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Elende Kapitulation

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 8/1994

Der Volksmund sagt, ein Ende mit Schrecken sei einem Schrecken ohne Ende vorzuziehen. Wenn das Ende aber kein Schrecken ist, sondern eine Katastrophe?

Am 16. März 1992 stand im SPIEGEL zum Beginn des co op-Strafprozesses in Frankfurt:

»Es gibt einen Weg, sich vor jeglicher Strafverfolgung zu bewahren: Man führe den Weltuntergang herbei.

»Allenfalls ist danach noch mit einem Jüngsten Gericht zu rechnen. Doch ob es eine derartige Schlußabrechnung gibt, steht sehr dahin.

»Der co op AG ist in den irdischen Gefilden der Wirtschaft ein Weltuntergang bereitet worden.

»Daß jetzt nur noch ein Jüngstes Gericht über jene befinden kann, die ihn herbeigeführt haben sollen - muß immerhin für möglich gehalten werden.«

Was derart als mögliches Resultat gegen sieben Angeklagte nicht ausgeschlossen wurde, ist Wirklichkeit geworden. Doch diese elende Kapitulation des Gerichts und der Anklage war nicht vorauszusehen.

Die co op AG ist zusammengebrochen. Um an die zwei Milliarden sind mehr als 100 in- und ausländische Banken geschädigt worden. Mit immer neuen Firmen und mit falschen Bilanzen hat man verschleiert. Man ist auf dem Gipfel des Greuels an die Börse gegangen.

Das trug die Anklageschrift im Kern vor. Und das Gericht ließ die Anklage zu. Doch davon ist längst nicht mehr die Rede. Ein Angeklagter nach dem anderen verschwand aus dem Prozeß - mild verurteilt wegen persönlicher Bereicherung.

Jetzt verläßt auch Alfons Lappas den Gerichtssaal. Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der co op AG hat »überraschend« eingeräumt, daß eine Million auf seinen Konten liegt, von der er nicht gewußt habe, daß sie von der co op kam.

Damit war nun auch seine Sache »entscheidungsreif«. Die Staatsanwaltschaft erhob am 101. Sitzungstag (!) eine Nachtragsanklage. Sie plädierte auf eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten.

Die Überraschung war abzusehen, als am 20. Januar bekannt wurde, daß sich die Gewerkschaftsholding BGAG mit der Deutschen SB-Kauf geeinigt hatte, der co op-Nachfolgegesellschaft. Diese befand sich seit 1989 in einem zivilen Rechtsstreit mit der BGAG, in dem sie 400 Millionen forderte.

Das Landgericht Frankfurt erklärte den Anspruch für berechtigt und empfahl einen Vergleich über 100 Millionen. Doch nun hatten sich die streitenden Parteien auf 25 Millionen verständigt . . .

Alfons Lappas, ehedem auch im Vorstand der BGAG, hat für die BGAG und ihren Chef Hans Matthöfer den Leonidas bei den Thermopylen gemacht. Und so konnte die Frankfurter Allgemeine zur Verständigung zwischen BGAG und Deutscher SB-Kauf bemerken: »Da die BGAG jetzt keinen Grund mehr hat, den Strafprozeß gegen ihren früheren Vorstand Alfons Lappas zu verzögern, könnte der Vergleich den Strafprozeß beschleunigen.« Er hat beschleunigt.

Der Sieger heißt Hans Matthöfer. Die Verlierer sind das Gericht und die Anklage. Nun heißt es, die gravierendsten Anklagepunkte seien einzustellen gewesen, weil ein Urteil in »angemessener Zeit« nicht zu erwarten war. Doch dann hat man den Mund zu voll gehabt, als man anklagte und diese Anklage zuließ.

Es ist bislang kein Wort darüber gefallen, daß die Strafjustiz angesichts eines Weltuntergangs in den Gefilden der Wirtschaftskriminalität derzeit kapitulieren muß.

Das Bundeskriminalamt hat sich umsonst durch fast 400 000 Blatt Akten gearbeitet; man spricht im Zorn von Rechtsbeugung. Fragen, die nach dem Zusammenbruch der co op hätten beantwortet werden müssen, bleiben unbeantwortet.

Der mit viereinhalb Jahren davongekommene Bernd Otto, der Star im co op-Skandal, nannte die Anklage einmal einen »schlechten Scherz«.

Ein Angeklagter nach dem anderen verschwand aus dem Prozeß

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