El-Asira-Gründer Aouragh "Europäer haben eine falsche Vorstellung von Erotik"

Mit Massageölen hat sich sein Online-Shop El Asira unter europäischen Muslimen einen Namen gemacht. Im Interview verrät Abdelaziz Aouragh, weshalb er sich mit Beate Uhse zusammentut - und warum er ausgerechnet in Mekka eine Filiale eröffnen will.

El-Asira-Werbung: Sinnlichkeit für Muslime
El Asira

El-Asira-Werbung: Sinnlichkeit für Muslime

Das Interview führte "zenith"-Autorin


Zur Person
  • Ton Zonneveld
    Abdelaziz Aouragh ist in Amsterdam geboren und aufgewachsen. 2010 gründete der heute 34-Jährige den Online-Shop El Asira. 2014 erschien sein Buch "Islamic Branding - The Mecca of Opportunities"
Frage: Herr Aouragh, El Asira wird häufig als weltweit erster Halal-Sexshop bezeichnet - kann Ihr Unternehmen in einem Joint Venture mit Beate Uhse dieses Prädikat eigentlich beibehalten?

Aouragh: So etwas wie einen Halal-Sexshop gibt es nicht. Entweder es ist ein Sexshop oder eben nicht. El Asira steht für sinnliches Wohlbefinden. Uns geht es nicht um schnöden Sex, sondern das erotische Erlebnis in einer Partnerschaft - wie zum Beispiel durch Massagen.

Frage: Ihr Joint-Venture-Partner vertreibt auch Sexspielzeuge...

Aouragh: Das werden wir niemals tun. Und das ist auch nicht Bestandteil unserer Kooperation mit Beate Uhse.

Frage: Wenn Sie der Produktpalette so kritisch gegenüberstehen, wie kam es dann überhaupt zur Gründung dieses Joint Ventures?

Aouragh: Beate Uhse hat uns angesprochen, gleich nachdem wir mit unserer Geschäftsidee an die Öffentlichkeit gegangen sind. Offen gestanden war mir der Name bis dahin unbekannt. Als ich dann herausfand, dass es sich um einen Sexshop handelt, wollte ich nichts damit zu tun haben.

Frage: Was hat Ihre Meinung geändert?

Aouragh: Mir wurde bewusst, dass wir als Muslime in Europa häufig vorverurteilt werden und dann keine Chance bekommen, das Bild geradezurücken. Also wollte ich mich nicht genauso verhalten. Im Gespräch wurde dann schnell klar, dass auch Beate Uhse vom anrüchigen Sexshop-Image Abstand nimmt und sich im Kern von ehemals 80 Prozent männlicher Kundschaft zu mittlerweile 70 Prozent weiblicher Kundschaft gewandelt hat.

Frage: Aber auch für weibliche Kunden ist das Angebot an nicht Scharia-konformen Produkten bei Beate Uhse riesig.

Aouragh: Klar, 98 Prozent ihres Produktspektrums passen überhaupt nicht in unsere Linie. Aber zwischen uns und dem Beate-Uhse-CEO Serge van der Hooft hat es einfach gepasst, die Chemie stimmt. Er hat erkannt, dass der muslimische Markt riesig und völlig unerschlossen ist. Ihm war aber auch von Anfang an klar, dass er keine Ahnung hat, wie der muslimische Markt tickt, und dass er mit seinem Unternehmen alleine keine Chance hat, dort Fuß zu fassen.

Frage: Wie sieht nun die Vereinbarung zwischen Beate Uhse und El Asira aus?

Aouragh: Beate Uhse ist sozusagen das Rückgrat des Unterfangens und bürgt mit Erfahrung, Marktkraft und Distributionsnetz. Aber El Asira ist der Kapitän, der das Schiff lenkt: Wir wissen, was erlaubt ist und was nicht.

Frage: Wenn Beate Uhse bislang keine Berührung mit dem muslimischen Markt hatte, von welchen Vertriebskanälen möchten Sie dann profitieren?

Aouragh: Von denen in Europa. Mit der Unterstützung von Beate Uhse wird es viel leichter sein, unsere Produkte zu verbreiten, als wenn wir das selbst täten.

Frage: Ist es nicht das Ziel, muslimische Kunden in der arabischen Welt anzusprechen?

