Einigung in Tarifstreit Mehdorn und die Kunden - die größten Verlierer des Bahnkampfs

Er spielt den Zufriedenen, doch innerlich dürfte Hartmut Mehdorn vor Wut schäumen. Nach einem Jahr Tarifstreit hat der Bahn-Chef den Lokführern notgedrungen in allen zentralen Punkten nachgegeben. Der Friede im Konzern ist trotzdem keineswegs gesichert - und für die Kunden wird's teuer.


Hamburg - Die Freude genoss Claus Weselsky in aller Stille zu Hause. Das geplante Festmahl zur Feier des Tarifeinigung mit den übrigen GDL-Oberen war kurzfristig abgesagt worden - "wir waren einfach zu erschöpft", sagt der Vizechef der Lokführergewerkschaft. "Das holen wir aber nach."

Grund zum Feiern gibt es allemal. Ein Großteil der Bahnkunden ist zwar hochgradig genervt von den renitenten Lokführern, die in dem rund einjährigen Tarifstreit mit der Bahn eine Einigung nach der anderen platzen ließen. Doch am Ende haben sich Weselsky und seine Mitstreiter durchgesetzt.

Bahn-Chef Mehdorn, GDL-Chef Schell: "Glücklich" mit versteinerter Miene
Getty Images

Bahn-Chef Mehdorn, GDL-Chef Schell: "Glücklich" mit versteinerter Miene

Dabei ging es längst nicht mehr um die Frage nach Arbeitszeiten und Gehaltssteigerungen. Auf elf Prozent Lohnerhöhung und das Streichen der 41. Wochenstunde hatten sich GDL und Bahn schon vor Wochen verständigt.

Stur und ohne jede Aussicht auf eine Einigung feilschten Konzernvorstand, GDL und die Konkurrenzgewerkschaften Transnet und GDBA aber weiter um eine einzige Frage: Wie unabhängig darf die GDL in künftigen Tarifrunden sein?

"Sehr, sehr weitgehende Beschneidung der Grundrechte"

Der Bahn-Vorstand wollte sich gleich doppelt vertraglich absichern: Der Konzern forderte ein Abkommen über die künftige Zusammenarbeit der drei Konkurrenzorganisationen - nur so könne die "Konflikt und Widerspruchsfreiheit" des "Gesamtarifwerks" garantiert werden, wiederholte Personalvorstand Magret Suckale stoisch. Vor einem solchen Kontrakt werde man das Tarifabkommen mit den Lokführern nicht unterschreiben.

Obendrein entwarf der Konzern noch einen "Grundlagentarifvertrag", den die GDL unterschreiben sollte - und den der Bonner Arbeitsrechtler Gregor Thüsing nüchtern mit den Worten beschreibt: "Er hätte eine sehr, sehr weitgehende Beschneidung der Grundrechte der Gewerkschaft bedeutet." Unter anderem beanspruchte die Bahn das Recht für sich, Tarifforderungen zurückzuweisen, die dem reichlich vagen Wunsch des Konzerns nach Konfliktfreiheit nicht genügten.

Von den hohen Ansprüchen (die die GDL als "absurd" und "kabarettistisch" verwarf) ist nicht mehr viel geblieben. Einen Grundlagentarifvertrag haben nun zwar sowohl die Lokführer als auch die Konkurrenzgewerkschaften Transnet und GDBA unterschrieben. Allerdings ist der fünf Seiten lange Bahnentwurf auf zwei Blätter zusammengeschrumpft.

Die GDL will reden - Transnet besteht auf Verbindlichkeit

Und der Inhalt hat mit den ursprünglichen Wünschen der Bahn nur noch wenig zu tun: Die Gewerkschaften erkennen die Zuständigkeiten der Konkurrenzorganisationen an. Außerdem verpflichten sie sich grundsätzlich, einen Kooperationsvertrag abzuschließen. Allerdings erst irgendwann einmal - ein Datum wird nicht genannt. Und "der Inhalt bleibt ebenfalls offen", sagt Arbeitsrechtler Thüsing.

Im Klartext: Es hängt nun allein von den Organisationen ab, ob die schon 2009 anstehende nächsten Tarifrunde ähnlich polternd verläuft wie die gerade abgeschlossene. Und es ist unwahrscheinlich, dass diese sich bald schriftlich über ihr künftiges Miteinander einigen.

Auch wenn sowohl Transnet als auch GDL beteuern, man sei frohen Mutes: Das letzte Treffen zu dieser Frage platzte nach nicht mal einer halben Stunde. Die Positionen scheinen unüberbrückbar. Die Transnet beharrt für künftige Runden auf gemeinsame Positionen, die notfalls auch per Schiedsverfahren gefunden werden sollen. Die GDL will im Streitfall alleine vorpreschen können.

"Ob das zustande kommt, das ist abzuwarten"

Keine 24 Stunden nach der feierlichen Einigungszeremonie im Bahn-Tower gab sich Lokführer-Chef Manfred Schell in einem Interview auch schon wieder gewohnt unverblümt. Während Bahn-Personalvorstand Margret Suckale noch fleißig den "langfristigen Frieden zwischen den Gewerkschaften" beschwor, sagte Schell nüchtern, man werde sich mit Transnet über gemeinsame Forderungen für 2009 unterhalten. "Ob das zustande kommt, das ist abzuwarten."

Der Münchner Arbeitsrechtler Volker Rieble fürchtet, die GDL könne künftig "ein Fass nach dem anderen aufmachen" und immer neue Ansprüche stellen. "Zumal das Unternehmen quasi eine Monopolstellung hat - und die Konkurrenz auf dem Markt damit die Forderungen der Gewerkschaften nicht diszipliniert."

Sein Bonner Kollege Thüsing dagegen wiegelt ab. Der Ruf der Krawallmacher hänge den GDLern zu Unrecht an: "In der Vergangenheit haben sie sich immer wieder kooperativ gezeigt." Die Gewerkschaft habe "erreicht, was sie wollte", sagt er.

Ein Zeichen, dass er Recht hat, ist das Zugeständnis der GDL, auf die tarifliche Vertretung von Schaffnern und Zugrestaurant-Mitarbeitern vorerst zu verzichten. "Das gilt, so lange der Grundlagentarifvertrag gilt, und das ist bis 2014", sagt Vizechef Weselsky.

Mehdorn braucht endlich Ruhe im Konzern

Dass der Gewerkschafter glänzender Laune ist, ist ihm dennoch anzuhören. Ganz anders wirkte da Bahn-Chef Hartmut Mehdorn gestern Abend. Seine versteinerte Miene, mit der in die Fernsehkameras erklärte, wie "glücklich" er über die Einigung sei, sprach Bände.

Mehdorn war schlicht in der Zwickmühle, glaubt der Journalist und Bahnexperte Markus Wacket: Er braucht endlich Ruhe im Konzern. Denn eigentlich hat er gerade ein ganz anderes Problem zu bewältigen: Er muss den ohnehin schon wackeligen Börsengang des Konzerns endlich voranbringen. "Das Zeitfenster wird immer kleiner, wenn das noch in dieser Legislaturperiode passieren soll", sagt Wacket, dessen Buch über den holprigen Weg des Konzerns an den Aktienmarkt morgen erscheint. In einem Wahljahr werde eine politisch derart brisante Frage ganz sicher nicht entschieden.

Der größte Verlierer in der Auseinandersetzung sei aber trotzdem nicht Mehdorn, gibt Arbeitsrechtler Rieble zu bedenken: "Zumindest die Kosten des Abschlusses werden sicher an die Kunden weitergereicht."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.