Einzelhandel Rabattschlacht statt Teuersteuer

Eigentlich hätte heute vieles teurer werden sollen - um drei Prozentpunkte, um so viel stieg die Mehrwertsteuer. Tatsächlich sinken die Preise in manchen Bereichen sogar - wenigstens für ein Weilchen.

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Hamburg - "Drastische Preisaktion!", "Wir schenken Ihnen die Mehrwertsteuer!", "Preise gut - alles gut" oder einfach nur ein schlichtes "Rabatt!" - es ist Billigtag in Deutschland. Von der Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Punkte auf nunmehr 19 Prozent ist heute nicht viel zu spüren. Dabei hatten Politiker, Wirtschaftsvertreter und Medien seit dem 19. Mai 2006, jenem Tag, als der Bundestag die Anhebung dieser Steuer beschlossen hatte, vor dem "Gift für die Wirtschaft" gewarnt: Der Konjunkturboom könnte einen kräftigen Dämpfer erhalten, befürchteten die Kritiker der Steueranhebung.

In den meisten Läden unterscheiden sich die Preisschilder nicht von denen des vergangenen Jahres. "Sie glauben doch nicht, dass wir die Silvesternacht im Geschäft verbracht und die Ware neu ausgezeichnet haben", sagt eine Verkäuferin in einer Hamburger Galeria-Kaufhof-Filiale zu Kunden, die sich nach Preiserhöhungen erkundigen. "Sie können sich sicher sein, dass wir auch in den kommenden Wochen die Preise nicht anheben. Im Gegenteil, derzeit haben wir in vielen Bereichen die Preise sogar gesenkt."

Die Möbelkette Ikea wirbt damit, die Mehrwertsteuererhöhung um einen Monat "zu verschieben": Erst zum 1. Februar sollen die Waren teurer werden. Das Bekleidungshaus C&A, Europas größtes Schuhhaus Deichmann und der Elektronikhändler Conrad versprechen ihren Kunden gar eine "Preisgarantie" - sie wollen die höhere Mehrwertsteuer nicht an ihre Kunden weitergeben. Wann die nächste Preiserhöhung ansteht, lassen sie offen.

Werbung mit Rabatt-Aktionen

Die beiden zur Metro-Gruppe gehörenden Elektroriesen Media Markt und Saturn werben damit, dass sie 19 Prozent Rabatt anbieten - allerdings nur diese Woche und, täglich wechselnd, auf ausgewählte Produkte. Autohändler locken mit Nachlässen, selbst manche Buch- und Lebensmittelgeschäfte haben Zettelchen an ihre Ladentüren geklebt: "Wir halten die Preise stabil", steht da zum Beispiel an einem Hamburger Buchladen - dabei bleibt der reduzierte Mehrwertsteuersatz, der unter anderem für Bücher und Lebensmittel gilt, ohnehin konstant bei sieben Prozent. Nur der reguläre Steuersatz wurde angehoben.

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"Manche nutzen das eben, um Werbung zu machen", sagt Klaus Diekhöfer, Manager eines Jeansgeschäfts in Hamburg. "Für die meisten ist es aber so, dass der Markt eine Weitergabe der Steuererhöhung an die Kunden gar nicht hergibt." Wer Klamotten einkaufe, brauche in jeder Einkaufsstraße nur ein paar Häuser weiterzugehen und könne Preise vergleichen. "Der Wettbewerb ist so scharf, dass höhere Preise nicht durchsetzbar sind." Daher habe man schon im Vorfeld dafür gesorgt, Kosten zu sparen - durch preiswerteren Einkauf, sagt Geschäftsmann Diekhöfer.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin weist darauf hin, dass viele Betriebe die Steuererhöhung bereits 2006 einkalkuliert haben. Etwa 70 Prozent hätten bereits die Preise für ihre Waren erhöht, der Rest würde es im Laufe der kommenden Wochen tun. Der Verband deutscher Drogisten riet seinen Mitgliedern offen, die Preise schon 2006 anzuheben. Heute wollte auf Anfrage niemand vom Verband Stellung dazu nehmen. "Zum Thema Mehrwertsteuer ist alles gesagt", heißt es in der Kölner Verbandszentrale.

Leider habe es aber auch Tricks gegeben, kritisieren die Verbraucherschützer - zum Beispiel durch Einsparungen bei der Qualität der Produkte oder durch weniger Inhalt in Verpackungen bei konstantem Preis. "Klar ist, dass der Handel die drei Prozent Steuererhöhung nicht alleine schlucken kann - dazu sind die Margen zu niedrig", sagt Patrick von Braunmühl, Vizevorsitzender des Verbraucherschützerverbandes. Insgesamt komme auf die Konsumenten in Deutschland eine Mehrbelastung von rund 19 Milliarden Euro im Jahr zu.

Den allgemeinen Vorwurf, schon im vergangenen Jahr die Preise angehoben zu haben, um jetzt so zu tun, dass man die höheren Steuern nicht an die Kunden weitergebe, wehrt C&A ab. Bart F. Brenninkmeijer, Vorsitzender der Geschäftsleitung von C&A Deutschland, ließ die Filialen mit einem großflächigen Brief an seine Kundschaft plakatieren: "Ausdrücklich erwähnen möchten wir, dass in der jüngeren Vergangenheit unsere Preise nicht erhöht wurden, nur um sie zum neuen Jahr werbewirksam wieder zu senken", schreibt er.

Ab Februar wird's teurer

"Es ist paradox: Die Steuern steigen, aber in den meisten Fällen sinken im Januar erst einmal die Preise", sagt Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). Ob das auch mit der Befürchtung vieler Verbraucher zu tun habe, die Händler würden die Situation wie bei der Euroumstellung zu saftigen Preiserhöhungen nutzen? "Euroumstellung und Mehrwertsteuererhöhung sind nicht vergleichbar", sagt Pellengahr. "Bei der Euroumstellung ging es eben um eine Umstellung. Weil andere Branchen diese Umstellung aber zu Preiserhöhungen genutzt haben, wurde der gesamte Einzelhandel von den Kunden mit Vertrauensverlust bestraft." Jetzt gehe es den Händlern darum, "alles zu tun, um ihre Preiswürdigkeit herauszustellen". Es gebe deutlich mehr Rabattaktionen als sonst im Januar üblich. Dabei sei jetzt eine Preiserhöhung ja tatsächlich angebracht. Denn der Handel müsse ab heute 19 Prozent an Steuern an den Fiskus abführen - unabhängig davon, was er von den Endverbrauchern verlange.

Nach einer Übergangszeit, ist Pellengahr überzeugt, wird es daher unumgänglich sein, einen Teil der Steuererhöhung an die Kunden weiterzugeben - vermutlich schon ab Februar. "Wir gehen davon aus, dass im Durchschnitt ein Drittel der Erhöhung von den Kunden getragen wird. Den Rest übernimmt der Einzelhandel."

Schon heute spüren die Konsumenten die höhere Steuer an den Tankstellen - Kraftstoff ist zum Jahreswechsel deutlich teurer geworden. Wegen der höheren Mehrwertsteuer, aber auch wegen neuer Bestimmungen zur Beimischung von Biokraftstoff hoben die Mineralölkonzerne die Preise um fünf bis sechs Cent je Liter an. Auch in der Stromrechnung kommt der höhere Steuersatz ab heute voll zum Tragen.



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