EM.TV-Prozess "Jederzeit nach bestem Wissen"

Am ersten Prozesstag ließen die ehemaligen EM.TV-Chefs Thomas und Florian Haffa keinen der Betrugsvorwürfe gelten. Trotz der Pfui-Rufe ruinierter Kleinaktionäre könnten sie mit einer Geldbuße davonkommen.




Brüder vor Gericht: "Das Unternehmen entwickelte sich in allen Bereichen extrem positiv"
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Brüder vor Gericht: "Das Unternehmen entwickelte sich in allen Bereichen extrem positiv"

München - Das Lachen schien Thomas Haffa zunächst vergangen zu sein. Mit versteinerter Miene betrat der frühere Strahlemann des Neuen Marktes und EM.TV-Gründer am Montag den Saal 101 des Münchner Landgerichts. Zusammen mit Bruder Florian muss Haffa sich dort gegen den Vorwurf des Kursbetrugs verteidigen. Einige Ex-Aktionäre begrüßten die früheren Manager mit Pfui-Rufen. Das Blitzlichtgewitter der Fotografen ließen die beiden, die sich früher gerne in Siegerpose vor Luxusyachten oder auf Promi-Partys ablichten ließen, kommentarlos über sich ergehen.

Staatsanwalt Peter Noll warf Thomas Haffa und Bruder Florian vor, den Halbjahresbericht 2000 mit Fehlbuchungen geschönt zu haben. Ihre optimistische Jahresprognose hätten sie bis Mitte November bekräftigt, obwohl Umsatz und Gewinn weit hinter den Erwartungen zurück geblieben und erste Liquiditätsengpässe aufgetreten seien. Der Staatsanwalt zitierte den damaligen Finanzvorstand Florian Haffa mit den Worten: "Das Geschäft läuft sehr, sehr gut, super." Beide Manager hätten die tatsächliche Lage "unrichtig wiedergegeben oder verschleiert", um den Aktienkurs zu stützen.

"Gewachsen und gewachsen"

Während er die Verlesung der Anklage fast reglos verfolgte, gewann Haffa bald sein Selbstbewusstsein zurück. Er habe schon, als er noch bei Leo Kirch unter Vertrag stand, große unternehmerische Erfolge errungen. Auch die einst winzige Medienfirma EM.TV sei unter seiner Regie gewachsen und gewachsen, weil er früh das Potenzial des Geschäfts mit dem Merchandising erkannt habe. Den Wortschatz aus alten Zeiten hat Haffa offenbar nicht verlernt. Er sprach von Meilensteinen in der Unternehmensgeschichte, attraktiven Akquisitionen, weltbekannten Marken und der internationalen Spitze, an die EM.TV vorgedrungen sei. "Das Unternehmen entwickelte sich in allen Bereichen extrem positiv."

Die Vorwürfe wies Haffa denn auch kategorisch zurück. Sein Bruder und er hätten die Lage des Unternehmens jederzeit nach bestem Wissen dargestellt. "Es ist nie meine Absicht gewesen, meine Aktionäre zu täuschen". Das Lizenzgeschäft verlaufe nun einmal nicht kontinuierlich, sondern hänge von einigen wenigen großen Abschlüssen ab. "Mit einem einzigen großen Vertrag hätten wir die Prognose noch erreichen können." Als Zeugen für konkrete Vertragsverhandlungen mit Milliardenpotenzial benannte Haffa den ehemaligen Telekom-Chef Ron Sommer, den ehemaligen Kirch-Vize Dieter Hahn und Pro-Sieben-Chef Urs Rohner. Die Fehlbuchungen erklärte sein Verteidiger, der Frankfurter Professor Rainer Hamm, mit der komplizierten Umstellung auf die internationalen Bilanzregeln.

Auch eine bloße Geldbuße möglich

Das viel beachtete Verfahren gilt als Musterprozess. Präzedenzfälle fehlen, der Ausgang gilt als offen. Verteidiger Hamm will gar einen Freispruch für seine Mandanten erreichen. Richterin Huberta Knöringer hat über ein dutzend Verhandlungstage angesetzt und geht davon aus, dass das Verfahren mindestens bis in den Januar dauert. An den folgenden Prozesstagen geht es zunächst darum, von welchem Zeitpunkt an die Haffas wussten, dass es mit ihrem Geschäft abwärts ging.

Richterin Knöringer erklärte, dass nach dem neuen Börsengesetz bei einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe, aber auch eine bloße Geldbuße wegen einer Ordnungswidrigkeit in Betracht komme. Das neue Gesetz verlangt den Beweis, dass die Angeklagten den Aktienkurs nicht nur manipulieren wollten, sondern auch tatsächlich manipuliert haben. Verteidiger Hamm sagte, selbst eine Geldbuße sei nur theoretisch möglich, denn die für das neue Gesetz notwendige Verordnung des Bundesfinanzministers sei immer noch nicht erlassen worden. Es bestünden "gravierende verfassungsrechtliche Bedenken".

"Nicht ermöglichen, in die Karibik zu entschwinden"

Thomas Haffa drang unter anderem mit dem Kauf der Rechte an der Muppets-Show und der Formel-1 auf das internationale Parkett vor, halste sich dabei aber hochriskante Zahlungsverpflichtungen auf. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes träumte er öffentlich davon, sein mittelständisches Unternehmen zum Rivalen des US-Konzerns Disney zu machen. Im Wirtschaftsjahr 2000, um das der Prozess kreist, hatte er noch bis Mitte November einen Jahresgewinn von 616 Millionen Mark angekündigt. Am 1. Dezember korrgierte er die vollmundige Gewinnprognose auf 50 Millionen Mark. Tatsächlich machte EM.TV schließlich mit Abschreibungen fast 2,8 Milliarden Mark Verlust.

Während das Verfahren anlief, machten zahlreiche Kleinaktionäre ihrem Ärger Luft. "Mein Wunsch wäre, dass man diesen Herrn Haffa hinter Schloss und Riegel bringt", sagt der Optiker Otto Uebelhör, der nach eigenen Worten durch den Kurssturz der EM.TV-Aktie mehr als 35.000 Euro verloren hat. Auch der Rentner Helmut Wolf hat sein Vertrauen in die Versprechen der Haffas bereut. Für einen Stückpreis von fast 100 Euro hatte er seine Aktien im Jahr 2000 gekauft, heute sind sie weniger als einen Euro wert. Seine Forderung: "Man sollte Thomas Haffa nicht ermöglichen, in die Karibik zu entschwinden".



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