Einzelhandel Lebensmittelumsatz bricht drastisch ein

Viele Waren werden teurer - und der Einzelhandel leidet: Die Umsätze sind im März deutlich zurückgegangen. Vor allem der Lebensmittelhandel bekam die Sparsamkeit der Konsumenten zu spüren.


Wiesbaden - Sowohl im Einzelhandel als auch bei Supermärkten oder im Facheinzelhandel ging der Umsatz mit Lebensmitteln im März im Vergleich zum Vorjahresmonat real um rund neun Prozent zurück, wie das Statistische Bundesamt am Freitag nach vorläufigen Ergebnissen mitteilte. Der Einzelhandel in allen Branchen nahm real, also inflationsbereinigt, um 6,3 Prozent oder nominal 3,7 Prozent ab.

Einkauf im Supermarkt: Drastischer Einbruch der Umsätze
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Einkauf im Supermarkt: Drastischer Einbruch der Umsätze

Der Einzelhandelsumsatz mit Lebensmitteln, Getränken und Tabakwaren sank diesen März um nominal 4,4 Prozent und real sogar 9,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Bei den Supermärkten, Selbstbedienungs-Warenhäusern und Verbrauchermärkten wurde nominal 4,3 Prozent und real 9,2 Prozent weniger als im Vorjahresmonat umgesetzt. Beim Facheinzelhandel mit Lebensmitteln lagen die Umsätze nominal um 5,8 Prozent und real um 9,1 Prozent niedriger.

Im Einzelhandel mit Nicht-Lebensmitteln lagen die Umsätze im März 2008 ebenfalls unter den Werten des Vorjahresmonats (nominal minus 3,1 Prozent, real minus 4,3 Prozent). Lediglich im sonstigen Facheinzelhandel (zum Beispiel Bücher und Schmuck) wurde real 0,8 Prozent mehr umgesetzt als im März 2007 (nominal minus 0,3 Prozent). In allen anderen Branchen dieses Bereichs lagen die Umsätze unter den Werten des Vorjahresmonats.

Allerdings hatte der März wegen Ostern drei Verkaufstage weniger als vor einem Jahr, wie die Statistiker betonten. Zudem wurde 2007 das beste März-Ergebnis seit 2003 erzielt. Im Vergleich zum Februar 2008 war der Umsatz des Einzelhandels im März 2008 unter Berücksichtigung von Saison- und Kalendereffekten nominal unverändert und real um 0,1 Prozent niedriger. In den ersten drei Monaten des Jahres 2008 setzte der Einzelhandel nominal 1,3 Prozent mehr und real 1,2 Prozent weniger um als im ersten Quartal 2007.

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Neue Essgewohnheiten
In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.

Biokraftstoffe
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.

Spekulationen
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Schlechte Ernten
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.

Die vorläufigen Angaben beruhen den Angaben zufolge auf Daten aus sieben Bundesländern, in denen rund 76 Prozent des Gesamtumsatzes im deutschen Einzelhandel getätigt werden.

kaz/AP



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