Anstieg um 20 Prozent in fünf Jahren Die Welt erstickt im Elektroschrott

Elektroschrott ist eine steigende Gefahr für Gesundheit und Umwelt. In nur fünf Jahren ist der Berg weltweit um mehr als 20 Prozent gewachsen - zugleich wurden wertvolle Ressourcen verschwendet.
Elektroschrott in China, außerhalb von Peking

Elektroschrott in China, außerhalb von Peking

Foto: KIM KYUNG-HOON/ REUTERS

Das Ziel schien erreichbar: Die Uno-Organisation Internationale Fernmeldeunion hatte den Plan, dass sich wenigstens jedes zweite Land weltweit eine Gesetzgebung oder auch nur eine Regelung für den Umgang mit Elektroschrott gibt. Bis heute sind es nur 78 Staaten, aber in einigen Regionen, stellen die Autoren des dritten Uno-Berichts zu dem Thema  fest, "schreitet die Regulierung nur langsam voran, die Durchsetzung ist mangelhaft".

Nicht einmal die USA haben eine nationale Gesetzgebung zum Umgang mit Elektroschrott, nur 25 Bundesstaaten und die Hauptstadt Washington haben "irgendeine Form der Gesetzgebung erlassen". Deutschland, wo wie in der gesamten EU eine Regelung für Kreislaufwirtschaft gilt, hat immerhin den aktuellsten Daten zufolge von den hier angefallenen 1,6 Millionen Tonnen E-Schrott 837.000 Tonnen eingesammelt und einer geregelten Wiederverwertung zugeführt - immerhin gut die Hälfte.

E-Schrott mit einem Gewicht wie 350 "Queen Mary 2"

Insgesamt aber wächst die Menge an E-Schrott immer weiter: allein in den vergangenen fünf Jahren um 21 Prozent auf die Rekordmenge von 53.600.000 Tonnen. Das ist die zentrale Zahl des am Donnerstag veröffentlichten globalen Elektroschrott-Berichts, der unter anderen von der United Nations University (UNU) erstellt wurde. Es ist eine Menge, so schreiben die Autoren, die dem Gewicht von 350 Kreuzfahrtschiffen der Größe der "Queen Mary 2" entspricht. Jedes Jahr wächst das Aufkommen um mehr als zwei Millionen Tonnen.

Ein Abflauen des Wachstums scheint nicht in Sicht: Der Bericht sagt voraus, dass der weltweite E-Müll-Berg bis 2030 74 Millionen Tonnen erreichen wird. In nur 16 Jahren hätte sich die Menge damit fast verdoppelt.

Die zentralen Zahlen aus dem Bericht:

  • Europa liegt mit 16,2 Kilogramm Elektroschrott pro Einwohner weltweit an erster Stelle in Bezug auf das Pro-Kopf-Aufkommen. Danach kommt Ozeanien mit 16,1 Kilogramm, gefolgt von Nord-, Mittel- und Südamerika (13,3 Kilogramm) sowie Asien und Afrika mit 5,6 und 2,5 Kilogramm pro Einwohner. Im Schnitt, auch das eine eindrucksvolle Zahl, wurden im vergangenen Jahr 7,3 Kilogramm Elektroschrott für jeden Menschen auf der Welt weggeworfen.

  • Allein an schädlichem Quecksilber landeten so schätzungsweise 50 Tonnen im Müll.

  • Gewichtsmäßig lagen kleine Geräte mit 17,4 Millionen Tonnen an der Spitze, die Wissenschaftler führen den wachsenden E-Schrott auf den höheren Verbrauch von elektrischen und elektronischen Geräten zurück, auf kurze Lebenszyklen und wenige Reparaturmöglichkeiten.

Recyclingquote: 17,4 Prozent

Die viel beschworene Wiederverwertung klappt dagegen kaum: Nur 17,4 Prozent des Elektroschrotts wurden im vergangenen Jahr gesammelt und recycelt. Laut Bericht wurden so Gold, Silber, Kupfer, Platin und andere hochwertige, wiederverwertbare Materialien im Wert von mindestens 57 Milliarden Dollar deponiert oder verbrannt - statt sie erneut zu verwenden.

Die ausrangierten Handys, Klimaanlagen, Bildschirme oder Energiesparlampen sind außerdem der am schnellsten zunehmende Teil des Haushaltsabfalls - und der problematischste. Die Altgeräte sind ein Risiko für Umwelt und Gesundheit, da sie giftige Zusatzstoffe oder gefährliche Substanzen wie Quecksilber, Flammschutzmittel oder Fluorchlorkohlenwasserstoffe enthalten.

Der Müll stelle eine große Gesundheitsgefahr vor allem für Kinder dar, sagt die zuständige Direktorin der Weltgesundheitsorganisation, Maria Neira: "Jedes vierte Kind stirbt an vermeidbaren Umweltbelastungen." Diese Kinder könnten gerettet werden, "wenn wir Maßnahmen ergreifen, um ihre Gesundheit zu schützen und eine sichere Umwelt zu gewährleisten", so Neira.

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Studie: So kommt der Elektroschrott nach Nigeria

Foto: UNU & BCCC-Africa

Ein weiteres Problem: Aus ausrangierten Kühlschränken und Klimaanlagen, dem am schnellsten wachsenden Teil des Elektromülls, gelangten dem Bericht zufolge klimaschädliche Gase in einer Größenordnung von schätzungsweise 98 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten in die Atmosphäre - rund 0,3 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen.

Hoffnung auf ein Ende der wachsenden Müllberge bieten die Autoren kaum. Allerdings: Der Bericht ist ein Gemeinschaftsprodukt, an dem neben der UNU und der Internationalen Fernmeldeunion auch das Uno-Umweltprogramm (Unep), die Weltgesundheitsorganisation und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung beteiligt sind. Was die Partner damit leisten, ist, die Mengen überhaupt zu dokumentieren - der erste Schritt, um das Problem zu lösen.

nck