzieren - und die Verluste aus dem Westen dazu. Am Ende hat es alles nichts genützt: Der Konkurs ist unausweichlich.

Ein Mann allerdings wird an der Schiffscommerz-Lösung noch länger Freude haben: Liquidator Tynek. Ihm stehen aus der Abwicklung der alten Schiffsverträge 14,5 Millionen Mark Honorar zu. Y

[Grafiktext]

Staatsgelder für die Ost-Werften - was der Vulkan damit machte

Forderungen v. Unternehmen der Deutschen Maschinen- u. Schiffbau

an d. Außenhandelsbetrieb Schiffscommerz

[GrafiktextEnde]

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