Einwandererkontroverse in den USA Ein Tag ohne Latinos

Eigentlich ist der 1. Mai in den USA ein normaler Arbeitstag. Doch geht es nach zahlreichen Latino-Gruppen, wird diesmal alles anders: Sämtliche Latinos sind aufgerufen, der Arbeit fernzubleiben und keine US-Produkte zu konsumieren - aus Protest gegen niedrige Löhne und geplante Gesetze.

Von Sebastian Heinzel, New York


New York - "Kauft am 1. Mai keine Gringo-Produkte!" rufen Gonzalo Aburto und Ruben Lopez auf Spanisch in die Mikrofone des freien New Yorker Radiosenders WBAI im zehnten Stockwerk von Wall Street 120. "Ein Tag ohne Coca-Cola und McDonald’s, das ist doch kein Problem!" In der wöchentlichen Sendung der beiden Mexikaner ist die Musik der Politik gewichen, seit auf Amerikas Straßen und im Kongress über die fast zwölf Millionen illegalen Einwanderer im Land debattiert wird. "Nur durch Kampf bekommen wir unsere Rechte, wie die Afroamerikaner vor uns", ermutigt der 52-jährige Aburto seine Zuhörer in New York und den angrenzenden Bundesstaaten.

Aktivist Juan Jose Gutierrez vor Protestaufruf (in Washington, DC): "Erstmals traten all die Unsichtbaren aus dem Schatten"
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Aktivist Juan Jose Gutierrez vor Protestaufruf (in Washington, DC): "Erstmals traten all die Unsichtbaren aus dem Schatten"

Die Idee zum "Great American Boycott" entstammt dem Film "A Day Without a Mexican" ("Ein Tag ohne Mexikaner"), der vor zwei Jahren für Aufsehen sorgte: Die Komödie entwirft ein Szenario, in dem mit einem Schlag alle Mexikaner aus Kalifornien verschwinden. Niemand ist mehr da, um in den Restaurants Geschirr zu waschen oder zu kochen, um den Müll auf den Straßen zu beseitigen, die Böden in den Büros und Wohnungen zu schrubben, auf Baustellen zu schuften oder Früchte auf den Feldern zu ernten.

"Der Film wird jetzt Realität", freut sich Ruben Lopez. Der langhaarige 36-Jährige ist selbst ein "Illegaler". Schon vor 18 Jahren hat er zu Fuß die Grenze zwischen den USA und Mexiko überquert. Seinen Job als Fahrer bei einer Baufirma hat er unlängst verloren: "Ich kann meinen Führerschein nicht verlängern, weil man in New York seit 9/11 dafür eine Aufenthaltsbewilligung vorweisen muss. In anderen Bundesstaaten funktioniert es noch ohne Papiere."

Bisher mieden Leute wie Lopez die Öffentlichkeit. Der Großteil der illegalen Einwanderer arbeitet hart, um einen Teil des niedrigen Lohns an die Familie in der Heimat schicken zu können, für das Einfordern politischer Rechte blieb ihnen dabei wenig Zeit. Doch nun ist ein Welle losgetreten, die Beobachter schon als neue Bürgerrechtsbewegung bezeichnen.

Am 10. April gingen in mehr als hundert amerikanischen Städten Hunderttausende für die Legalisierung ihres Status auf die Straße. Auch Aburto und Lopez waren dabei, die US-Fahnen, die sie schwenkten, liegen immer noch in Lopez’ Auto. "Erstmals traten all die Unsichtbaren aus dem Schatten, es war ein historischer Moment", schwärmt Aburto. Die demonstrierenden Putzfrauen und Tellerwäscher waren genauso verblüfft über ihre Zahl wie die Amerikaner, die das Geschehen vom Straßenrand beobachteten.

"Da wollte jemand die Speisekarte eines Restaurants vor meine Tür legen. Er verstand nicht einmal Englisch!"

Auf die Straße getrieben hatte die Immigranten eine Gesetzesvorlage des republikanischen Kongressabgeordneten James Sensenbrenner, die vom Repräsentantenhaus im vergangenen Dezember angenommen wurde. Sensenbrenners Entwurf macht nicht nur illegaler Einwanderer zu Kriminellen, sondern teilweise auch jene, die ihnen helfen. Er vereinfacht Deportationen und sieht eine massive Aufrüstung entlang der Grenze zu Mexiko vor – inklusive der Errichtung eines 1100 Kilometer langen Zaunes.