Aouragh: Doch, natürlich. Im Moment besteht der Großteil unserer Kunden noch aus europäischen Muslimen. Aber im Joint Venture ist es ganz klar unsere Aufgabe, die arabische Region zu erschließen. Gerade haben wir mit neun Flughäfen in Ägypten Vereinbarungen unterschrieben, die unsere Ware in Duty-Free-Shops vertreiben werden. Mit Saudi-Arabien, Dubai und Indonesien stehen wir in Verhandlungen.

Frage: Heißt das, man wird in Zukunft an arabischen Flughäfen steuerfrei Vibratoren von Beate Uhse erwerben können?

Aouragh: Natürlich nicht. Abgesehen davon, dass der Verkauf von derlei Gerät in den meisten arabischen Ländern verboten ist, wird El Asira nie Sexartikel in sein Sortiment aufnehmen. Unsere Partner bei Beate Uhse respektieren das, sie pushen uns nicht, irgendwelche Grenzen zu überschreiten. Sie akzeptieren, dass das einfach ein No-Go ist für uns und die muslimischen Kunden.

Frage: Welche Produkte wird es dann in Zukunft geben?

Aouragh: Zum einen natürlich die bereits erhältlichen Produkte von El Asira, also Massageöle und Cremes. Dann entwickeln wir gerade gemeinsam neue Produkte, die im August auf den Markt kommen. Die fallen alle in den Bereich exklusiver, sinnlicher Körperpflege. Die Kosmetika enthalten Oud-Öl, eines der teuersten Öle der Welt und in der arabischen Welt sehr beliebt. So wollen wir eine Brücke schlagen zwischen den orientalischen und den westlichen Kunden, die etwas Neues entdecken können. Man sagt dem Öl eine aphrodisierende Wirkung nach.

Frage: Unter welchem Namen werden die Produkte vertrieben? Und wie schaut es beispielsweise mit Dessous aus?

Aouragh: Selbstverständlich gibt es kein religiöses Verbot für Dessous, das wäre doch Blödsinn. Allerdings ist die arabische Kundin äußerst anspruchsvoll in dieser Hinsicht: Marktführer in Saudi-Arabien und den Golfstaaten ist derzeit Armani. Wir versuchen, uns gemeinsam mit Beate Uhse zwischen mittlerer und gehobener Preisklasse anzusiedeln, um eventuell nach und nach Luxuslinien hinzuzufügen. Es soll nichts überstürzt werden, wir warten ab, wie der Markt auf unsere erste Lingerie-Produktfamilie reagiert.

Frage: Wie profitiert Beate Uhse von dem gemeinsamen Unterfangen, wenn die Produkte unter dem Label El Asira auf den Markt kommen?

Aouragh: Zum einen lernen sie unheimlich viel über den Markt, zum anderen teilen wir natürlich die Umsätze. Da wir Scharia-konform operieren, werden allerdings keine bereits getätigten Investitionen an den Beate-Uhse-Konzern zurückfließen, sollten wir bestimmte wirtschaftliche Ziele nicht erreichen.

Frage: Das Joint Venture zwischen El Asira und Beate Uhse sorgte bei Bekanntwerden für viele Schlagzeilen über künftige Sexshops in Mekka...

Aouragh: Ja, Idioten. Wer das schreibt, hat sich offensichtlich nicht informiert. Wie gesagt, wir sind kein Sexshop und werden auch nie einer werden. Aber wir möchten tatsächlich einen "Concept Store" in Mekka eröffnen.

Frage: Wieso ausgerechnet dort?

Aouragh: Wenn die Menschen Mekka hören, verbinden sie es sofort mit Pilgern und Religiosität. Dabei ist die Stadt kommerziell betrachtet in erster Linie ein Riesen-Hub. Muslime aus aller Welt strömen dorthin und werden mit der Marke El Asira vertraut - ein optimaler Ausgangspunkt, um zu testen, wie wir Läden am Markt positionieren können.

Frage: Wie kann man sich einen Shop von El Asira vorstellen?

Aouragh: Eine Mischung aus Victoria's Secret und Rituals. Uns gefällt das Verspielte der Victoria's-Secret-Filialen und das exotische Erlebnis, das Rituals seinen Kunden vermittelt. Wenn man da noch unseren orientalischen, erotischen Lebensstil und unsere 1001-Nacht-Mentalität hinzufügt, schaffen wir daraus etwas Einzigartiges.

