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LUFTFAHRT Einmaliges Erlebnis

Sie fliegen von Paderborn nach Stuttgart, von Friedrichshafen nach Zürich: Kleine Regionalfluggesellschaften haben Auftrieb. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Wenn die Passagiere des Fluges VG 021 nach Dortmund im Münchner Flughafen zum Abflug gerufen werden, geht es etwas anders zu, als Vielflieger es gewohnt sind.

Beim Einsteigen in den 16sitzigen Metroliner II der Regionalflug GmbH (RFG) begrüßt der Kapitän jeden Passagier persönlich. Statt einer Stewardeß weist der Kopilot den Fluggästen den Weg zu ihren Plätzen. Dafür entfällt der Bordservice. Das Frühstück ist in einen Korb gepackt, den die Passagiere sich gegenseitig zureichen. Den Kaffee muß sich jeder aus einer Thermosflasche selbst einschenken.

Und noch etwas unterscheidet den RFG-Flug von der Reise mit einem Lufthansa-Jet: Es ist lauter, und es wackelt mehr, wenn die kleine Turboprop-Maschine in eine Turbulenz gerät.

Die Passagiere scheint der Mangel an Komfort kaum zu stören: Seit die Regionalflug GmbH vor sechs Jahren die Linie Dortmund - München eröffnete, ging es mit ihr stets nach oben.

Inzwischen fliegt die RFG auch von Paderborn aus nach Frankfurt und München. Vergangenes Jahr kamen die Strecken Dortmund - Stuttgart und Paderborn - Stuttgart hinzu. Seit diesem Sommer stehen sogar London und Innsbruck im Flugplan der Klein-Airline.

Längst ist aus der ehemaligen Charterflug-Gesellschaft ein richtiger Verkehrsbetrieb geworden. Die RFG, die zu 85 Prozent dem fränkischen Gipsfabrikanten Nikolaus Knauf und zu 15 Prozent ihrem Gründer Reinhard Santner gehört, beschäftigt gut zwei Dutzend Piloten und befördert in diesem Jahr voraussichtlich 50 000 Passagiere.

Ähnlich starken Auftrieb verspüren auch die anderen Regionalfluggesellschaften. Allein im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Strecken, die mit kleineren Maschinen beflogen werden, von 32 auf 48. In diesem Sommer waren bereits 56 Städtepaare durch den regionalen Luftverkehr verbunden.

Das Monopol der Lufthansa wird dadurch nicht geknackt. Denn die Kleinen fliegen nicht auf jenen Strecken, auf denen die Staatslinie ihr Geld verdient und auf denen der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel ihr private Konkurrenz verschaffen möchte. Die Regionalflieger konzentrieren sich

auf jene Routen, die von der Lufthansa vernachlässigt werden. So startet etwa Delta Air von Friedrichshafen aus nach Stuttgart, Oberpfaffenhofen und Zürich. Die Hamburger Holiday-Express GmbH fliegt dreimal in der Woche von Hamburg nach Rotterdam. Und die Deutsche Luftverkehrsgesellschaft (DLT) verbindet Provinzflughäfen wie Hof, Münster und Saarbrücken mit dem Rest der Welt.

Nicht jede dieser Routen wirft Geld ab. So bezuschußt die bayrische Landesregierung die Strecke Hof - Bayreuth - Frankfurt mit mehr als einer Million Mark im Jahr. Den Arbed-geschädigten Saarländern ist der Anschluß an Düsseldorf und Frankfurt 2,4 Millionen Mark jährlich wert. Die Stadtväter von Paderborn langen für die Kosten der Frankfurt-Strecke in die Gemeindekasse; sie müssen fürchten, daß ihr Steuerzahler Nixdorf ohne die Flugverbindung aus der westfälischen Provinz abwandert.

Die Kleinen starten nicht nur dort, wo die Rollbahnen für die großen Jets zu kurz sind. Immer häufiger bedienen sie auch solche Strecken, auf denen der Einsatz einer Boeing 737 oder einer DC 9 mit mindestens 100 Plätzen nicht mehr rentabel ist.

Der Nürnberger Flugdienst (NFD) startete 1980 eine tägliche Verbindung Nürnberg - Paris. Die Nachfrage war so groß, daß der NFD sein Flugnetz seitdem erheblich ausgeweitet hat. Neben dreimal täglich nach Paris fliegt die Franken-Linie unter anderem nonstop nach Amsterdam, Brüssel, Mailand und Nizza.

Das Nürnberger Unternehmen setzt auf diesen Routen den 19sitzigen Metroliner III ein. Der kann, anders als eine Lufthansa-Boeing, schon mit zwölf Passagieren kostendeckend fliegen. »Der Regionalflugverkehr«, glaubt denn auch NFD-Eigentümer Hans-Rudolf Wöhrl, »ist eine Herausforderung für freies Unternehmertum.«

Als der fränkische Textilkaufhaus-Besitzer Wöhrl vor elf Jahren den Nürnberger Flugdienst gründete, begann er mit einer einzigen Maschine. Heute ist das Unternehmen mit sieben Metrolinern und mehr als 100 000 Fluggästen im Jahr die zweitgrößte Regionalgesellschaft der Bundesrepublik.