Nicht nur die Immigranten protestieren heftig: Die meisten Demokraten, die katholische Kirche und die Unternehmerschaft, die von billigen Arbeitskräften profitiert, haben sich auf ihre Seite geschlagen - auch wenn sie vom Boykott am 1. Mai nicht viel halten. Unter dem Eindruck der Demonstrationen ging auch der Senat, in dem eigentlich die Republikaner dominieren, auf Konfrontationskurs mit dem Repräsentantenhaus: Eine Gesetzesinitiative der Senatoren Ted Kennedy und John McCain betont zwar ebenfalls die Verstärkung der Grenze, öffnet illegalen Einwanderern aber das Tor zur Einbürgerung.

Amerikanische Einwanderungsgegner reagieren geradezu wütend auf die demonstrierenden illegalen Immigranten. "Sie brechen unsere Gesetze – wie können sie dafür eine Belohnung verlangen?" zürnt Ira Mehlman, Sprecher der Anti-Immigrations-Lobby Fair (Federation for American Immigration Reform). "Wir verlangen, dass die Behörden hart gegen Unternehmen vorgehen, die illegale Fremde beschäftigen. Wenn sie hier keine Arbeit mehr finden, werden sie freiwillig zurück in ihre Länder gehen." Mehlman sitzt in Los Angeles, er muss das Telefongespräch kurz unterbrechen, um einen Besucher an seiner Haustür zu verjagen. "Da wollte jemand die Speisekarte eines Restaurants vor meine Tür legen. Er verstand nicht einmal Englisch!" Ob Amerikas Wirtschaft auf die billige Arbeitskraft der Immigranten nicht angewiesen ist? "Nein, ihre Jobs sind oft unnötig. Wir brauchen keine Speisekarten vor der Tür, und statt den Tellerwäschern in den Restaurants nehmen wir dann eben Geschirrspülmaschinen."

Der neue Stolz des "Brown is beautiful"

Schon organisieren sich im ganzen Land die sogenannten Minutemen, aufrechte US-Bürger, die entlang der Grenze zu Mexiko patrouillieren oder Demonstranten filmen. Doch ihr Kampf gegen die illegalen Einwanderer scheint aussichtslos. "Massive Deportation wird nicht funktionieren", weiß auch Präsident George W. Bush. Er verdankt sein Amt nicht zuletzt den Stimmen der US-Latinos und spricht sich schon seit Jahren für eine pragmatische Politik der langsamen Einbürgerung aus, wie sie auch dem Senat vorschwebt. Bush weiß dabei die Mehrheit der Amerikaner hinter sich und wirft im Streit zwischen Senat und Repräsentantenhaus derzeit sein Gewicht in die Waagschale.

Während sich die hohe Politik in Washington noch in den Haaren liegt, ist die Sache auf lokaler Ebene längst entschieden – wie in East Harlem in New York.

Das Viertel El Barrio könnte auch mitten in Mexiko City liegen. An mexikanische Supermärkte und Restaurants reihen sich hier mexikanische Videotheken, Friseure und Reisebüros, weiße Gesichter sind nicht zu sehen. Im Keller einer Schule feiern die Mitglieder von Esperanza del Barrio und ihre Familien ein kleines Fest. Die Gruppe hilft illegal eingewanderten Straßenverkäufern bei der Registrierung als Kleinunternehmer. Aus überdimensionalen Boxen schallt wuchtiger Latino-Pop, Luftballons im Grün-Weiß-Rot der mexikanischen Flagge zieren Plastiktische mit mexikanischem Essen, Kids mit weiten Hosen und Baseballkappen rappen auf Spanglish - einem Verschnitt aus Spanisch und Englisch: "Braun zu sein heißt stolz zu sein!"

Das Fest ist längst im Gange, als ein graumelierter Herr mit Schnauzbart, Anzug und Krawatte den Saal betritt und sich an die versammelten mexikanischen Familien wendet. "Mich schickt der Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg. Meine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass Ihnen die öffentlichen Dienstleistungen offen stehen", erklärt er.

"Immigranten haben dieses Land und diese Stadt mit viel Arbeit und Energie aufgebaut. Bürgermeister Bloomberg unterstützt eine Änderung der Einwanderungsgesetze in Ihrem Sinne!" Applaus brandet auf, Hände werden geschüttelt, dann verschwindet der Stadtpolitiker ebenso schnell, wie er erschienen ist. Seine kurze Ansprache hat Guillermo Linares natürlich auf Spanisch gehalten.



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