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WARENHÄUSER Einkauf im Doppel

Neckermann, vor Jahren kurz vor der Pleite, macht wieder Gewinn. Will Großaktionär Karstadt sich jetzt noch stärker beteiligen?
aus DER SPIEGEL 15/1980

Drei Jahre lang mühte sich Karstadt-Vorstand Bernhard Schröder, den angeschlagenen Neckermann-Konzern »wieder auf Vordermann zu bringen«. Jetzt sorgt er sich, daß der Erfolg seiner Bemühungen ans Licht kommt.

»Wir stehen noch immer ohne Rücklagen da«, klagt Schröder. Aber als Karstadt Mitte 1976 Neckermann übernahm, stand die Neuerwerbung vor der Pleite -- und davon kann inzwischen längst keine Rede mehr sein.

Im Gegenteil: Wenn der Karstadt-Mann nach Frankfurt fährt, mahnt er stets auch den Neckermann-Vorstand, bei Erfolgsmeldungen nur nicht zu dick aufzutragen. Denn jede Nachricht über S.105 gute Geschäfte und erste Gewinne treibe die Kurse der Neckermann-Aktie aufs neue in die Höhe.

Und daran ist die Essener Karstadt-Zentrale nicht interessiert: Der Neckermann-Hauptaktionär möchte seinen 51-Prozent-Anteil, jüngsten Branchengerüchten zufolge, aufstocken.

Weil diese Gerüchte seit Wochen an den Börsen kursieren, zählt das Papier des mit 1,6 Milliarden Mark Umsatz drittgrößten Versandhauses derzeit zu den begehrtesten deutschen Aktien. Die Kleinaktionäre setzen darauf, daß sie bei einem späteren Abfindungsangebot aus Essen einen guten Schnitt machen können.

Was niemand in der Branche erwartet hatte, ist den Sanierern aus Essen nach dreijähriger »Sisyphosarbeit« (Schröder) geglückt: Das vom Firmengründer Josef Neckermann an den Rand des Ruins manövrierte Unternehmen macht schon seit Monaten wieder Gewinne.

Auch die Aussichten für die kommenden Geschäftsjahre sind bei weitem besser als die Gewinnchancen der gesamten Handelsbranche. Mit Versandkonzernen wie Quelle und Otto zählt Neckermann zu den Handelsunternehmen, die in diesem Jahrzehnt auf die stärksten Umsatzzuwächse rechnen dürfen.

Der Abstand zu den übrigen Mitbewerbern fiel schon 1979 deutlich auf. Während die Warenhaus-Konzerne Karstadt und Kaufhof, Hertie und Horten sich im letzten Jahr mit einem Zuwachs von knapp vier Prozent bescheiden mußten, schafften die drei großen Versandhäuser ein Plus von über acht Prozent.

Ohne Karstadts Sanierungsanstrengungen wäre Neckermann nicht dabei. Die Essener haben insgesamt 340 Millionen Mark in den früheren Konkurrenten investiert, durch ein hartes Schrumpfprogramm bauten sie Verlustbringer ab.

Der einstige Billiganbieter ("Neckermann macht's möglich") war durch chronischen Kapitalmangel, lasches Management und eine unglückliche Sortimentspolitik in die Krise geraten. Mitte 1976 stand der ehemalige Olympionike und Dressurreiter Josef Neckermann mit Schulden von rund einer Viertelmilliarde Mark blank vor den Banken.

Als die Karstadt-Manager in Frankfurt Kommando und Kontrolle übernahmen, krempelten sie das Unternehmen völlig um. Die Hälfte der chronisch defizitären Neckermann-Warenhäuser wurde sofort zugemacht.

Die übrigen 17 Filialen, darunter auch Verkaufszentren in Augsburg, Aschaffenburg und Kassel, erhielten statt des Neckermann-Emblems Karstadt-Initialen. Gleichzeitig wurden sie mit dem höherwertigen Sortiment aus Essen bestückt.

