EM.TV Verspätete Bilanz, verheizte Millionen

Thomas Haffa, Chef des angeschlagenen Medienkonzerns EM.TV, legt mit einiger Verspätung seine Bilanz für das Jahr 2000 vor. Analysten rechnen mit enormen Verlusten, die auch die Milliardengrenze überschreiten könnten.


Schließt einen Rücktritt aus: Thomas Haffa
DPA

Schließt einen Rücktritt aus: Thomas Haffa

München - Haffa will am Montag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz nach dem Einstieg der KirchGruppe bei dem krisengeschüttelten Medienkonzern auch über die strategische Neuausrichtung berichten und einen Ausblick auf das laufende Jahr geben.

Wie das "Wall Street Journal Europe" unter Berufung auf dem Unternehmen nahestehende Kreise am Montag berichtet, wird der Filmrechte-Händler für das Geschäftsjahr 2000 einen Nettoverlust vor Steuern von etwa 1,2 Milliarden Mark ausweisen. Ursprünglich hatte das Unternehmen einen Vorsteuergewinn von 600 Millionen Mark und einen Umsatz von 1,5 Milliarden Mark prognostiziert.

Noch im Dezember vergangenen Jahres wurde die Gewinnschätzung auf 50 Millionen Mark gesenkt. Nach Angaben der "Welt am Sonntag", die sich ebenfalls auf Quellen aus dem Umfeld des Unternehmens stützt, könne der Verlust aber auch wegen des "sehr hohen" Abschreibungsbedarfs wesentlich höher liegen. "Die Verluste schwanken, je nachdem wie EM.TV abschreibt, in Milliardenhöhe", heißt es dort.

Eigentlich müssen Unternehmen des Neuen Marktes die Bilanz bis spätestens Ende März vorlegen. EM.TV hatte eine Fristverlängerung um einen Monat beantragt und diese voll ausschöpft. Seinen Rücktritt wird der viel kritisierte Konzernchef Haffa nach Informationen der "Welt am Sonntag" bei der Pressekonferenz nicht verkünden. Er sei in den vergangenen Monaten "durch den Sturm gesegelt", sagte er der Zeitung. In manchen Momenten habe er an Rücktritt gedacht. Dies sei aber kein Thema mehr.

Die EM.TV & Merchandising AG (München) musste im vergangenen Jahr ihre Umsatz- und Ertragsziele drastisch nach unten korrigieren. Haffa geriet zudem ins Kreuzfeuer der Kritik, weil er entgegen Börsenregeln Anfang 2000 eigene Aktien verkaufte. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Ende des Jahres übernahm die KirchGruppe 25 Prozent der Stimmrechte und beteiligte sich an der Formel 1-Vermarktung. Im Gegenzug erhielt EM.TV eine Finanzspritze in Milliardenhöhe.

In den nächsten Monaten stehen bei EM.TV wichtige Entscheidungen an. Aus kartellrechtlichen Gründen muss der Konzern nach dem Einstieg der KirchGruppe seine Beteiligung an der Tele München Gruppe verkaufen. Zudem will sich der Konzern eventuell von der defizitären Jim Henson Company ("Muppetshow") trennen.



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