Die Größte unter den Kleinen ist die DLT. Doch so richtig gehört diese Firma gar nicht mehr zu den Mini-Fliegern: 40 Prozent des Unternehmens sind inzwischen in Lufthansa-Eigentum. Die DLT bietet pro Woche 472 Flüge zwischen 23 Orten an. Allein von Hannover aus fliegt die Lufthansa-Tocher in vier europäische Metropolen.

Die frühere Ostfriesen-Linie, die mit einem Flugservice auf die Nordsee-Inseln startete, profitiert davon, daß sie von der Lufthansa als Lückenbüßer benutzt wird. Die Kölner Mutter setzt sie auf allen Routen ein, auf denen ihr eigenes Fluggerät zu groß ist. Häufig auch fliegt die DLT in den verkehrsschwachen Mittagszeiten für die Lufthansa.

Bevor das blaugelbe Unternehmen bei der DLT einstieg, hatte diese nur Flugzeuge ohne Druckkabine: zwei De Havilland Twin Otter (18 Sitze) und drei Shorts SH 330 (30 Sitze). Die Flüge mit diesen Maschinen, die Unwetter nicht überfliegen können, blieben für viele Passagiere ein einmaliges Erlebnis; ein zweites Mal trauten sie sich nicht.

Inzwischen hat die DLT ihre Flotte beinahe völlig ausgewechselt. Sie verfügt jetzt über sechs Turbopropmaschinen des Typs Hawker Siddeley. Das 44sitzige Flugzeug gehört zwar nicht zur neuesten Generation, aber es bietet erheblich mehr Komfort als seine Vorgänger.

Die DLT kommt mit ihren eigenen Flugzeugen gar nicht aus. Neben drei Fokker F 27 der Westdeutschen Luftwerbung fliegen auch eine Jetstream der Stuttgarter Contactair sowie drei Metroliner des Nürnberger Flugdienstes für den Lufthansa-Abkömmling. Den Passagieren fällt das gar nicht auf, denn die Maschinen sind mit dem Schriftzug der DLT bemalt.

Solche Kooperation läßt auf ein harmonisches Nebeneinander zwischen der Lufthansa und den Kleinfirmen schließen. Doch dem ist nicht so. Die Kleinen leben in ständiger Furcht vor dem allmächtigen Bundesunternehmen.

Sie sind darauf angewiesen, daß ihre Verbindungen im Flugplan und im Buchungscomputer der Lufthansa verzeichnet sind. Doch die Staatsfirma nimmt die Kleinen nur dann auf, wenn diese dafür bezahlen oder wenn sie selber ein Interesse daran hat.

Kooperativ ist die Lufthansa, solange die Provinz-Flieger Zubringerdienste für ihr eigenes Streckennetz leisten. Die Zusammenarbeit endet, wenn die Kleinen als Konkurrenten stören. Die Flüge des Nürnberger Flugdienstes etwa sind im Lufthansa-Flugplan nicht enthalten. Wer sich auf dem Nürnberger Flughafen bei der Lufthansa nach einer Paris-Verbindung erkundigt, wird auf die eigenen Verbindungen über Frankfurt verwiesen. Nebenan, beim NFD-Schalter, läßt sich ein Direktflug buchen.

Noch unangenehmer als die Abhängigkeit vom Lufthansa-Reservierungssystem ist für die Kleinen der Rechtsstatus ihrer Verkehrsfliegerei: Bis auf den Nürnberger Flugdienst, der vom Bundesverkehrsministerium als zweite deutsche Liniengesellschaft anerkannt worden ist, betreiben die Regionalflieger einen sogenannten Bedarfsluftverkehr zu festen Zeiten.

Für die Passagiere erscheint diese Verkehrsform wie ein Liniendienst. Für die Fluggesellschaften dagegen hat dieser Status einen gewichtigen Nachteil: Die von ihnen beflogene Strecke kann jederzeit von einer Liniengesellschaft beansprucht werden.

Bisher hat das nicht viel bedeutet. Denn die Lufthansa hat gar nicht die passenden Flugzeuge, um den Kleinen die Strecken wegzunehmen.

Doch das wird sich bald ändern. Ende dieses Jahres wird die Tochter DLT die erste von insgesamt fünf Maschinen des Typs Embraer 120 einsetzen.

Die 30sitzige Maschine ist so sparsam, daß sie bereits mit 15 Passagieren kostendeckend eingesetzt werden kann - genau auf jenen Routen also, auf denen jetzt noch die Metroliner der kleinen Regionalgesellschaften fliegen.

[Grafiktext]

DAS NETZ DER KLEINEN Strecken im Regionalluftverkehr der Bundesrepublik Stand 7.6.1985 Kopenhagen Hamburg Bremen Amsterdam Berlin Hannover London Münster/ Osnabrück Stansted Rotterdam Leeds/ Bradford Dortmund Paderborn Eindhoven Düsseldorf Köln/Bonn Brüssel Hof Frankfurt Paris Bayreuth Luxemburg Mannheim Saarbrücken Nürnberg Stuttgart Wien München Oberpfaffenhofen Friedrichshafen Basel Ljubljana Zürich Innsbruck Genf Mailand Venedig Nizza Verona Fluggesellschaften: DLT DLT/SAS NLM RFG NFD Delta Air Sabena Crossair Dan Air Holiday Express Air UK Tyrolean Luxair Brown Air Südavia Inex Adria Pegasus Quelle: Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen

[GrafiktextEnde]

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