Frage: Apropos "orientalischer, erotischer Lebensstil": Glauben Sie, dass Europäer eine falsche Vorstellung von Erotik unter Muslimen haben?

Aouragh: Ich denke, Europäer haben eine falsche Vorstellung von Erotik. Erotik bedeutet für sie Sex, Pornografie, Zurschaustellung des weiblichen Körpers. Sinnlichkeit zwischen Partnern vergessen sie dabei. Aber das werden wir ja jetzt mit unserem Angebot ändern.

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe des Magazins "zenith"

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Seite 1
muffelkopp 03.10.2014
1. Quark und anmaßend dazu
Zitat: Aouragh: Ich denke, Europäer haben eine falsche Vorstellung von Erotik. Erotik bedeutet für sie Sex, Pornografie, Zurschaustellung des weiblichen Körpers. Sinnlichkeit zwischen Partnern vergessen sie dabei. Aber das werden wir ja jetzt mit unserem Angebot ändern. Zitatende Die Europäer (also alle) haben eine falsche (also Haram) Vorstellung von Erotik? Anmaßend und rassistisch ist diese Behauptung. Ich kann als Europäer Sex um des Sex Willen durchaus von Sex um der Zweisamkeit Willen unterscheiden. Erotik bei Kerzenschein ist kein wildes Rumgevõgel und umgekehrt. Danke, verstanden.
Barxxo 03.10.2014
2. Vorurteil
"Europäer haben eine falsche Vorstellung von Erotik. Erotik bedeutet für sie Sex, Pornografie, Zurschaustellung des weiblichen Körpers. " Herr Aouragh unterliegt wohl dem Irrtum, europäischen Pornofilm mit dem zu verwechseln, was Europäer wirklich im Bett machen.
egoneiermann 03.10.2014
3.
Zitat von muffelkoppZitat: Aouragh: Ich denke, Europäer haben eine falsche Vorstellung von Erotik. Erotik bedeutet für sie Sex, Pornografie, Zurschaustellung des weiblichen Körpers. Sinnlichkeit zwischen Partnern vergessen sie dabei. Aber das werden wir ja jetzt mit unserem Angebot ändern. Zitatende Die Europäer (also alle) haben eine falsche (also Haram) Vorstellung von Erotik? Anmaßend und rassistisch ist diese Behauptung. Ich kann als Europäer Sex um des Sex Willen durchaus von Sex um der Zweisamkeit Willen unterscheiden. Erotik bei Kerzenschein ist kein wildes Rumgevõgel und umgekehrt. Danke, verstanden.
Sie haben keine Ahnung was Rassismus bedeutet. Der Gute hat eben seine Sichweise auf sein Erleben in Europa geschildert und wenn man schaut, wo überall Erotik drauf steht, wo eigentlich nur Sex drin ist, dann hat er nicht ganz unrecht. Dass seine Idee von einem religiös korrekter Erotik genauso Blödsinn ist, wie die verklemmten Aussagen der katholischen Pristerschaft ist aber auch klar. Ich denke in den arabischen Betten geht es nicht anders zu wie in den europäischen, auch wenn das die religiösen Spießer hier wie dort nicht wahr haben wollen.
max-mustermann 03.10.2014
4. Heuchler
So so der Verkauf von Sexspielzeug usw. ist also ein No Go für ihn und seine muslimischen Kunden. Na so ein Glück das es solche selbsternannten Moralwächter wie ihn gibt der die armen Moslems davor "schützt". Wäre es in diesen Ländern nicht gesetzlich verboten würden sich solche Artikel in der arabischen Welt genau so verkaufen wie bei uns. Die arabischen/muslimischen Länder belegen übrigens auch nach wie vor die Spitzenplätze in Sachen Pornokonsum im Internet obwohl das ebenso verboten ist.
udolf 04.10.2014
5.
"Mir wurde bewusst, dass wir als Muslime in Europa häufig vorverurteilt werden" Vorurteile hat im Grunde jeder wie er auch "Europäer haben eine falsche Vorstellung von Erotik" Man sollte sich nur nicht davon leiten lassen und sie wenn die Möglichkeit besteht überprüfen...
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