Um die hohen Kosten der zumeist nur gemieteten Neckermann-Häuser zu senken, kaufte Karstadt Grundstücke und Gebäude auf. Wie bei ihren eigenen Warenhäusern baute die Karstadt-Mannschaft unterirdische Zufahrtswege zu den umfirmierten Neckermann-Filialen, um Lieferwagen schneller entladen zu können.

Denn bislang mußten etwa in der Frankfurter Neckermann-Niederlassung an der Zeil oder in der City von Mainz die anfahrenden Laster einzeln mit Aufzügen zum Abladen in den Keller transportiert werden. Stundenlange Wartezeiten waren die Folge.

Ebenso nüchtern und rigoros nahmen sich die Essener auch das Neckermann-Angebot vor. In dem rund 800 Seiten dicken Katalog hatte der Preisbrecher zu viele Artikel offeriert, mit denen nichts zu verdienen war. Bei Kühlschränken und Möbeln, Fernsehern und Radios setzte das Unternehmen meist zu.

Dem spitzen Bleistift der Karstadt-Rechner fiel als erster der Fernseh-Produzent Körting zum Opfer. Körting wurde an ein jugoslawisches Elektrokombinat verkauft, als sein wichtigster Abnehmer ausfiel.

Hamster und Vögel waren im Neckermann-Angebot und brachten Verluste. Doch bei modischen Textilien, wo die besten Gewinne zu holen sind, hatten Quelle (Textilanteil: 60 Prozent) und Otto (80 Prozent) stets mehr zu bieten als Neckermann, in dessen Katalog Textilien nicht einmal die Hälfte ausmachten.

Inzwischen haben die Karstadt-Manager den Textilanteil bei Neckermann auf 60 Prozent erhöht. »Die Mode kommt von Neckermann«, heißt es jetzt -- von der Textilbranche belächelt, aber erfolgreich.

Seit neue Herren im Hause Neckermann wirtschaften, wird zudem schon beim Einkauf die Marktmacht genutzt. Karstadt-Neckermann bilden mit elf Milliarden Mark Umsatz den größten Handelsverbund Europas.

Wenn Karstadts Einkaufschef Schröder auf Orderreisen in Europa oder durch die billigen Lieferländer des Fernen Ostens geht, nimmt er immer auch seinen Frankfurter Kollegen mit. Denn im Doppel läßt sich beim Einkauf der insgesamt 200 000 Artikel für beide Häuser besser feilschen. Und weil die Einkäufe auch zusammen verladen werden, sind Transportkosten geringer.

Auch sonst behält die Karstadt-Zentrale ihre Mannschaft in Frankfurt gut unter Kontrolle. Ein »Zusammenarbeitskatalog« legt die Spielregeln fest.

Bei den Neckermann-Vorstandssitzungen, jeden Dienstagnachmittag, ist Karstadts Schröder immer dabei. Und meistens bringt er neue Anweisungen mit, die tags zuvor vom Karstadt-Management beschlossen wurden.

Straffe Sanierung und stramme Leitung haben Neckermann inzwischen nicht nur für Kleinaktionäre wieder interessant gemacht. Ein Interessent hat inzwischen zehn Prozent des Aktienkapitals zusammengekauft. Börsenprofis S.107 wollen wissen, daß unter den Käufern auch Josef Neckermann ist.

Mehr als einen bescheidenen Anteil am Erfolg des sanierten Unternehmens wird sich der ausgebootete Konzerngründer jedoch kaum sichern können. Ihm fehlen wohl die Mittel.

Mit den 250 000 Mark, die der 67jährige jährlich noch von seinem Unternehmen bezieht, kommt er nicht aus. Josef Neckermann hat bereits sein Schweizer Ferienhaus und sein Gut in Götzenhain (bei Frankfurt) samt Wiesen und Stallungen verkauft. Anfang April zieht er, nur einige Straßen weiter, in ein bescheidenes Eigenheim.

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